Wow, was war das für ein Abend voll kräftigem Jazz! Von Beginn an und
beide Sets hindurch komplexe Klänge voller Kraft und Dynamik. Schon lange nicht haben wir Musik in dieser Intensität gehört. Peter van Huffels "Callisto" mit:
Peter van Huffel – Baritonsaxophon, Elektronik
Lina Alemano – Trompete
Antonis Anissegos – Piano, Elektronik
Joe Hertenstein – Schlagzeug
Am Beginn steht eine ganz einfache Melodie, wenige Töne nur, die zunehmend schneller und kräftiger gespielt werden. Klingen Piano, Saxophon und Trompete anfangs noch unisono, löst sich das bald in ein wildes Creszendo divergierender Tonfolgen auf. Dazu setzt Joe Hertenstein am Schlagzeug die rhythmischen Akzente obendrauf. Aus anfänglicher Harmonie wird wilder Free Jazz vom Feinsten.
Akustische und elektronische Klangeffekte und ein phantasievolles Spiel mit Sounds standen im Mittelpunkt des heutigen Konzertes im Rahmen der Offbeat-Reihe im Gesellschaftshaus Magdeburg.
Stefan Schultze (links) und Claudio Puntin an ihrem riesigen Set von überwiegend rein akustischen Instrumenten aller Art
Leise, voller Konzentration erzeugte Klänge bestimmten den Beginn des Konzertes. Zarte Klaviertöne, Gongs wie aus orientalischen Tempeln, Regenrauschen. Bei manchen dieser Klänge überlegt man, ob diese elektronischen oder akustischen Ursprung haben. Wer Stefan Schultze kennt weiß, dass er vieles auf seinem präpariertem Klavier zaubert und Claudio Puntin hat ebenfalls einiges an Equipment aufgebaut.
Ich kann gar nicht genau sagen, was mich mehr beeindruckt hat – Vesna Pisarovic mit ihrer klaren kräftigen Stimme oder Axel Dörner mit seiner von Elektronik begleiteten Trompete. Jedenfalls war das Konzert ein minimalistisches, mit einer auf das minimal mögliche reduzierten Begleitung
des Gesangs durch nur ein Instrument.
Das Konzert beginnt mit Windgeräuschen: Axel Dörner bläst mit etwas Abstand auf sein Trompetenmundstück, lässt nur die strömende Luft tönen. Fügt dann sirenenartige Glissandotöne hinzu, indem er das Rohr seiner Firebird-Trompete bewegt, dieser eigenartigen und seltenen Mischung aus Trompete (mit Ventilen) und Posaune (mit beweglichem Zug). Und als wäre das nicht genug an ungewohntem Instrumentarium, hat er seitlich noch ein Konstrukt aus elektronischen Dreh- und Schiebereglern aufgesteckt. Aus der Elektronik kommen gesampelte Maschinenklänge hinzu, oder Sounds, wie sie die Älteren unter den Zuhörern an Töne des Kurz- oder Mittelwellenempfängers noch kennen, wenn man abends am Radio den richtigen Sender suchte.
Als Axel Dörner nochmals seine durchdringenden Töne erklingen lässt und Vesna Pisarović auf die Bühne kommt, beginnt ein interessantes Zwiegespräch zwischen Instrument und Stimme. Vesna Pisarović nimmt mit klarer hoher Stimme die Tonfolgen auf, wiederholt und variiert sie. Die Stimme als Instrument und ein Beispiel für das, was Saxophonist Warnfried Altmann bei seiner Anmoderation des Abends sagte "Wir Instrumentalisten versuchen, mit den Instrumenten zu singen. Aber das schönste Instrument ist wohl doch die menschliche Stimme, mit dem Körper als Resonanzraum." Ein harmonisches Miteinander wäre allein eher langweilig, bei den beiden Musikern unterstützt die Trompete mal den Gesang, mal bildet sie einen schreienden Gegensatz. Die so an vielen Stellen spürbare Aggressivität hat etwas faszinierendes – die Stellen mit Trompete und Stimme unisono im Gleichklang aber auch.
Der zweite Teil des Doppelkonzertes gehörte der Stimme von Sophie Tassignon, die allein mit ihrem Elektronik-Set auf der Bühne stand.
Als Sophie Tassignon auf die Bühne kommt und zu elegischen Elektronikklängen singt, da klingt das zunächst nach einer Mischung irgendwo zwischen Mittelaltermusik, osteuropäischer Folklore und indischen Ragas. Einige russische Worte höre ich heraus, und später erklärt sie auch die Herkunft der Musik aus einem russischen Film.
Auch in den weiteren Liedern behält die Musik ihren geheimnisvollen Unterton, harmoniert mit den oft etwas düsteren Texten, etwa wenn in descending tide das zurückgehende Wasser die Liebe mit sich fort nimmt. Oder in La nuit der Kampf von Tag und Nacht beschrieben wird – und die Nacht gewinnt, wie sie dazu sagt. Zischende Stimmen, die sie ihrem Gesang überlagert, bringen eine geheimnisvolle Stimmung.
Rock, Blues, Fusion – all das steckte in der Musik des Jazzrock Kollektiv Magdeburg zum Abschluss des Offbeat Jazzfestes im Gesellschaftshaus Magdeburg.
Das Jazzrockkollektiv hatte sich den Pianisten Łukasz Pawlik hinzugeholt und er gab dem Konzert dann auch eine besondere Note. Da klingen schon mal aus dem E-Piano asiatisch anmutende Klänge, aus denen die Band dann Fusionklänge formt, die von kräftigen Tönen des Flügels abgelöst werden, zu dem sich Pawlik hingewendet hat.
Stephan van Briel spielt eine leise, melodische Gitarrenballade, zu der Mohi Buschendorf später einen kräftigen Bass und Łukasz Pawlik eine zurückhaltende Klavierbegleitung hinzufügt. Etwas später spricht Stephan van Briel spricht über Jimmi Hendrix und John Coltrane: "die beiden werden wir jetzt in einem coolen Arrangement zusammenbringen". Fusion im doppelten Sinn, Blues wechselt mit Rock, elektronisch verzerrte Gitarre wird zum "Geburtstagsständchen für Jimmi Hendrix" (der exakt am 27. November 1942 geboren wurde).
Gesang trifft auf Saxophon, Vibraphon und Elektronik: Heute stand Gunter Hampel mit seinem European-New York Quartet auf der Jazzbühne im Forum Gestaltung Magdeburg:
Das Konzert von Gunter Hampel und seiner Band ist eines der ersten nach der Corona-bedingten Zwangspause, die Künstler wie Kultureinrichtungen hart traf. Nach vier Monaten Konzertpause ist dieses Zusammentreffen von Musikern und Publikum wie ein kleiner Neuanfang. Vor Konzertbeginn, als alle noch im Innenhof des Forum Gestaltung stehen, gibt es viele Gespräche über Kunst und Kultur, über die Auswirkungen für die Künstler. Auch das Ambiente vor der Jazzbühne ist ungewohnt. Statt dicht gedrängt sitzen die Gäste nun auf anderthalb Meter Abstand, Paare dürfen auch enger, es ist nicht so kuschlig wie sonst und für die Frischluftzufuhr sorgen weit offene Türen, durch die hindurch an leisen Stellen die Rufe der Mauersegler die Musik begleiten.
Als das Konzert beginnt, sind diese Umstände aber sofort vergessen. Die Musiker beginnen erst leise zu spielen, tasten sich an die Möglichkeiten der ungewohnten Konzertatmosphäre, an ihr Publikum heran. Die Musik kommt von der Bühne anfangs zweigeteilt, links Cavana Lee-Hampels Gesang, mit ihr harmonierend Johannes Schleiermachers Saxophon, auf dem er anfangs nur einzelne kurze Töne rhythmisch wiederholt, kurze Tonfolgen spielt, von rechts mischen sich glockenhelle Töne des Vibraphons. So richtig geht gleich darauf die Post ab, als Gunter Hampel die sphärischen Vibraphonklänge unterbricht und zu seiner Bassklarinette greift. Ab da kommt die Band zu einem runden Gesamtklang, wird es jazzig improvisierend und laut auf der Bühne, Bernd Oezsevim legt kräftige Rhythmen drunter – die Band spielt sich in eine wunderbare, in eine wilde musikalische Übereinstimmung hinein. Ja, genau das hat mir so lange gefehlt!
Der Eröffnungsabend der zweiten Magdeburger Jazztage stand unter dem Titel "Nu Jazz aus Osteuropa". Das erste Konzert des Abends kam von Zoltan Lantos' Open Source
Die Band um den ungarischen Geiger Zoltán Lantos spielte modernen osteuropäischen Jazz, der überraschend frisch und modern war und eher den Clubsound der Großstädte verkörperte. Der Ungar Zoltan Lantos kombinierte seine Geige mit Klängen von Keyboard und Synthesizer. Seine elektronisch aufbereiteten Geigenklänge, mit Synthesizer untersetzt, bildeten eine durchdringende Klangkulisse, magisch und geheimnisvoll. Die osteuropäische Herkunft merkt man den Klängen nur ab und an, nur schemenhaft an. Bald tauchte die Musik in eine moderne Welt ein, Anklänge an die große Zeit der Fusion-Music wurden hörbar. Musik, die mich unter anderem an Klaus Doldinger erinnerte. Den Lantos zu einem seiner musikalischen Inspirationsquellen zählt. „Auch von der skandinavischen Musik, world music und von der Musik von Stockhausen lasse ich mich in meinen musikalischen Gedanken leiten.“
Geoff Goodman – Gitarre Ardhi Engl – Gitarre, div. Eigenbauinstrumente
Sebi Tramontana – Posaune
Bill Elgart – Schlagzeug
Das Projekt der vier Musiker lebt zu einem guten Teil von den Klangexperimenten des bayrisch-sumatranischen
Gitarristen Ardhi Engl, der für seine selbst erfundenen Instrumente "Klangobjekte, Materialien, Utensilien und Fundstücke aus den Bereichen Ab-, Zu- und Einfall verfremdet und bespielt", wie es auf der Webseite von Metal, Wood & Wire heißt. Neben diesen experimentellen Klängen gab es aber auch handfest improviserten Jazz zu hören.
Die vier Musiker haben kaum auf der Bühne Platz genommen, da erobert auch schon ein Chaos von Tönen den Raum, erzeugt Ardhi Engl auf einer Art klingendem Kleiderständer (seinem „Stangl-Baß“, wie er ihn später nennen wird) und anderen selbst gebauten Instrumenten willkürliche Klänge. Gitarre, Posaune und Schlagzeug stehen dem nicht nach und spielen ebenso abseits von Melodien. Doch allmählich werden die Töne klarer, formen sich Strukturen aus dieser klanglichen Ursuppe. Aus Klängen werden Töne, entwickeln sich Melodien. Eine musikalische Evolution findet vor den Ohren der Konzertbesucher statt, eine Metamorphose vom Chaos zur Musik.
Das nächste Stück wird von der Elektronik beherrscht, bzw. den elektronisch verstärkten Tönen, die Engl einer Art Daumenklavier entlockt, konstruiert aus Zahnstochern, Laubsägeblättern, Schraubenfedern und ähnlichem Zubehör. Später bringt er ein Besenstiel-Cello oder eine Schlauchflöte zum klingen. Instrumente, aus dem zusammengebastelt, was ihm grad vor die Finger kommt. „Ich bin ein Verfechter des preiswerten Musizierens“, sagt Engl im Pausengespräch über sein Instrumentarium. Wenn er "Spaß daran hat, aus einfachen Dingen etwas herzustellen", dann hat er auf jeden Fall ein Händchen dafür, daraus auch etwas Klingendes zustande zu bringen. Später kommt sogar ein röhrenverstärkter Sinusgenerator (PM5100 von Philips) zum Einsatz, bei dem der Rezensent aus früherer Begeisterung für den Physikunterricht leuchtende Augen bekommt.
Der Begriff der musikalischen Landschaften, den Werner Hasler zur Beschreibung seiner Musik benutzt, ist schon ganz zutreffend gewählt. Zu Beginn waren es nur Werner Haslers Trompete und Vincent Courtois' Cello, die erst leise klangen, allmählich kräftiger werdend und wenig später von Julian Sartorius rhythmisch begleitet. So wie in einem sich allmählich zur Umgebung öffnenden Landschaftspark stand man unmerklich schon in der Weite der Klanglandschaft. Eine Mischung aus Klängen und Rhythmen füllte den Raum, kaum etwas davon folgte vordergründig irgendwelchen Melodien. Es war Musik, die "einfach so" aus sich heraus in Fluß zu sein schien. Das alles jedoch in einer ganz sanften Weise, ruhig zwar, aber zugleich auf eine faszinierende Weise interessant.
Teilweise nahm Hasler seine Trompete ganz heraus und stand dann an seinem Computer, mit dem er das verarbeitete, was Courtois und Sartorius spielten. Das war Musik wie ein Soundtrack zu Metropolis, mit Hasler als Bediener der Musik-Maschine. Ein Experimentieren mit Tönen und Klängen, das einfach Freude machte. Durchaus auch anspruchsvoll ob des in gespannter Neugier konzentrierten Hörens.
Courtois am Cello scheinbar immer neue Möglichkeiten findend, dem Instrument Töne zu entlocken (haben Sie schon mal erlebt, wie man ein Cello mit zwei Bögen gleichzeitig streicht), dabei hoch virtuos. In schnellen Glissandi die Saiten streichelnd, dann wieder kräftig gezupft. Töne jenseits gewohnter musikalischer Skalen wurden durch den spielerischen Umgang völlig vertraut und selbstverständlich. Sartorius stand dem Experimentieren nicht nach, wenn er nicht nur Rhytmen produzierte, sondern seinen Drums zuweilen auch an Streichinstrumente erinnernde Töne entlockte, mit angestrichenem und angeriebenem Trommelfell.
So gab es dann auch weite Strecken, die dem Dialog von Cello und Schlagzeug gehörten, und in die Hasler nur sparsam elektronische Klänge oder ganz leise Trompetentöne mischte.
Das Magdeburger Publikum zeigte sich als ein konzentriertes und aufmerksames, das auf die Klangexperimente einging. Selbst wenn nicht Töne der Instrumente, sondern einsetzende Stille den Raum füllte, als nach der eingespielten Stimme von John Cage The sound experience which i prefer to all others, is the experience of silence die Musiker ihr Spiel unterbrachen. Wenn normalerweise an solchen Stelle Applaus vorprogrammiert ist, blieben die Zuhörer still und konzentrierten sich auf die dann noch bleibenden Geräusche im Raum.
Das Trio spielt am liebsten in einem Set durch und Warnfried Altmann, der die drei Musiker schon am Vortag in seinem Heimatort Wangelin zu Gast hatte, sagte später "ich mußte die drei erst mal überreden, überhaupt eine Pause zu machen". Tatsächlich waren die Musiker so in ihrem musikalischen Fluß, in dem Einverständnis ihres Zusammenspiels versunken, daß sie noch lange hätten so weitermachen können. In meiner Erinnerung bleibt ein Konzert, bei dem man "einfach so" zuhörend alles Alltägliche vergessen konnte.
Roko Zahariev – Trompete, Percussion
George Donchev – Bass
Todor Stoyanov – Keyboards
Alexander Daniel – Schlagzeug
Der Name der Band, FlyWe2TheMoon, spielt mit den Assoziationen der Zuhörer, stellt man sich doch dabei entweder die Melodie von Fly me to the moon vor, oder vielleicht irgendetwas, das mit Mond und Raumfahrt zu tun haben könnte. Das jedenfalls ersteres nicht zutrifft, kündigte bereits Warnfried Altmann in seiner Anmoderation an. Letzteres könnte da eher stimmen, denn das Konzert begann mit sphärischen Klängen, Geräuschen wie aus Science-Fiction-Filmen, die Alexander Daniel auf seinen diversen elektronischen Instrumenten und Synthesizern mixt, von Roko Zaharievs Trompete als tragendem Element überlagert, von Bass und Schlagzeug begleitet. Mehr Sound-Experiment als Musik, etwas auf den ersten Blick schwer einzuordnendes. Zugleich auch etwas zeitloses, wenn man die Augen schloß und den Klängen lauschte, kam vielleicht ein Bild von StarTrek vor Augen, mit einem Raumschiff auf der Reise durch die tiefe Schwärze des Alls. Mitunter hörte man auch Anklänge an Elektronikpioniere wie Klaus Schulze oder Tangerine Dream. Später auch wieder eher akustische Töne, etwa wenn Zahariev leise und in sich gekehrt auf diversen Percussion-Instrumenten spielte, wenn die Musik von Trompete, Bass und Schlagzeug bestimmt wurde.
Die Musik der Band wurde in weiten Teilen vom Improvisieren bestimmt; es gab lange Strecken, in denen die Musiker sich einfach von den Inspirationen treiben ließen, die jeweils einer von ihnen mit kleinen Melodien vorgab. "We are on a flying carpet", sang Roko Zahariev in einem der Stücke zutreffend und sagte später zur Musik der Band: "We are no dealing with something before or after, we are dealing with now". Womit er die Art beschrieb, ohne vorherige Vorgabe das in Töne umzusetzen, was im Augenblick passiert.
Im Pausengespräch ordnete Roko Zahariev die Höreindrücke in einen noch weiteren Zusammenhang ein. "Wir kommen aus ganz unterschiedlichen musikalischen Bereichen", sagte er, "und sind von Free Jazz ebenso inspiriert wie von nativer afrikanischer oder indianischer Musik, aber auch Electronic oder Punk". Und fügt, nach dem Konzept der Musik gefragt, hinzu, daß es bewußt keines gebe. "Wir sprechen vor jedem Konzert über die Vorstellungen, und da ist die Musik jeden Tag etwas anders". So entstehen aus der Mischung der vielfältigen Einflüsse groovige, elektronisch geprägte Klänge, die zu keinem exakten Genre zu gehören scheinen.
Auf der Bühne von Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus standen heute Kelvin Sholar (USA) – Piano, Keyboards, electronics Daniel "El Congo" Allen (Kuba) – Trompete, congas Javier Reyes (Kolumbien) – Schlagzeug
Bevor die Band mit dem Konzert begann, sprach Kelvin Sholar von der Rolle der Musik als "der einen weltweiten Sprache", mit ihrer die Menschen verbindenden Funktion. Und er dankte Warnfried Altmann dafür, daß er mit der Organisation der Konzerte immer wieder Musiker und Publikum zusammenbringt. "Wir können überall auf der Welt spielen", sagte er, aber "es braucht
Leute wie Altmann, die begreifen, wo neue Musik entsteht und die helfen,
diese Musik weiter zu verbreiten".
Sholar führt in seinem Musikprojekt "XO" völlig unterschiedliche Welten zusammen, wenn er laute, computergenerierte elektronische Klangmuster als Grundlage nimmt und damit die akustischen Instrumente, auf denen teilweise auch Jazz-Standards erklingen, in eine ungewohnte Umgebung bringt. Daraus entsteht eine kräftige Musik, die in ihrer ungewohnten Mischung wohl recht
einzigartig sein dürfte. Was mitunter zu dem Problem führt, daß auch unterschiedliche Publikumserwartungen aufeinandertreffen, wie Sholar im Pausengespräch
sagte. Was nicht für das Magdeburger Publikum gilt – denn das ist schon seit Jahren damit vertraut, ja geradezu neugierig darauf, in der monatlichen Jazzreihe im Schauspielhaus immer wieder auf ungewöhnliche Klänge zu stoßen, auf "Neues von der improvisierten Musik" (in Anlehnung an den Untertitel einer Jazz-Sendung im DLF).
Kelvin Sholar, Daniel "El Congo" Allen und Javier Reyes
Sholar mischte zu Beginn elektronische Klänge in
lateinamerikanische Rhythmen, in die sich Daniel "El Congo" Allen an den
Congas und Javier Reyes an den Drums gegenseitig hinein steigerten.War das erste Stück laut und mitreißend, war das zweite das Gegenteil. Sholar spielte am Flügel solo, leise und leicht dahin gespielte Melodien. Als er begann dazu wie nebenbei mitzusingen, hatte das etwas sehr privates, es war als käme man als Zuhörer zufällig in einem Moment dazu, in dem der Musiker sich unbeobachtet fühlend nur so vor sich hin spielt. So ruhig blieb es aber nur kurz. Später mischte sich El Congos Trompete hinein, gab Reyes den Rhythmus vor, und plötzlich klang die Musik wie aus der großen Big-Band- und Swing-Zeit. Wenn Sholar eingangs versprach, das Publikum auf ein Experiment mitzunehmen, dann galt das auch für die elektronische Verfremdung der Trompetenklänge, die gesampelt und Echos gleich vervielfältigt wurden, zu Klangmustern wuchsen. Man fühlte sich in ein Klanglabor versetzt, es blubberte und schwirrte durch den Raum. Duke Ellingtons Klassiker It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing, am Klavier angespielt, mal von der Trompete aufgenommen,mal nur noch im Rhythmus erkennbar, wurde zu einer langen, phantasievollen Improvisation. Ja, das hatte Swing.
Musikalisch saß Sholar zwischen allen Stilen (wenn mir das etwas banale Wortspiel erlaubt sei), wenn er nach harten Elektrobeats wieder in die akustischen Tasten griff und Jazzstandards spielte. Im Rhythmus-Wettlauf gegen zwei Schlagzeuger (Allen an den Congas und Reyes an den Drums) antretend – wer da wen vrantrieb (und wer das Rennen begann) war nicht klar zu entscheiden, so wild wurde die Musik. Zusammen mit den wieder einsetzenden Elektroklängen wurde die Bühne zu einer großen Drum-Machine, das Pendant zu den Posaunen von Jerichow.
So kräftige Musik wie heute hatte Jazz in der Kammer schon lange nicht erlebt. Teils war die Musik laut, wie für eine große Festivalbühne gedacht, es fehlten nur Nebelmaschine und bewegte Scheinwerfergruppen. Dann wieder bestimmten die akustischen Instrumente den Ton. Mag die Musik einem Anhänger traditionellen Jazz' teilweise zu modern geklungen haben, für mich war sie ein Erlebnis. Erinnerten mich doch die eletronischen Klänge, auch an lange zurückliegende Jahre, als ich derartiges von Tangerine Dream oder Klaus Schulze hörte. Nur stand die Elektronik bei Sholar nicht im Vordergrund, war auch nicht bloße technische Spielerei. Der Sound-Mix der Band zeigte das gekonnte Bewegen in völlig unterschiedlichen Welten.
Zuletzt: bei einem Dezember-Konzert liegt ja Weihnachten nahe. Nein, damit hatte das Konzert kein bischen zu tun. Eher war es ein Kontrastprogramm zur im Dezember allzuoft besinnlichen seichten Weihnachtsmusik.
Bonusmaterial:
Kelvin Sholar hat in seinem Youtube-Kanal zwei Videos vom Magdeburger Konzert veröffentlicht, die einen kleinen Eindruck von der Musik geben.
Trio Elf mit
Gerwin Eisenhauer – Schlagzeug
Walter Lang – Piano
Sven Faller – Bass
Mario Sütel – Electronics
Was für eine Kraft! möchte man ausrufen, wenn man die Musik von Trio Elf hört. Die Band war mit Abstand das Stärkste, was ich in der zurückliegenden Zeit gehört habe. Wenn das Trio über sich selbst sagt, "Nicht schon wieder ein weiteres Jazztrio", dann ist da schon was dran. Die Musik ist so ungewohnt, ist für den Jazz vielleicht so etwas wie vor Jahren die Neue Deutsche Welle für den Pop. Oder, nein, Trio Elf ist (im Sinne von unerhört neuer Musik) Punk-Rock. Ist frisch, frech und laut – und ist doch gleichzeitig auch perfekt und sauber gespielt.
Das Konzert begann dabei noch ganz ruhig. In "Elfenklang" (welch schönes Wortspiel) ließ Walter Lang seine Pianoakkorde lange nachhallen, von Sven Faller am Bass nur sparsam begleitet – bis dann plötzlich und laut Gerwin Eisenhauers Schlagzeug einsetzte. Mit einem einfachen klaren Rhythmus, aber mit vollem Einsatz. Bereits dieser Beginn stand für den kompletten Abend, (wenige) ruhige Teile wechselten sich mit lauten kräftigen ab. An den ruhigen Stellen eines Stückes konnte man durch den Einsatz von Elektronik indische Tabla-Klänge heraushören, konnte man die Augen schließen und träumen, bis dann, als wäre es den Musikern zu ruhig geworden, das Schlagzeug die Musik explosionsartig in ein wildes Furioso verwandelt. Die von Mario Sütel vom Mischpult aus zugespielten Klänge – oft von den Instrumenten unmittelbar abgegriffene Töne, gesampelt und verfremdet und dann wieder eingespielt – waren an vielen Stellen deutlicher Bestandteil der Musik, jedoch nie in einem störenden Übermaß. So waren dann auch mal Instrumente zu hören, die auf der Bühne nicht zu finden waren, wie die singenden Sägen in "Down". Oder gesampelte Schlagzeugklänge, mit denen Sütel in Dialog mit Eisenhauer trat. Interessant war auch "Why? Because!", eine (wie die Musiker sagten) Mischung zwischen Bach und Beatles, (oder wie ich sagen würde: irgendwas zwischen Dur, Moll und 12-Ton-Musik), bei dem tatsächlich Fugen von Bach herauszuhören waren: 1. Satz Andante, 2. Satz Allegro Prestissimo. Ja, laut war die Musik, teils bis fast an die Schmerzgrenze heran. Und obwohl ich da ein wenig empfindlich bin – bei Trio Elf hat das alles zusammengepasst, leiser hätte man die Musik kaum richtig über die Bühne bringen können. Mein Favorit (auch von der aktuellen Live-CD, die beim Schreiben grad im Hintergrund läuft): Hammer Baby Hammer! – Maschinenmusik, bei der ein D-Zug durchs Publikum fährt.
In den Moderationen, bei denen sich alle drei Musiker abwechselten, ging es bei der Ansage des Kraftwerk-Titels "Die Mensch-Maschine" auch darum, welche Musik aus Deutschland im Ausland bekannt ist, wie die Deutschen dort wahrgenommen werden. Nach den Auslandstouren des Trios wird wohl auch das Bild eines vielleicht merkwürdigen, aber sehr kräftigen und lebendigen deutschen Jazz gehören.
Nach dem Konzert konnte man von einigen Konzertbesuchern hören, daß sie sich am liebsten zur Musik bewegt, dabei getanzt hätten. Oder auch ein, wie es Warnfried Altmann auf den Punkt brachte, "Phantastisch!".