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Samstag, 16. Januar 2016

Gedenkkonzert: "Ein wahres Elend der verdammte Krieg"

Am 71. Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs fand im Forum Gestaltung ein Konzert statt zum Gedenken an die Bombennacht des 16. Januar 1945, aber auch an die erste Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg am 10. Mai 1631.
Mitwirkende waren:
Neuer Magdeburger Kammerchor unter der Leitung von Christian Hoffmann,
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (dr, perc)
Trio Fisarmonica (Christian Waltenberg, Frances Twardoch, Marius Beier, acc)
Der Satz "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg", der dem Konzert seinen Titel gab, stammt bereits aus dem Jahr 423 v.u.Z., aus einem Schauspiel des antiken Dichters Aristophanes. An Gültigkeit und Aktualität hat er indes nichts verloren und ist – leider – über alle Zeiten hinweg von universeller Gültigkeit geblieben. So ist das jährliche Konzert am 16. Januar Gedenken und Mahnung zugleich.

Die Bühnenscheinwerfer tauchten das Foyer des Forum Gestaltung in einen Schein aus feuerrotem und flammengelben Licht. In diese bedrohlich-düstere Lichtstimmung hinein klangen erst einzelne Glockentöne aus Hermann Naehrings Schlagwerk, gefolgt von bedrohlichen Klängen aus Warnfried Altmanns Saxophons. Die Töne und Geräusche, die dann erklingen, mögen sich nicht zu Melodien formen, bleiben unbestimmt und unterstützen in ihrer Zusammensetzung die bildlichen Vorstellungen der Besucher – die wohl jeder im Kopf hat als Bilder von Krieg und Zerstörung, Bilder aus alten Filmen oder aus neuesten Nachrichten.


Als dann der Chor einsetzt, geschieht das mit einem erst leisen, dann immer stärker werdenden Stimmwirrwar, aus dem immer deutlicher der Name einer Stadt vernehmbar wurde: Magdeburg. Stimmen, wie sie von Mund zu Mund eine Nachricht weitergeben, das Entsetzen über das Ungeheuerliche und das noch-nicht-wahrhaben-wollen ausdrückend. Das anschließende Introitus eines Requiems (Requiem aeternam...  Herr, gib ihnen die ewige Ruhe), unterstrichen durch mächtige Paukenschläge und Beckengetöse, erschien wie eine Bekräftigung der Nachricht. Der Chorgesang wurde im Versuch, mit dem Kriegslärm des Schlagzeugs mitzuhalten, immer lauter, brach dann unmittelbar ab. Dieser Wechsel zwischen laut und leise, mehrfach eingesetzt, erzeugte eine ungeheure Dynamik, zumal auch aus dem gespannt lauschenden Publikum keinerlei Geräusch zu hören war. 

Kamen die Klänge des Krieges zunächst von den Rhythmusinstrumenten, so wurde das vom Akkordeon-Trio mit den "Sounds of war" von Józef Wojtarowicz fortgesetzt – mit einer riesigen Bandbreite an Tönen und Klängen, die weit über Töne, Akkorde und Melodien hinausgehen. Die drei Musiker ließen ihre Instrumente atmen und zischen, seufzen und singen. Das Stück des polnischen Komponisten sah Chorleiter Christian Hoffmann auch als zentrales Element des diesjährigen Gedenkkonzertes an. "Um dieses Stück herum habe wir die Interpretation des Chores und die Improvisationen der anderen beiden Musiker angeordnet und darauf abgestimmt". So war auch der Chorgesang in weiten Teilen des Konzertes durch das Formen von Klangflächen bestimmt, durch stimmlich geprägte Melodien, die ohne förmlichen Text auskamen. Damit wurde der Chor selbst zum Instrument, das in Zusammenspiel und Wechselwirkung mit dem Saxophon und mit dem Schlagwerk des Klangkünstlers Naehring stand. Wieder mehr durch Text bestimmt war dann die beeindruckende Interpretation von Rudolf Mauersbergers Motette "Wie liegt die Stadt so wüst" durch den Neuen Magdeburger Kammerchor, die auf biblischen Texten beruhend das Grauen im Angesicht einer in Trümmern liegenden Stadt beschreibt. Kreuzkantor Mauersberger komponierte das Chorwerk im Jahr 1945, unter dem Eindruck der Zerstörung Dresdens, das einen Monat nach Magdeburg dem Bombenkrieg zum Opfer fiel.

Das Konzert beendete der Chor mit einem Rezitativ, mit dem Gedicht "Flammentropfen" des türkischen Dichters Zafer Senocak:
Ein Flammentropfen sucht ein Versteck
kreiselnd in der Luft
öffne ihm dein Hemd
bevor die Wolke
die um die Erde kreist
auch über unser Land zieht.
Ein Gedicht in düster-prophetischer Ausstrahlung. Für Magdeburg kam damals die Hoffnung zu spät, jemand könne die Flammen noch einfangen.

Als das Konzert beendet war, blieben die Künstler auf der Bühne noch lange schweigend stehen, das Publikum reglos sitzen. Ein gemeinsames stilles Innehalten, Zeit des Gedenkens an die Toten des nun 71 Jahre zurückliegenden Krieges und aller aktuellen Kriege. Auch abgesehen vom historischen Anlasses bleibt von dem 2016er Gedenkkonzert die Leistung aller Künstler in Erinnerung, die ihre Instrumente und Stimmen zu einem großen und beeindruckendem Klangbild vereinten.

Kurz nach dem Ende des Konzertes, um 21:28, als am 16.01.1945 die Bombardierung Magdeburgs begann, läuteten alle Glocken der Stadt mit mahnendem Ruf: nie wieder Krieg!

Schweigendes Gedenken unter Glockengeläut,
um 21:28 Uhr auf dem Magdeburger Domplatz

Freitag, 16. Januar 2015

Gedenkkonzert: "Ein wahres Elend der verdammte Krieg"

Mit dem Neuen Magdeburger Kammerchor unter der Leitung von Christian Hoffmann,
Johanna Mohr (sopran),
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (dr, perc)
Friederike Franke

Der bezeichnende Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" stand schon über vielen Konzerten, die es zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt Magdeburg im Forum Gestaltung gab. Zunächst im Saal und als Begleitung einer Filmcollage über Krieg, Zerstörung und Untergang aufgeführt – nun schon zum zweiten Mal in der Kombination von Chor, Saxophon und Schlagwerk und diesmal mit einer zusätzlichen Solo-Stimme.

Begonnen hatte das Konzert aber mit einer Lesung, aus dem Tagebuch von Lena Muchina. Still wurde es im flammenrot-düster beleuchteten Treppenhaus des Forum Gestaltung, als Friederike Franke Berichte aus dem Kriegswinter 1941/42 las. Berichte einer jungen Frau, die in Belagerung eingeschlossen Kälte und Hunger erlebt – und nach und nach den Tod aller ihrer Angehörigen. Da war nichts von heroischem Heldenmut zu spüren, nur Verzweiflung und Not. "Jetzt bin ich allein", endete der Auszug aus dem Tagebuch. Der Hinweis auf Leningrad als Ort des Geschens war da allenfalls zur historischen Einordnung des Gehörten wichtig, denn so oder ähnlich ging es damals Millionen und geht es auch noch heute. So lenkte Norbert Pohlmann mit seiner Inszenierung des Programm wie schon in den Vorjahren den Blick von der Zerstärung Magdeburg aus in einen größeren Zusammenhang, auf das universelle Leid der Zivilbevölkerung.

Friederike Franke

In die wieder einsetzende Stille mischten sich leise Stimmen, die erst allmählich als die Worte "Nie wieder Krieg" erkennbar wurden. Stimmen der Sänger und Musiker, die langsam das Foyer betraten und sich zu einem Chor formierten, der das "Nie wieder Krieg" in an- und abschwellende Sirenentöne formte. Ein Chor, der wie in der antiken Tragödie das Geschehen und die Gefühle kommentierend zusammenfaßt, ohne selbst eingreifen zu können.

Der Neue Magdeburger Kammerchor
Warnfried Altmann, Johanna Mohr
und Hermann Naehring

Der Chorgesang und Johanna Mohrs darüberliegender Sopran wurden von Hermann Naehrings lautem Schlagwerk kontrastiert, das die Granaten- und Bombenschläge nachbildend den Chor übertönte und in das Warnfried Altmanns Saxophon sich schreiend einmischte. Damit war der Krieg auch musikalisch angekommen.

Im Mittelteil des Konzertes bezogen die Musiker den kompletten Raum in ihre Aufführung ein. Der Chor hatte sich auf der oberen Etage aufgestellt, unsichtbar für die Zuhörer, und sang dort Stücke eines Requiems, während unten Naehring und Altmann spielten. Ein akustisches Experiment, das gleichwohl zu Stimmung und Anlaß des Konzertes paßte, hatten doch die langsam und getragen gesungenen Chorsätze durch den Hall des Raumes etwas erhabenes und zugleich mystisches.

Im dritten Konzertteil stand der Chor wieder auf der Treppe im Foyer und begleitete nochmals Johanna Mohr. Der Chorgesang, von Johanna Mohr gesungene Liedfragmente und von Altmann auf dem Saxophon gespielte Musik, in der man gelegentlich auch ein "Auferstanden aus Ruinen" heraushören konnte, verwoben sich zu einer eigenartigen Mischung, die schließlich mit dem leise ausklingenden "Nie wieder Krieg" des Chores endete.


Anschließend Schweigen, das lange anhielt, ehe das Publikum zögernd Applaus spendete. Zögernd darüber, ob man aus diesem Anlaß überhaupt klatschen darf oder soll. Und in der Tat gab es früher auch Konzerte, in denen das Publikum noch lange still sitzen blieb und erst allmählich und leise herausging.
Nicht lange nach dem Konzert ertönten überall in der Stadt und auch vor der Tür des Forum Gestaltung deutlich vernehmbar die Kirchenglocken, an den Beginn des Bombenangriffs erinnernd, der Magdeburg zerstören sollte.

Bleibt zum Schluß – und nicht zum ersten mal – die Frage, wie man über solche Musik schreiben soll und kann. Darf man ein solches Konzert überhaupt "schön" nennen. Ja, man darf. Es war ein schönes, ein ausgezeichnetes, ein wichtiges Konzert. Und was die Künstler geboten haben, war großartig. Allen voran der Neue Magdeburger Kammerchor, der sich in dieser Musik weit abseits von herkömmlichem Liedgut bewegte.


Donnerstag, 16. Januar 2014

Gedenkkonzert im Forum Gestaltung

Ein Wahres Elend, der verdammte Krieg“, unter diesem Titel stand auch in diesem Jahr wieder das Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. In diesem Jahr sang der Neue Magdeburger Kammerchor unter Leitung von Christian Hoffmann, begleitet von Warnfried Altmann (Saxophon) und Hermann Naehring (Schlagwerk).

In der Begrüßung der Konzertbesucher durch Norbert Pohlmann wurde die Schwierigkeit deutlich, ein solches Konzert einzuleiten, zugleich an das tausendfache Elend so vieler unschuldiger Menschen zu erinnern und dabei auch noch der Gefahr zu begegnen, daß seit Jahren auch Rechte diesen Tag für sich vereinnahmen wollen. Zum Konzert sagte er, daß nach den in den letzten sieben Jahren gezeigten Videocollagen etwas neues ausprobiert werden sollte, daß nun ein Chor, der im Forum Gestaltung beheimatete Neue Magdeburger Kammerchor gemeinsam mit improvisierenden Musikern das Programm gestalte.

Das Konzert begann mit ganz leisen Tönen eines vom Chor gesungenen Chorals, der zunächst ganz langsam und noch fast unmerklich von leisen Glockentönen aus Hermann Naehrings riesigem Instrumentarium begleitet wurde. Als Naehring begann, auf seinen Trommeln und Pauken auch lautere Töne anzustimmen, als Altmann sein Saxophon laut schreien ließ, fielen dem langjährigen Besucher der Gedenkkonzerte im Forum Gestaltung die in den letzten Jahren zur Musik gezeigten Bilder ein, Bilder vom Kreislauf aus Propaganda, Rüstung, Angriffskrieg, Bombardement und Tod. Eine wohl unvermeidliche Assoziation - wenn man die Augen schloß, sah man die schwarzweißen Filme deutlich vor sich. Überhaupt war es ein Abend der Assoziationen, die sich aus der ungewohnten, weil überhaupt nicht melodischen Kombination von Kammerchor und instrumentaler Improvisation ergab. So gab es mehrer, lange Passagen, wo der Chor unvermindert weitersang, als Schlagwerk und Saxophon ihn mit ihrer gesamten Kraft um ein mehrfaches übertönten. Nur noch an der Bewegung der Münder konnte man das Singen erahnen. Meine Gedanken gingen an den Streit zwischen gut (Chor) und Böse (Instrumente), zwischen Krieg und Frieden, schwarz und weiß, den für eine Zeit lang das Böse, laut tönende für sich entschied. Hermann Naehrings Interpretation, die er nach dem Konzert äußerte, gingen da eher in Richtung eines direkteren Bildes, als er sagte, „so war das eben im Bombenkrieg – die Menschen schrien, aber man konte sie im Lärm der Bomben nicht hören“. Schon wieder hatte ich eine Assoziation vor Augen: die schreiend aufgerissenen Münder in Picassos "Guernica".
Für den Chor war es sicher eine Herausforderung, gegen die dissonant und lautstark spielenden Instrumente ansingen zu müssen. Für die Zuhörer waren dies die besonders eindrucksvollen Stellen, an denen sie fassungslos ob der unerhörten Klänge lauschten, waren das die Stellen, die dem Titel des Konzerts besonders nahe kamen. 

Der Neue Magdeburger Kammerchor zeigte die volle Breite seines musikalischen Könnens, sang nicht nur harmonische Chorsätze von Bach und anderen, sondern schaffte es auch, auf Zeichen seines Dirigenten bewußt "durcheinander" zu singen, Dissonazen in die Stimmen zu legen. Aber auch an anderen Stellen, unterstützt durch den starken Hall des Treppenhauses des Forum Gestaltung, sogar so etwas wie schweren Glockenklang heraushören zu lassen.

Überhaupt war die stark hallende Akustik bewußt in das Konzert einbezogen und von den Musikern ausgenutzt worden. Warnfried Altmann sagte dazu, warum das Konzert nicht wie sonst im Ausstellungssaal stattfand: "das Foyer haben wir bewußt wegen der Akustik gewählt, und für Hermann und mich, die wir auch oft in Kirchen spielen, war das ganz normal".

Das Konzert war für mich ein ganz besonderes Erlebnis: musikalisch anspruchsvoll – und wegen der experessiven Musik sehr schwer mit Worten zu beschreiben, was da zu hören war.