Zweite Band des Eröffnungsabends der Magdeburger Jazztage 2017 war die bulgarische Band Fly We To The Moon.
Rokko Zahariev – Trompete, Percussion
Georgi Donchev – Bass
Todor Stoyanov – Keyboard
Alexander Daniel – Schlagzeug
Als Fly We To The Moon, die Band des bulgarischen Trompeters Rokko Zahariev, auf der Bühne steht, ertönen zum Auftakt verzerrte Trometenklänge, langsam und tief. Der dazu passende akustische Baß wird von elektronischen Sounds kontrastiert. Die Musiker experimentieren mit ihren Instrumenten, über allem schweben Klänge eines Synthesizers. In spaciger Weltraummusik platzende Bubbles, dazu Beat Boxring des Keyboarders, immer neue Ideen lassen sich die Musiker dazu einfallen.
So im Probieren versunken dauert es eine halbe Stunde, bis die Musik Fahrt aufnimmt, dann aber ihre Geschwindigkeit auch gleich verdoppelt. Daraus ergibt sich schneller Balkan-Jazz.
Der Eröffnungsabend der zweiten Magdeburger Jazztage stand unter dem Titel "Nu Jazz aus Osteuropa". Das erste Konzert des Abends kam von Zoltan Lantos' Open Source
Die Band um den ungarischen Geiger Zoltán Lantos spielte modernen osteuropäischen Jazz, der überraschend frisch und modern war und eher den Clubsound der Großstädte verkörperte. Der Ungar Zoltan Lantos kombinierte seine Geige mit Klängen von Keyboard und Synthesizer. Seine elektronisch aufbereiteten Geigenklänge, mit Synthesizer untersetzt, bildeten eine durchdringende Klangkulisse, magisch und geheimnisvoll. Die osteuropäische Herkunft merkt man den Klängen nur ab und an, nur schemenhaft an. Bald tauchte die Musik in eine moderne Welt ein, Anklänge an die große Zeit der Fusion-Music wurden hörbar. Musik, die mich unter anderem an Klaus Doldinger erinnerte. Den Lantos zu einem seiner musikalischen Inspirationsquellen zählt. „Auch von der skandinavischen Musik, world music und von der Musik von Stockhausen lasse ich mich in meinen musikalischen Gedanken leiten.“
Roko Zahariev – Trompete, Percussion
George Donchev – Bass
Todor Stoyanov – Keyboards
Alexander Daniel – Schlagzeug
Der Name der Band, FlyWe2TheMoon, spielt mit den Assoziationen der Zuhörer, stellt man sich doch dabei entweder die Melodie von Fly me to the moon vor, oder vielleicht irgendetwas, das mit Mond und Raumfahrt zu tun haben könnte. Das jedenfalls ersteres nicht zutrifft, kündigte bereits Warnfried Altmann in seiner Anmoderation an. Letzteres könnte da eher stimmen, denn das Konzert begann mit sphärischen Klängen, Geräuschen wie aus Science-Fiction-Filmen, die Alexander Daniel auf seinen diversen elektronischen Instrumenten und Synthesizern mixt, von Roko Zaharievs Trompete als tragendem Element überlagert, von Bass und Schlagzeug begleitet. Mehr Sound-Experiment als Musik, etwas auf den ersten Blick schwer einzuordnendes. Zugleich auch etwas zeitloses, wenn man die Augen schloß und den Klängen lauschte, kam vielleicht ein Bild von StarTrek vor Augen, mit einem Raumschiff auf der Reise durch die tiefe Schwärze des Alls. Mitunter hörte man auch Anklänge an Elektronikpioniere wie Klaus Schulze oder Tangerine Dream. Später auch wieder eher akustische Töne, etwa wenn Zahariev leise und in sich gekehrt auf diversen Percussion-Instrumenten spielte, wenn die Musik von Trompete, Bass und Schlagzeug bestimmt wurde.
Die Musik der Band wurde in weiten Teilen vom Improvisieren bestimmt; es gab lange Strecken, in denen die Musiker sich einfach von den Inspirationen treiben ließen, die jeweils einer von ihnen mit kleinen Melodien vorgab. "We are on a flying carpet", sang Roko Zahariev in einem der Stücke zutreffend und sagte später zur Musik der Band: "We are no dealing with something before or after, we are dealing with now". Womit er die Art beschrieb, ohne vorherige Vorgabe das in Töne umzusetzen, was im Augenblick passiert.
Im Pausengespräch ordnete Roko Zahariev die Höreindrücke in einen noch weiteren Zusammenhang ein. "Wir kommen aus ganz unterschiedlichen musikalischen Bereichen", sagte er, "und sind von Free Jazz ebenso inspiriert wie von nativer afrikanischer oder indianischer Musik, aber auch Electronic oder Punk". Und fügt, nach dem Konzept der Musik gefragt, hinzu, daß es bewußt keines gebe. "Wir sprechen vor jedem Konzert über die Vorstellungen, und da ist die Musik jeden Tag etwas anders". So entstehen aus der Mischung der vielfältigen Einflüsse groovige, elektronisch geprägte Klänge, die zu keinem exakten Genre zu gehören scheinen.
Auf der Bühne von Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus standen heute Kelvin Sholar (USA) – Piano, Keyboards, electronics Daniel "El Congo" Allen (Kuba) – Trompete, congas Javier Reyes (Kolumbien) – Schlagzeug
Bevor die Band mit dem Konzert begann, sprach Kelvin Sholar von der Rolle der Musik als "der einen weltweiten Sprache", mit ihrer die Menschen verbindenden Funktion. Und er dankte Warnfried Altmann dafür, daß er mit der Organisation der Konzerte immer wieder Musiker und Publikum zusammenbringt. "Wir können überall auf der Welt spielen", sagte er, aber "es braucht
Leute wie Altmann, die begreifen, wo neue Musik entsteht und die helfen,
diese Musik weiter zu verbreiten".
Sholar führt in seinem Musikprojekt "XO" völlig unterschiedliche Welten zusammen, wenn er laute, computergenerierte elektronische Klangmuster als Grundlage nimmt und damit die akustischen Instrumente, auf denen teilweise auch Jazz-Standards erklingen, in eine ungewohnte Umgebung bringt. Daraus entsteht eine kräftige Musik, die in ihrer ungewohnten Mischung wohl recht
einzigartig sein dürfte. Was mitunter zu dem Problem führt, daß auch unterschiedliche Publikumserwartungen aufeinandertreffen, wie Sholar im Pausengespräch
sagte. Was nicht für das Magdeburger Publikum gilt – denn das ist schon seit Jahren damit vertraut, ja geradezu neugierig darauf, in der monatlichen Jazzreihe im Schauspielhaus immer wieder auf ungewöhnliche Klänge zu stoßen, auf "Neues von der improvisierten Musik" (in Anlehnung an den Untertitel einer Jazz-Sendung im DLF).
Kelvin Sholar, Daniel "El Congo" Allen und Javier Reyes
Sholar mischte zu Beginn elektronische Klänge in
lateinamerikanische Rhythmen, in die sich Daniel "El Congo" Allen an den
Congas und Javier Reyes an den Drums gegenseitig hinein steigerten.War das erste Stück laut und mitreißend, war das zweite das Gegenteil. Sholar spielte am Flügel solo, leise und leicht dahin gespielte Melodien. Als er begann dazu wie nebenbei mitzusingen, hatte das etwas sehr privates, es war als käme man als Zuhörer zufällig in einem Moment dazu, in dem der Musiker sich unbeobachtet fühlend nur so vor sich hin spielt. So ruhig blieb es aber nur kurz. Später mischte sich El Congos Trompete hinein, gab Reyes den Rhythmus vor, und plötzlich klang die Musik wie aus der großen Big-Band- und Swing-Zeit. Wenn Sholar eingangs versprach, das Publikum auf ein Experiment mitzunehmen, dann galt das auch für die elektronische Verfremdung der Trompetenklänge, die gesampelt und Echos gleich vervielfältigt wurden, zu Klangmustern wuchsen. Man fühlte sich in ein Klanglabor versetzt, es blubberte und schwirrte durch den Raum. Duke Ellingtons Klassiker It Don’t Mean a Thing If It Ain’t Got That Swing, am Klavier angespielt, mal von der Trompete aufgenommen,mal nur noch im Rhythmus erkennbar, wurde zu einer langen, phantasievollen Improvisation. Ja, das hatte Swing.
Musikalisch saß Sholar zwischen allen Stilen (wenn mir das etwas banale Wortspiel erlaubt sei), wenn er nach harten Elektrobeats wieder in die akustischen Tasten griff und Jazzstandards spielte. Im Rhythmus-Wettlauf gegen zwei Schlagzeuger (Allen an den Congas und Reyes an den Drums) antretend – wer da wen vrantrieb (und wer das Rennen begann) war nicht klar zu entscheiden, so wild wurde die Musik. Zusammen mit den wieder einsetzenden Elektroklängen wurde die Bühne zu einer großen Drum-Machine, das Pendant zu den Posaunen von Jerichow.
So kräftige Musik wie heute hatte Jazz in der Kammer schon lange nicht erlebt. Teils war die Musik laut, wie für eine große Festivalbühne gedacht, es fehlten nur Nebelmaschine und bewegte Scheinwerfergruppen. Dann wieder bestimmten die akustischen Instrumente den Ton. Mag die Musik einem Anhänger traditionellen Jazz' teilweise zu modern geklungen haben, für mich war sie ein Erlebnis. Erinnerten mich doch die eletronischen Klänge, auch an lange zurückliegende Jahre, als ich derartiges von Tangerine Dream oder Klaus Schulze hörte. Nur stand die Elektronik bei Sholar nicht im Vordergrund, war auch nicht bloße technische Spielerei. Der Sound-Mix der Band zeigte das gekonnte Bewegen in völlig unterschiedlichen Welten.
Zuletzt: bei einem Dezember-Konzert liegt ja Weihnachten nahe. Nein, damit hatte das Konzert kein bischen zu tun. Eher war es ein Kontrastprogramm zur im Dezember allzuoft besinnlichen seichten Weihnachtsmusik.
Bonusmaterial:
Kelvin Sholar hat in seinem Youtube-Kanal zwei Videos vom Magdeburger Konzert veröffentlicht, die einen kleinen Eindruck von der Musik geben.
Sebastian Symanowski Schlagzeug
Florian Juncker Posaune
Henning Ellert Turntable
Christoph Schmitz Bass, Synthesizer
Florian Meyer Keyboard
Paul Schweidler Gitarre http://www.myspace.com/electrolloyd
Aus der Ankündigung:
Eine eigenwillige Mischung aus Jazz, Funk und HipHop verspricht die Magdeburger Band »Electrolloyd«. Nachdem sie erfolgreich in angesagten Clubs in Hamburg und Berlin auftraten, debütieren sie nun in der Reihe »Jazz in der Kammer«. Electrolloyd sagen: »Ohren auf und durch!«
Electrolloyd sind keine Jazzband. Electrolloyd machen keinen HipHop. Electrolloyd können Noten lesen. Electrolloyd sind nichts ohne Steckdosen. Electrolloyd können leise spielen. Electrolloyd sehen gar nicht aus wie Electrolloyd. Electrolloyd sind Miles Davis im Traum erschienen. Electrolloyd haben keine Angst. Electrolloyd waren noch niemals in New York. Electrolloyd haben schwarze Seelen. Electrolloyd können "digital" nicht mal buchstabieren. Electrolloyd können laut spielen.