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Montag, 20. Mai 2024

Peter van Huffels "Callisto"

Wow, was war das für ein Abend voll kräftigem Jazz! Von Beginn an und beide Sets hindurch komplexe Klänge voller Kraft und Dynamik. Schon lange nicht haben wir Musik in dieser Intensität gehört. Peter van Huffels "Callisto" mit:

Peter van Huffel – Baritonsaxophon, Elektronik
Lina Alemano – Trompete
Antonis Anissegos – Piano, Elektronik
Joe Hertenstein – Schlagzeug

Am Beginn steht eine ganz einfache Melodie, wenige Töne nur, die zunehmend schneller und kräftiger gespielt werden. Klingen Piano, Saxophon und Trompete anfangs noch unisono, löst sich das bald in ein wildes Creszendo divergierender Tonfolgen auf. Dazu setzt Joe Hertenstein am Schlagzeug die rhythmischen Akzente obendrauf. Aus anfänglicher Harmonie wird wilder Free Jazz vom Feinsten. 

Montag, 20. November 2023

Paul Brody's City Lights Ensemble

Heute war der geniale Paul Brody mit seinem City Lights Ensemble bei Jazz in der Kammer im Forum Gestaltung Magdeburg zu erleben.

Paul Brody – Trompete, Stimme, Komposition
Christian Kögel – Gitarre
Lisa Hoppe – Bass, Stimme
Hans Otto – Schlagzeug

Der aus den USA stammende, schon sehr lange in Berlin lebende Trompeter spielte Musik, die man vielleicht vereinfacht als Speed-Klezmer-Balkan-Jazz bezeichnen könnte. Frisch, fröhlig, spritzig, modern und interessant. Dazu Lisa Hoppe, die mit Bass und Gesang eine ganz eigene Note einbrachte, der langjährige Begleiter von Brody Christian Kögel (Gitarre) und neu in der Band Hans Otto (Schlagzeug). Das Konzert war zugleich Teil der jüdischen Kulturtage Sachsen-Anhalt und des Tonkünstlerfestes des DTKV Sachsen-Anhalt e.V. 

Samstag, 22. April 2023

7 Steps to Mystery

Im zweiten Konzert des mit "Die Stimme" überschriebenen Abends bei den Magdeburger Jazztagen traf Jazz auf Gesänge eines bulgarischen Frauenchores.

Antoni Donchev Quartet
Antoni Donchev (Piano)
Pavel Terziyski (Gesang)
Pantelis Stoikos (Trompete)
Martin Hafizi (Schlagzeug)

Eva Quartet
‍Gergana Dimitrova (Sopran)
Sofia Kovacheva (Mezzosopran)
Evelina Christova (Alt)
Daniela Stoichkova (Kontraalt) 

Dass der Fokus der Jazztage immer wieder auch auf Osteuropa liegt, eröffnet dem Jazzhörer neue musikalische Welten. Der bulgarische Jazzpianist Antoni Donchev verbindet in seinem Projekt „7 Steps to the Mystery“ zwei große Welten – die der traditionellen bulgarischen Folklore und die der Improvisation, der Musik des Augenblicks. Bulgarische Folklore wird in ihrer reinsten Form präsentiert – durch die kristallklaren Stimmen der Sängerinnen des Eva-Quartets, Teil des phänomenalen Chors "The Mystery of Bulgarian Voices". Als weitere Stimme hat er Pavel Terziyski dabei, der unterstützt von elektronischen Effekten seine Stimme zum Instrument wandelt. 

Montag, 19. Dezember 2022

Mars Williams: An Ayler X-Mas

Heute, kurz vor Weihnachten, wurde es auch auf der Magdeburger Jazzbühne weihnachtlich. Was nicht in jedem Jahr der Fall ist, denn nicht immer ergibt sich diese jahreszeitliche Übereinstimmung. Dass es keine kitschigen Weihnachts-Dudel-Klänge wurden, sondern eher bei Freunden des Free Jazz weihnachtliche Gefühle aufkamen, dafür sorgten die kräftigen Klänge der Musiker, die Mars Williams mit nach Magdeburg brachte.

Mars Williams – Arrangements, Percussion, Toy Instruments
Matthias Schubert – Saxophon
Thomas Berghammer –  Trompete
Knox Chandler – Gitarre
Christian Svendsen – Bass
Klaus Kugel –Schlagzeug

Wenige Minuten vor Beginn des Konzertes sah man Konzert-Organisator Warnfried Altmann mit einem Gitarrenverstärker durch die Gänge des Forum Gestaltung eilen. Der Verstärker von Knox Chandler funktionierte nicht, Ersatz musste her. "Ich kenne ja einige Gitarristen", sagte Altmann, "aber die muss man erst mal ans Telefon bekommen und dann müssen sie auch noch zu Hause sein". Letztlich erreichte er gerade noch rechtzeitig Jörg Rattai, fuhr quer durch Magdeburg und das Konzert konnte pünktlich beginnen. "Das Konzert sollte bereits früher stattfinden, es wurde wegen Corona zweimal verschoben, jetzt beim dritten Mal können wir es endlich hören", kündigte Warnfried Altmann die Musiker an. "Ihnen werden die Ohren ordentlich durchgepustet, ich glaube wir werden heute alle glücklich nach Hause gehen."

Dass Warnfried Altmann nicht zuviel versprochen hatte, merkte man gleich zu Beginn. Dass "Vom Himmel hoch" hinter den Improvisationen stand, war zwischen Speed Marsch und punkig-krawalligen Klängen nur zu erahnen. Aber das machte zugleich Spaß: zwischen all den kräftigen Klängen und schrägen Tönen die Strukturen und Weihnachtsmelodien (schließlich ist es ein X-Mas-Programm) herauszuhören. Das war keine bloßen Jazz-Versionen von bekannten Weihnachtsliedern, das waren echte Neuerfindungen, für die die traditionellen Melodien nur Inspiration und Stichwortgeber waren. Das Kontrastprogramm zum Fest!

Bandleader Mars Williams konnte wegen einer Verletzung nicht selbst Saxophon spielen und beschränkte sich auf Percussion und divers Spielzeuginstrumente, deren Töne immer wieder in die Musik gemischt wurden. Für das Saxophon hatte Matthias Schubert engagiert. Die kräftigen Bläsertöne von Matthias Schubert und von Thomas Berghammer an der Trompete fanden ihren Widerhall in der extremst verzerrten Gitarren von Knox Chandler, dazu der kräftige Bass von Christian Svendsen und Schlagzeug und Percussion von Klaus Kugel, der bereits einigemal in Magdeburg zu hören war.

Montag, 21. März 2022

Pisarović und Dörner: Sevdah

Ich kann gar nicht genau sagen, was mich mehr beeindruckt hat – Vesna Pisarovic mit ihrer klaren kräftigen Stimme oder Axel Dörner mit seiner von Elektronik begleiteten Trompete.  Jedenfalls war das Konzert ein minimalistisches, mit einer auf das minimal mögliche reduzierten Begleitung des Gesangs durch nur ein Instrument. 

Vesna Pisarović – Gesang
Axel Dörner – Trompete, Elektronik

Das Konzert beginnt mit Windgeräuschen: Axel Dörner bläst mit etwas Abstand auf sein Trompetenmundstück, lässt nur die strömende Luft tönen. Fügt dann sirenenartige Glissandotöne hinzu, indem er das Rohr seiner Firebird-Trompete bewegt, dieser eigenartigen und seltenen Mischung aus Trompete (mit Ventilen) und Posaune (mit beweglichem Zug). Und als wäre das nicht genug an ungewohntem Instrumentarium, hat er seitlich noch ein Konstrukt aus elektronischen Dreh- und Schiebereglern aufgesteckt. Aus der Elektronik kommen gesampelte Maschinenklänge hinzu, oder Sounds, wie sie die Älteren unter den Zuhörern an Töne des Kurz- oder Mittelwellenempfängers noch kennen, wenn man abends am Radio den richtigen Sender suchte. 

Als Axel Dörner nochmals seine durchdringenden Töne erklingen lässt und Vesna Pisarović auf die Bühne kommt, beginnt ein interessantes Zwiegespräch zwischen Instrument und Stimme. Vesna Pisarović nimmt mit klarer hoher Stimme die Tonfolgen auf, wiederholt und variiert sie. Die Stimme als Instrument und ein Beispiel für das, was Saxophonist Warnfried Altmann bei seiner Anmoderation des Abends sagte "Wir Instrumentalisten versuchen, mit den Instrumenten zu singen. Aber das schönste Instrument ist wohl doch die menschliche Stimme, mit dem Körper als Resonanzraum." Ein harmonisches Miteinander wäre allein eher langweilig, bei den beiden Musikern unterstützt die Trompete mal den Gesang, mal bildet sie einen schreienden Gegensatz. Die so an vielen Stellen spürbare Aggressivität hat etwas faszinierendes – die Stellen mit Trompete und Stimme unisono im Gleichklang aber auch. 

Samstag, 5. Oktober 2019

Die Hochstapler – The Flop, the Turn and the River

"Die Hochstapler" spielten im wahrsten Sinne des Wortes mit der Musik, als sie im Magdeburger Forum Gestaltung ihr Improvisations-Stück The Flop, the Turn and the River aufführten.
Félicie Bazelaire – Cello
Pierre Borel – Saxophon
Antonio Borghini – Kontrabass
Patricia Bosshard – Geige
Emilio Gordoa – Vibraphon
Louis Laurain – Trompete
Hannes Lingens – Schlagzeug
Michael Thieke – Klarinette

Als die acht Musiker am Beginn des Abends jeder für sich kurze Melodien anspielen, Rhythmen klopfen, Klangvariationen und Tonfolgen probieren, nehmen sie die Zuhörer zugleich mit in die Entstehungsgeschichte ihrer Musik. Scheinbar zufällig angeordnet, sortieren sich diese kurzen Ton-Schnipsel allmählich neu, aus anfangs einzelnen Melodien ergibt sich allmählich ein faszinierender Zusammenklang.

Diese Ouvertüre, bei der die Musiker im Halbrund auf der Bühne stehen oder sitzen, ist nur von kurzer Dauer. In einer Kurzweiligkeit, die darauf angelegt ist, immer neue Ideen zu sammeln, wechseln die Musiker die Melodie – oder ihre Position oder ihre Spielpartner. Man hat gerade begonnen, sich einzuhören, schon gibt es etwas Neues. Dabei wird nicht nur mit Klängen und Spielweisen experimentiert, sondern auch mit dem Raum, indem die Musiker nahezu jede Position auf der sechs mal sechs Meter großen Bühne einnehmen, ständig unterwegs sind. Und reicht ihnen das nicht, dann geht es mit den Instrumenten zwischen die Reihen der Zuhörer, auf diese Weise die Bühne erweiternd. So muss sich nicht nur das Ohr des Zuhörers neu orientieren – auch der Blick versucht den Tönen zu folgen, die mal von hier, mal von dort her klingen. Es immer wieder verblüffend, was woher tönt. Sphärische Klänge aus dem mit dem Geigenbogen angestrichenen Vibraphon etwa, oder rhythmisches Klopfen vom Cello her.

Freitag, 12. April 2019

Kugel, McPhee, Edwards, Swell

Mächtige Bläserklänge, begleitet von Bass und einem starken Schlagzeug, standen am Ende des Clubabends der Magdeburger Jazztage.
Klaus Kugel – Drums
Joe McPhee – Saxophon, Trompete
Steve Swell – Posaune
John Edwards – Bass

In seiner Anmoderation wies Warnfried Altmann darauf hin, dass „Klaus Kugel einer der Schlagzeuger ist, die gern engagiert werden, wenn amerikanische Solisten nach Deutschland kommen, weil er so kraftvoll spielt“. Und er machte auf den Untertitel der Magdeburger Jazztage hin. „Jetzt! Das ist aktuelle, das ist zeitgenössische Musik“. Über Joe McPhee sagte er, „es ist selten, dass jemand in dieser Weise die beiden so unterschiedlichen Instrumente Tompete und Saxophon spielt“. Auch bei diesem Konzert des Clubabends gab es wieder eine spontane Erweiterung des ursprünglich angekündigten Trios. Zu Klaus Kugel, Joe McPhee und John Edwards kam nun Steve Swell mit seiner Posaune hinzu.

Es war beinahe unfassbar, mit welcher Gewalt und Lautstärke Joe McPhee mit seiner Trompete und Steve Swell mit seiner Posaune die Töne ins Publikum blasen. Töne, in denen sich eine ungeheure Kraft entlädt. Klaus Kugel setzt ein wahres Feuerwerk an Trommelklängen hinzu. Das Gehör der Konzertbesucher wird frei geblasen von allem zuvor gehörten. Erst danach ist Zeit auch für leisere Klänge: Joe McPhee und Steve Swell halten sich zurück, Klaus Kugel zaubert Geräusche auf mit dem Bogen gestrichenen Gongs oder lässt Glocken klingen.

Jan Klares 2000

Der Clubabend der Magdeburger Jazztage im Forum Gestaltung begann mit Jan Klares neuem Projekt "2000" und sehr kräftig gespielter Musik.
Michael Vatcher – Drums
Jan Klare – Saxophon
Steve Swell – Posaune
Bart Maris – Trompete
Elisabeth Coudoux – Cello
Wilbert de Joode – Bass 

Jan Klare war in Magdeburg bei Jazz in der Kammer bereits früher mit seinem Projekt "1000" zu hören. Damals im Quartett, nun um Elisabeth Coudoux und Steve Swell zum Sextett vergrößert, was die klanglichen Möglichkeiten erweitert. Zu Beginn ist (in Clown for breakfest) nur der Bass zu hören, ab und an von einem scheinbar zufällig eingestreuten Schlagzeug unterbrochen. Dann aber setzten bald die Bläser mit einem kräftigen Gleichklang ein, mit wuchtigen Klängen, vielleicht wie im Orchestervorspiel einer Wagner-Oper und einem unwahrscheinlich stark gespieltem Schlagzeug. Ein experimentierfreudiger Bart Maris an der  Trompete wechselt sich ab mit einem anfangs eher sinfonisch klassisch klingenden, später kräftig improvisierendem Cello. Auch wenn die Band sehr kräftig spielt, bleibt sie an vielen Stellen melodisch, vielleicht auf ihre eigene Art von melodisch. Voller Intensität spielen sich Bart Maris von der linken Seite der Bühne her und Steve Sweell und Jan Klare von der rechten Seite der Bühne her gegenseitig Tonfolgen oder kleine Melodien zu, variieren sie, ein interessantes Zusammenspiel, bei dem die Tonquellen auf der Bühne sich gleichsam hin und her bewegen.

Montag, 21. Januar 2019

Quartett 3εll

Boris Bell verknüpft in seinem Quartett 3εll hochkomplexe Musik mit Improvisation.
Boris Bell – Schlagzeug
Nikolaus Neuser – Trompete
Silke Eberhard – Altsaxophon
Antonis Anissegos – Piano

Das Quartett um Boris Bell (das „3εll“ wird übrigens ganz einfach wie der Name des Schlagzeugers ausgesprochen) spielte eine hochkomplexe Musik, weit entfernt von jedem easy-listening-Jazz. Musik, Töne, Klänge, in die man sich erst einmal einhören muss. In den ersten zehn Minuten gibt es nichts eingängiges, das sofort beim ersten Hören vertraut klingt, weder vom Rhythmus noch von den Melodien her. Das Ohr muss sich neu orientieren, die Zusammenhänge erkennen. „Vergesst was ihr kennt“, scheinen die Musiker zu signalisieren. Bell gibt an seinem Schlagzeug einen Rhythmus vor, Silke Eberhard und Nikolaus Neuser setzen einzelne Bläsertöne dazu und Antonis Anissegos sparsame Akkorde, zu denen er auch mal in den Flügel greift und mit der Hand die Saiten zupft. Erst nach diesem extremen Beginn werden die Strukturen im Zusammenspiel von Klavier, Schlagzeug und Bläsern deutlicher, gewinnt das Zusammenspiel an drive.

Montag, 15. Oktober 2018

Schnaftl Ufftschik

Heute war die Berliner Worldmusic-Brass-Band Schnaftl Ufftschik bei Jazz in der Kammer zu hören.  Klangewaltige Blechklänge mischten sich mit Balkan-, Klezmer- und Big-Band-Sound.
Johannes Siedel – Posaune
Stefan Gocht – Bassposaune, Sousaphon
Reinhard Gundelwein – Klarinette
Lutz Wolf – Trompete
Boris Bell – Schlagzeug


Die Band mit dem ungewöhnlichen Namen (der sich später aber beim Klang der Instrumente aber ohne dass eine Nachfrage nötig ist selbst erklärt) kommt in einer Verballhornung von 20er-Jahre-Mode auf die Bühne. Von Komik geprägt ist auch der Auftritt der Band, die sich mit ihren Instrumenten mit der Selbstverständlichkeit einer Marching Band auf der Bühne bewegt, immer wieder die Positionen (und auch die Instrumente) wechselt und durch Bewegung und musikalischen Witz eine mächtige Bühnenpräsenz erzeugt. Durch die Blechblasinstrumente, von der kleinen Trompete bis zum großen Sousaphon, gibt es Anfang an mächtig was auf die Ohren.

Montag, 21. Mai 2018

Hübsch – Moll – Wierbos

Heute stand das Trio Hübsch-Moll-Wierbos auf der Jazzbühne im Forum Gestaltung.
Carl Ludwig Hübsch – Tuba
Udo Moll – Trompete
Wolter Wierbos – Posaune

Das Konzert fiel auf den Pfingstmontag. Trotz des Feiertags kamen die Freunde der improvisierten Musik, um die Jazz-Klänge zu hören. Und die waren diesmal sehr frei improvisiert! Kaum waren die Musiker auf der Bühne, gab es ein Durcheinander an Tönen, das sich allmählich entwirrt, neu sortiert und ordnet, als Carl Ludwig Hübsch auf der Tuba einen marschierenden Rhythmus anstimmt und die Richtung vorgibt, in die sich Wolter Wierbos an der Posaune und Udo Moll an der Trompete einfügen. Bei den Zuhörern (jedenfalls bei mir, aber vielleicht – und das ist ein großer Vorteil dieser freien Zusammenstellung von Klängen –  hört ja jeder etwas anderes) weckte das Assoziation an Arbeiterlieder, wie sie früher die Schalmeienkapelle spielte.

Gegenüber den melodischen Teilen überwogen die improvisierten Abschnitte. Geräusche aus den drei Instrumenten überlagern sich, ein Quieken, Schnalzen, Tröten, Rauschen, dem allen wird auch noch Gesang überlagert. Bald fühle ich mich an den Karneval der Tiere erinnert, höre Löwe, Tiger, Hund und Frösche aus den Klängen heraus. Dann wieder ein plötzlicher Wechsel, ein langsamer Part, bei dem die Bläser, immer lauter werdend, Klänge Wagnerscher Wucht produzieren.

Udo Moll sagte über das Entstehen solcher Musik, "wir schmuggeln kleine Fragmente in die Stücke, die dann Ausgangspunkt sind für Improvisationen". Und dies nicht ohne den Spaß an ausgefallenen, scheinbar völlig abseitigen Melodien, zu denen sie auch die passenden Stories liefern. Etwa die von Ernst Mosch, einst König der volkstümlichen Weisen, der früher aber Jazzer war. "Und dann stellte er fest, dass man in der Volksmusik mehr verdienen kann", sagten die Musiker und stimmten selbst Alpenländische Klänge an ("Dompfaff"), die sie bald darauf in schiffssirenenlaute Töne umwandelten.

Montag, 19. März 2018

Die Enttäuschung

Heute war bei Jazz in der Kammer im Forum Gestaltung "Die Enttäuschung" zu hören.
Christof Thewes – Posaune
Axel Dörner – Trompete
Jan Roder – Bass
Rudi Mahall – Klarinette
Michael Griener – Schlagzeug

Die Enttäuschung – dieser doch recht merkwürdige Name der Jazzband provoziert ja geradezu ein Wortspiel. Dann soll es dieses also gleich am Beginn geben: wer erwartet haben sollte, enttäuscht zu werden, wurde von dieser Erwartung enttäuscht. Die fünf Musiker überraschten das Magdeburger Publikum mit einer sehr lebendigen Musik, die sie mit erkennbarem Spaß auf die Bühne brachten. Dazu trugen auch die lockeren Moderationen von Rudi Mahall bei, die gleichsam improvisiert wie die Musik erschienen und die das an keine Konventionen gebundene und doch in der Tradition des Jazz verwurzelte Erscheinungsbild der Musik unterstrichen. Vielleicht ist es sogar so, dass die Musik der Band am besten im Zusammenhang von Wort und Musik zu verstehen ist, in der Verbindung von Mahalls etwas seltsamen, hintergründigem Humor und einer Situationskomik, die sich auch auf das Publikum überträgt. Die Stücke sind oft so benannt, daß sich schon daraus kleine Geschichten ergeben. Etwa „Christian und Isolde“ („zum Wagner-Jahr“, wie Mahall sagt), „Jan an einem Stück“ oder „Lavaman“ (Hört Euch diese bei einem der nächsten Konzerte am besten selbst an ).

Am Beginn klang die Musik nach Dixiland, was auch an Rudi Mahalls Klarinette als tonangebendes Instrument lag. Daraus entwickelte sich dann ein Big-Band-Sound, als die drei Frontmänner der Band an Trompete, Posaune und Klarinette in einen gemeinsamen Bläsersatz einstimmten. Ganz anders dann der folgende Titel („Fälschlich“), der mit schrillen, disharmonischen Fanfarenklängen eingeleitet wird. Michael Griener legt am Schlagzeug schnelle Rhythmen vor, in die sich die anderen Musiker einordnen.

Auch Jan Roder am Baß bleibt nicht nur die Rolle der Hiuntergrundbegleitung vorbehalten. „Der spielt so kräftig, daß er keinen Verstärker braucht“ sagt Mahall und holt ihn für ein Stück auch mal nach vorn auf die Bühne, mitsamt Instrument. „Jetzt featuren wir mal unserer Bassisten – hören Sie mal nicht auf die Bläser, sondern auf den Baß“. Nicht ganz einfach, weil natürlich (und vielleicht auch Teil eines musikalischen Witzes?) die Bläserstimmen viel kräftiger sind.

Montag, 19. Februar 2018

Fun Horns

Heute standen die Fun Horns auf der Jazz-Bühne des Forum Gestaltung.
Volker Schlott – Sopransaxophon, Altsaxophon, Flöte
Jörg Huke – Posaune
Nikolaus Neuser – Trompete, Flügelhorn
Falk Breitkreuz – Tenorsaxophon, Bassklarinette, Flöte

Konzertveranstalter Warnfried Altmann freute sich über ein volles Haus und stellte fest: "wenn alte DDR-Jazzer kommen, dann ist der Saal voll". Die Fun Horns, die sich 1986 zusammenfanden und auch in Magdeburg vor vielen Jahren schon einmal bei Jazz in der Kammer spielten, nahmen diese Bemerkung auf und machten im Laufe des Programms immer mal wieder witzige Anmerkungen zu lange zurückreichenden Musikstücken. Ansonsten spielte die Geschichte der Band eher keine Rolle. Bis auf das unverkennbar große Publikumsinteresse.

Die vier Blechbläser beginnen ihr Konzert beinahe unhörbar leise. Nur ein leises Atemgeräusch ist aus dem Blech zu hören, bis dann Nikolaus Neuser auf der Trompete und Volker Schlott auf dem Saxophon unisono eine sehr leise, zarte Melodie zu spielen beginnen. Eine Melodie, die sich, allmählich lauter werdend, zu einer Begrüßungsfanfare entwickelt. Ein Stück mit beinahe klassischer Anmutung. Erst später stimmen Falk Breitkreuz mit der Baßklarinette und Jörg Huke an der Posaune ein, es entwickelt sich ein instrumentaler Wechselgesang. Gleich zu Beginn war auch wieder zu merken: das kleine, aber feine Magdeburger Jazz-Publikum lauscht äußerst aufmerksam. Auch – oder ganz besonders – an den leisen Stellen. 

Montag, 15. Januar 2018

Absolute Sweet Marie

Bei Jazz in der Kammer stand im ersten Konzert des Jahres 2018 Alexander Beierbachs Projekt "Absolute sweet Marie" auf der Jazzbühne im Forum Gestaltung.
Steffen Faul – Trompete
Matthias Müller – Posaune
Alexander Beierbach – Tenorsaxophon
Max Andrzejewski – Schlagzeug

Als die vier Musiker auf der Bühne stehen, klingt ihr erstes Stück, Bob Dylans „Most likely your way“, anfangs wie Marschmusik – so kräftig begleiten die drei Bläser ihren Schlagzeuger Max Andrzejewski , der den Rhythmus vorgibt. In Verbindung mit den unisono gespielten Bläsern könnte die Musik ebenso auch von Hanns Eisler stammen. So eng zusammen liegen also Bob Dylan – dessen Musik die Grundlage des gesamten Konzertes wie auch der aktuellen CD bildete –, Jazz und Neue Musik.

Gleich nach den ersten beiden Titeln weist Alexander Beierbach nochmals darauf hin, dass sie „keine Bob-Dylan-Cover-Band sind“. Das Magdeburger Jazz-Publikum weiß das natürlich und spätestens nach den ersten Takten ist es ohnehin klar. „Wir hatten es aber tatsächlich mal, daß wir falsch angekündigt wurden und dann war das Publikum doch etwas verwirrt“, sagte Beierbach später. Dylans stellt für die vier Musiker nur den Ideengeber dar, sagen sie. In der Musik selbst findet sich dann in den meisten Titeln nur kleine Anklänge, kurze Zitate. So auch beim „Rainy Day Woman“: von Dylans Blues ist nur wenig zu erahnen ist, dafür aber ist ist das Stück äußerst kraftvoll und lebendig, wenn die drei Bläser furios durcheinander spielen, blasen und tröten und der Schlagzeuger sie zu übertönen versucht. Am Ende aber verständigen sich alle auf die selben Töne und dann erklingt – für ein paar Takte – Dylans so typischer Blues.

Donnerstag, 20. April 2017

Fly We To The Moon

Zweite Band des Eröffnungsabends der Magdeburger Jazztage 2017 war die bulgarische Band Fly We To The Moon.
Rokko Zahariev – Trompete, Percussion
Georgi Donchev – Bass
Todor Stoyanov – Keyboard
Alexander Daniel – Schlagzeug

Als Fly We To The Moon, die Band des bulgarischen Trompeters Rokko Zahariev, auf der Bühne steht, ertönen zum Auftakt verzerrte Trometenklänge, langsam und tief. Der dazu passende akustische Baß wird von elektronischen Sounds kontrastiert. Die Musiker experimentieren mit ihren Instrumenten, über allem schweben Klänge eines Synthesizers.  In spaciger Weltraummusik platzende Bubbles, dazu Beat Boxring des Keyboarders, immer neue Ideen lassen sich die Musiker dazu einfallen.

So im Probieren versunken dauert es eine halbe Stunde, bis die Musik Fahrt aufnimmt, dann aber ihre Geschwindigkeit auch gleich verdoppelt. Daraus ergibt sich schneller Balkan-Jazz.

Montag, 21. November 2016

Andreas-Willers-Septett

Heute stand das Andreas-Willers-Septett auf der Jazz-Bühne des Forum Gestaltung.
Matthias Schubert – Saxophon
Tom Arthurs – Trompete
Benjamin Weidekamp – Saxophon, Klarinette, Bassklarinette
Jörg Huke – Posaune
Andreas Willers – Gitarre, Komposition
Meinrad Kneer – Bass
Christian Marien – Schlagzeug

Das Septett um Andreas Willers begann mit "Tell me", rhythmisch so abgestimmt – und von den sieben Musikern auf den Punkt genau gespielt –, daß alle Musiker scheinbar immer genau ein kleines bißchen versetzt zueinander sind, dabei aber immer weiter zueinander kommen, bis sich am Ende daraus eine gemeinsame und dann auch rhythmisch übereinstimmende Melodie ergibt. Eine bordunartige Grundstimmung mit Einsatz des Blechs aus vollen Rohren, von Christian Marien am Schlagzeug kraftvoll begleitet. Musikalisch sehr kompliziert komponiert und dennoch eine sehr lebendige Musik. Ein starker Beginn!

In dieser Weise geht es auch weiter – diesmal mit einem musikalischen Zwiegespräch zwischen Gitarre und Baß links und der Bläsergruppe rechts, die sich von einer zur anderen Seite der Bühne Melodiestücke zuspielen. Die Bläser dabei als große schnaufende Maschine und Andreas Willers Gitarre als Melodieinstrument ergeben einen Mix aus Expressivität und klaren Melodien. Intelligent und doch nicht verkopft. Experimentell, spielerisch, mit Spaß am Zuhören.

Montag, 15. Juni 2015

1000

Heute stand die Band 1000 (D, Belgien, NL, USA) auf der Jazz-Bühne im Magdeburger Schauspielhaus:
Jan Klare – Saxophon
Bart Maris – Trompete
Wilbert de Joode – Bass
Michael Vatcher – Schlagzeug


Mit dem Konzert von "1000" geht die der Trompete gewidmete Konzertsaison von "Jazz im Schauspielhaus" zu Ende – ab Oktober geht es wieder jeden dritten Montag weiter, dann mit der Gitarre als das alle Konzerte thematisch verbindende Instrument. Passend zum letzten Konzert der Saison stellte Jan Klare auch gleich seinen Trompeter mit den Worten vor: "Unsere Eintrittskarte ist Bart Maris".  

Wer "1000" noch vom letzten Magdeburger Konzert vor drei Jahren in Erinnerung hat, der hat vielleicht noch eine Vorstellung von der Wandelbarkeit der Musik. Darin finden sich unterschiedlichste Stilrichtungen, mal Jazz-Standards, mal freie Improvisation, bei der sich jeder der Musiker scheinbar selbst seine eigene Stimme sucht, und mal ist auch Richard Wagner herauszuhören.

All das nicht etwa fein säuberlich sortiert, sondern innerhalb der Stücke oft ineinander übergehend. Gleich beim ersten Stück, "Skywalk", werden aus scheinbarem Chaos zum Schluß ganz sanfte Melodien. So geht es dann auch weiter, etwa mit "Bop", mit Jazz-Standards und kräftigen Rythmen von Michael Vatcher am Schagzeug und Wilbert de Joode am Bass gespielt. Jan Klare und Bart Maris klingen zunächst völlig dissonant, auf der Suche nach einer gemeinsamen Melodie, die die beiden musikalischen Zwillinge (wie sie sich auf der Bandwebseite bezeichnen) dann am Ende auch finden. Zuvor wird die Musik der Band immer wilder.

Kurz darauf, bei "Loose ist" wird die Musik langsamer und düsterer, wenngleich nicht weniger laut, vielleicht an eine mexikanische Begräbniskapelle erinnernd. Trotz der Lautstärke aber deutlich und ruhig. Daß Jan Klare trotz der oft lauten Musik auch die Stille mag, wird deutlich, wenn etwa bei "Baccara" aus dem Spiel der vier Instrumentalisten ein dB-reiches Grundgeräusch entsteht, das urplötzlich abbricht – und in die Stille hinein de Jode mit nur noch ganz leisen Tönen zu hören ist, mit dem Bogen die Saiten nur leicht antupfend. Vatcher fügt mit kleinen Holzklangstäben einen geheimnisvollen Rhytmus hinzu, der irgendwo aus Afrika her stammen könnte. Der darauf einsetzende Bläsersatz von Klare und Maris dann französisch inspiriert, oder waren es Klänge inspiriert von Cajun aus den Sümpfen Louisianas? Hörenswerte Musik.

Vor allem Bassist Wilbert der Joode sieht man die Kraft an, die in der Musik steckt. Wenn er den Baß wie eine Gitarre anschlägt, die Saiten weit über den Steg hinaus zieht und sie auf das Griffbrett knallen läßt, mit dem Bogen auf den Baß einschlägt oder ihn damit so kräftig reibend und knarzend streicht, daß das Kolophonium in leichten Wolken wegstaubt, dann kann man schon Angst bekommen. Angst um das Instrument, das man so malträtiert sieht und dessen Saiten kurz vor dem Zerreißen zu stehen scheinen. Diese Bedenken mag de Joode nicht teilen. "Der Baß stammt aus dem Jahr 1840", sagt er in der Pause, "der hat schon viel mitgemacht und hält das aus".

Daß sich die Musik der Band jenseits von musikalischen Konventionen bewegt, ist Jan Klare bewußt. Aber er freut sich darüber, "daß es in Magdeburg keine Berührungsängste gibt", wie er sagte. In seiner Musik will er dem Gefühl für die musikalische Form Ausdruck geben und lädt die Musiker zum musikalischen Gespräch ein: "Nicht einen Monolog, sondern einen Dialog der Kulturen", gibt er im Pausengespräch als Idee der Band an. Und erklärt auch den Namen der Band. Die entstand 2004 aus einem musikalischen Projekt in Zusammenhang mit der Bewerbung seiner Heimatstadt Münster um den Titel der Kulturhauptstadt. Damals wollte sich die Band mit der Musik der vergangenen 1000 Jahre auseinandersetzen. (Nebenbei: Münster wurde damals nicht Kulturhauptstadt, aber die Band gibt es noch immer. Und: auch Magdeburg strebt zur Zeit den Titel der Kulturhauptstadt an – und wie auch immer das ausgeht, der Magdeburger Kulturszene kann das nur gut tun).

Einen Anklang an jahrhundertealte Musik gab es nach der Pause, etwa als bei "Hymnus Organum" die Instrumente wechselten: Klare an der Querflöte und Vatcher mit einer Zither. Oder das von Ravel inspirierte "Fountain" mit perlenden (Wasser)Tönen. Ein Kontrast zum ersten Set. Mit ihrer Vielfalt der musikalischen Form und der Auseinandersetzung mit muikalischen Ideen paßte "1000" wunderbar in das Konzept der Magdeburger Jazzreihe, die die Lust am Neuen wachhalten möchte.


Montag, 18. Mai 2015

Blume

Am 18. Mai um 20 Uhr war die Berliner Band Blume zu Gast im Schauspielhaus, mit
Magnus Schriefl – Trompete, Komposition
Wanja Slavin – Altsaxophon
Bernhard Meyer – Bass
Peter Gall – Schlagzeug

In seinem aktuellen Projekt "Blume" brachte der Trompeter Magnus Schriefl gemeinsam mit drei weiteren jungen Musikern erfrischend neue und sehr lebendige Musik aus Berlin auf die Magdeburger Jazz-Bühne. Und bestätigte damit, was schon Warnfried Altmann bei der Vorstellung der Band sagte: "Berlin entwickelt sich zu einer neuen Hauptstadt des Jazz".

Das Konzert begann gleich aus dem Stimmen des Baß heraus, in fließendem Übergang und mit langsamen Tönen, in die sich Wanja Slavins Saxophon mischte, einem Choral gleichend oder einem Volkslied. Folgen aufgelöster Akkord-Töne, zu denen die Trompete die Melodie variierte. Peter Gall bleibt zu der Zeit mit seinem Schlagzeug noch eher verhalten im Hintergrund. Doch lange bleibt es nicht so ruhig, bald bestimmen experimentelle und kräftige Melodien, vor allem von den beiden Bläsern, das akustische Bild. Klangmuster, die sich in Schleifen wiederholen und an Dynamik immer weiter steigern, führen am Ende des ersten Set zu einem furiosen Finale.

An einige Stellen und sparsam setzte die Band auch Elektronik ein, ließ damit die Musik beinahe schon in Art klassischer Sinfonien klingen. Oder nutzten die Elektronik zu Experimenten – etwa, als das Saxophon einem Synthesizer ähnelnd verfremdet wurde. Ein wirklich cooles Instrument entstand so, das der Musik spacige Weltraumklänge hinzufügte. 

Die meisten Stücke stammten aus Magnus Schriefels Feder. Einige aber auch vom Bassisten Bernhard Meyer, wie das "Melting Mud", Musik voll Leichtigkeit und tänzerischer Eleganz. Überhaupt erwies sich die Baßgitarre als das ruhigste der Instrumente. Wo eben noch die Bläser laut tönten, gab es Entspannung für die Ohren, wenn der Baß die Rolle des Melodieinstruments übernahm. Ganz anders dann wieder im letzten Stück, "The clash", bei dem nochmal unterschiedliche musikalische Kulturen aufeinanderprallten.

Mit einem träumerisch wirkenden Stück als Zugabe, bei dem Musikthemen von Bach auf mikrotonale Musik trafen und zu smoothigen Klängen mischten, beendeten die Musiker den Abend und entließen die Konzertbesucher in eine laue Frühlingsnacht.


Montag, 20. April 2015

Marc Schmolling: Ticho

Heute stand Marc Schmolling mit seinem Projekt "Ticho" auf der Bühne des Magdeburger Schauspielhauses:
Marc Schmolling – Klavier
Tom Arthurs – Trompete
Almut Kühne – Gesang

Der Name von Marc Schmollings aktuellem Projekt "Ticho" stammt aus dem Tschechischen und könnte mit "still" oder "leise" übersetzt werden. Da lag schon vorab nahe, daß das Konzert eines mit ruhigen Tönen werden würde. (Nach dem Soundcheck hatte Warnfried Altmann vorsichtshalber schon mal die normalerweise leise vor sich hin ratternden Getränkekühlschränke der Bar im Foyer des Schauspielhauses ausschalten lassen. Eine Idee, die sich später als sinnvoll erweisen sollte.)

Tatsächlich begann das Konzert mit zarten Melodiebögen von Marc Schmollings Piano, in die sich beinahe unmerklich leise und ganz allmählich Almut Kühnes Stimme hinein schlich, mit langezogenen leisen Vokalen; wenig später und in unisonem Gleichklang dann auch Tom Arthurs mit seiner Trompete. Selten habe ich jemanden eine Trompete so leise und zart spielen gehört. Leichte Modulationen von Stimme und Trompete führten zu Schwebungen, bevor Kühnes Stimme urplötzlich in ein Lied übergeht, dessen Text mehr Silbenrezitation und Sprechgesang ist. Eben noch ruhiger, begleitender Part der Instrumentalmusik, klingt ihre Stimme nun um vieles kräftiger. Teils besteht ihr Gesang in einer Anneinanderreihung von Silben, einer Kunstsprache gleich, teils ergeben sich Stücke eines Textes, der mehr zu ahnen als tatsächlich zu verstehen ist. Almut Kühne ist zugleich nahe an den Wurzeln des traditionellen Jazzgesangs und in ihrer experimentellen Interpretation doch schon wieder meilenweit davon entfernt. Teils hörte man Gesang, dann wieder war es, als befinde man sich inmitten eines in schnellem Vorlauf abgespielten Hörspiels oder vielleicht auch, als modernerer Form, in so etwas wie einem Poetry Slam. 

Eines der Stücke bezeichnete Schmolling als Haiku, als musikalisches Gedicht, das mit Naturbildern spielte und dem er den Untertitel "Herbst" gab. Später sollte noch eines über den Frühling folgen. In Schmöllings leisen Piano-Akkorden mochte man wirklich die stillen klaren Herbstnächte heraushören, die den ersten Frost bringen.

Ganz großartig war dann das Titelstück der CD, "Ticho", mit der gekonnten Verwendung der leisen Töne. Almut Kühne im Mittelpunkt der Musik, auf der Bühne stehend die Stille dirigierend und sie leise begleitend oder auch mit plötzlich anschwellenden Sirenentönen Kontraste setzend. Das konzentrierte Magdeburger Jazz-Publikum ließ sich auf solche ein Experiment ein und verharrte auch in einer gefühlt minutenlangen Pause innerhalb von "Ticho" in völliger Ruhe.

"Ticho" ist ein Projekt, das durchaus die Konzentration der Zuhörer erfordert, ihnen dafür aber auch höchsten musikalischen Genuß, ja geradezu ein musikalisches Erlebnis liefert. Dabei kann jeder Abend anders sein, denn Marc Schmolling schreibt seine Kompositionen nur in Teilen nieder und sieht sie eher als Grundlage einer Stimmung, die sich im Zusammenspiel mit seinen Partnern jedesmal neu ergibt; als Inseln im musikalischen Fluß. 


Montag, 16. März 2015

Damasiewicz, Ramond und Kugel

Heute waren im Schauspielhaus Magdeburg zu Gast:
Piotr Damasiewicz – Trompete
Christian Ramond – Bass
Klaus Kugel – Schlagzeug

Der Schlagzeuger Klaus Kugel und der Bassist Christian Ramond spielen bereits seit 30 Jahren in unterschiedlichen Formationen gemeinsam. Ganz neu in dem Trio war dagegen der polnische Trompeter Piotr Damasiewicz – er war erst wenige Tage zuvor für den ursprünglich vorgesehenen Sergey Pron aus Rußland eingesprungen (der wohl zu spät dran gedacht hatte, ein Visum zu beantragen, so Warnfried Altmanns Anekdote dazu). Damasiewicz verstand sich auf Anhieb mit seinen beiden Kollegen, so als hätten sie schon immer so auf der Bühne gestanden. Kein Wunder, hat doch auch er bereits mehrere eigene Bands und Projekte, in denen er sich zwischen Free Jazz und Sinfonik bewegt, zum Teil auch elektronischer und experimenteller Art. In Magdeburg war das Konzert allerdings ein rein akustisches, sieht man von etwas Verstärkung für den Bass ab. Keine Elektronik formte oder sampelte Töne, alles war handgemacht.

Die ersten Minuten des Abends begannen noch sehr leise, selbst die Trompete nur flüsternd. Während Kugel auf seinem großen Instrumentarium, seinen Glöckchen, Becken, Schellen zarte Percussion-Töne anstimmte, in die Ramonds dissonannte Basstöne gleichsam einzudringen schienen, hielt sich Damasiewicz Trompete zunächst sehr im Hintergrund. Es war wie ein Spiel, wie ein erstes Herantasten an neue Instrumente. Vielleicht, als versuchten Kinder herauszufinden, was anzufangen mit den vielen auf der Bühne stehenden Dingen. Dabei aber jeder für sich hochkonzentriert und sein Instrument beherrschend, immer mehr Klänge oder Melodie-Fragmente beisteuernd. Allmählich kam das Trio in Fahrt, wurden die Töne lauter und füllten das gesamte Foyer des Schauspielhauses. Als Konzertbesucher konnte man sich dabei wie ein Beobachter eines Experimentes fühlen, dessen Funktion und Ablauf es zu ergründen galt, nicht auf den ersten Blick durchschaubar und vielleicht gerade deshalb interessant. Mal dominierten wilde Trompetentöne, dann wieder war es ein brummender Bass-Bordun, der die Schwingungen in den Raum schickte. Kugel saß mal wie ein Wirbelwind an den Drums, mal wie ein Magier an den Percussions. Der (ohne Pause durchgespielte!) erste Set endete mit so etwas wie einer Hommage an Rimski-Korsakov mit seinem Hummelflug, auf die sich Ramond und Damasiewicz schießlich als gemeinsame Melodie einigten und die sie bis zum Verklingen auch des allerletzten Nachhalls ausklingen ließen, das wie immer aufmerksame Magdeburger Publikum bis in diese Stille hinein mitnehmend.

Sind in der von den dreien improvisierten Musik solche Entwicklungen eigentlich vorher abgestimmt, wollte ich in der Pause von Klaus Kugel wissen. Er sieht die Musik solcher Abende eher als "im Moment komponiert an", als etwas, das man sich zwar auch als Noten aufgeschrieben vorstellen könnte: "Dann wäre manches davon wie Neue Musik", das er aber lieber frei spielt. "Wir wollen ja nicht etwas zuvor komponiertes spielen", sagte er, auch wenn er die Musik selbst vom Grunde her schon als "orchestral gedacht" versteht, unter Wirkung musikalischer Naturgesetze und im Vertrauen darauf, daß das Tun des anderen einen Sinn hat. Und die eben noch von mir zu erkennen geglaubte Melodie, gab es sie dann wirklich? Egal, für mich war sie es und vielleicht spielt das auch schon gar keine Rolle mehr.

Den zweiten Set des Abends spielten die drei ebenso an einem Stück durch, wurden aber erst nach einer Zugabe von der Bühne gelassen.