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Montag, 16. Januar 2023

Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs

Magdeburg wurde zweimal nahezu vollständig zerstört, erst im 30jährigen Krieg und dann am 16. Januar 1945. Ein Konzert mit Lesung und Videocollage erinnerte daran.

Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Rezitation

"Ich bin inzwischen etwas ratlos, wie wir mit dem Thema umgehen sollen", kündigte Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung das Konzert an, "mit dem Thema eines Gedenk-Abends, den wir vor etwa 20 Jahren in dieser Form begonnen haben. Damals war es ein Zeichen gegen die Nazis, die das Kriegsgedenken für sich nutzen wollten. Die Nazis sind jetzt zwar nicht weg, aber der Krieg ist wieder da. Wir reden so viel über Ausstieg aus allem. Ich bin der Meinung, dass man auch aus einem Krieg aussteigen kann. Kriege sind vermeidbar".

Am Beginn des Konzertes trug Mohamad Issa, der nach dem Krieg in seiner syrischen Heimat nach Magdeburg kam, ein Gedicht vor. "Es geht darin unter um einen Krieg, der schon längst aus unserer Wahrnehmung verschwunden ist. Diesmal haben wir auf eine Übertragung ins Deutsche verzichtet", sagte Norbert Pohlmann (diese hatte er in den Vorjahren jeweils im Anschluss vorgetragen), "denn dann müssten wir den Text eigentlich in so viele Sprachen übersetzen, unter anderem auch in die ukrainische". Im melodischen Ton der arabischen Sprache waren für den nicht sprachkundigen Zuhörer zumindest Ortsnamen wie Magdeburg oder Mariupol herauszuhören. Der Krieg kennt viele Orte. Das Leid ist universell.

Sonntag, 16. Januar 2022

Ein wahres Elend, der verdammte Krieg – Gedenkkonzert zur Zerstörung Magdeburgs

Heute vor 77 Jahren kam der Krieg zurück nach Magdeburg, wurden bei einem Bombenangriff große Teile der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Das Forum Gestaltung erinnerte mit einem Konzert an diesen Tag, seine Opfer und seine Vorgeschichte. 

Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk, Percussion
Mahamad Isaa – Rezitation
Norbert Pohlmann – Filmcollage, Übersetzung, Rezitation

Norbert Pohlmann fragte angesichts der bis heute an jedem Tag irgendwo auf der Welt stattfindenden Kriege zu Beginn des Konzertes ins Publikum und auch sich selbst "hat es noch Sinn, Jahr für Jahr in sich wiederholender Form an diesen Tag zu erinnern?". Und lieferte auch die Antwort, über die er mit Mohamad Issa zuvor nachdachte. "Ich bin mir etwas weniger sicher, er mehr". Mohamad Issa, der vor dem Krieg in seiner syrischen Heimat floh, hat den direkten Bezug zu Krieg und Zerstörung – und gab dem auch in seiner Lyrik Ausdruck. Norbert Pohlmann trug diese Texte dann auf deutsch vor.

Aber auch aktuelle Vorgänge, das Erstarken rechter Kräfte, hatte Norbert Pohlmann im Sinn. In Anlehnung an den Begriff der political correctness rief er auf, "Lassen Sie uns human correct sein. Und lassen Sie uns ein 'dennoch' mitdenken. Denn noch ist es nicht zu spät. Noch kann man etwas tun."

Mohamad Issa sprach in seinen Gedichten vom Asyl, das ihm gegeben wurde, und von Gedanken an die Heimat, bei denen das Herz fast platzt. In seinen Gedichten gab es Erinnerungen an Friedenszeiten und Berichte vom Krieg in der Heimat. Und in der deutschen Übertragung erinnerte das an griechische Heldensagen, wie die vom Untergang Trojas. Die Geschichte der Kriege ist alt. Und sie ist leider nicht zu Ende. 

In einem Gedicht hieß es "Welche Schuld tragen die Kinder?". Die Frage war wie eine Vorschau auf die Filmcollage. In der zum Ende auch die Toten des Krieges vorkamen. In endlosen Reihen von Särgen, in Bildern von Menschen, die die Reihen von Toten auf der Suche nach Angehörigen abgingen. Und, wohl am berührendsten, in den Anblicken toter Kinder, die Hände über der Brust gefaltet, das Haar sich noch leicht im Wind bewegend.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs

Heute war der Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. Eine der Gedenkveranstaltungen war die im Forum Gestaltung, bei der Warnfried Altmann und Hermann Naehring unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" eine von Norbert Pohlmann zusammengestellte Filmcollage begleiteten. Der syrische Autor Mohamad Issa trug Verse über den Krieg vor, den er in Syrien erlebte.


Schon vor Beginn des Konzertes waren Antikriegslieder zu hören, etwa das von Hannes Wader gesungene "Wo sind all die Blumen hin". Denen, die am Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs in das Forum Gestaltung kamen, war die Antwort wohl klar. Auch was die Gäste erwarten durften, war bekannt. Norbert Pohlmanns stumme Collage alter Schwarzweißfilme aus der Zeit vor dem Krieg und aus dem Krieg wurde bereits viele Male von Musikern begleitet, mal von Altmann und Naehring, mal vom Neuen Magdeburger Kammerchor. Jeder hat da seine eigene Interpretation, bei Altmann und Naehring ist sie, da frei improvisiert, auch jedes mal ein wenig anders. Nur eines steht für Pohlmann immer im Vordergrund: "die Deutung der Vorgänge dürfen wir nicht den Rechten überlassen".

Dienstag, 16. Januar 2018

Gedenkkonzert

Am Jahrestag der Zerstörung der Stadt Magdeburg am 16. Januar 1945 fand heute unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" ein Gedenkkonzert im Forum Gestaltung statt.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Text
Norbert Pohlmann – Text

Das Foyer des Forum Gestaltung ist in düsteres Licht getaucht, in eine Mischung aus Flammengelb und Feuerrot. Im offenen Raum nebenan werden Holzschnitte von Georg Kaiser auf eine Leinwand projiziert, auch im Druck liegen sie aus, in einer in den 60er Jahren erschienenen Druckfassung. Mit kräftigen, breiten Schnitten karikiert Kaiser in seiner Serie "Die Gasgesellschaft" die Größen des Nazireiches in einer sehr deftigen Weise. Hitler, Himmler, Göring, Göbbels, Keitel und einige mehr werden der Lächerlichkeit preisgegeben und zugleich die Insignien ihres Größenwahns offenbart. "Kunst, die damals auf den Tod gefährlich war und doch zum Lachen, zum Aus-Lachen anregend", wie Norbert Pohlmann in seinen Worten vor dem Beginn des Konzertes sagte. "Angesichts einer braunen Versumpfung sollen uns die Blätter daran erinnern, daß die Deutungshoheit über die Ereignisse des Krieges nicht den falschen, nicht den Rechten überlassen werden darf".

Um dem Erinnern auch filmisch eine Basis zu geben, stellte Pohlmann schon vor etwa zehn Jahren eine Collage aus alten Kriegsfilmen zusammen. Ausschnitte aus Wochenschauen sind darin ebenso enthalten wie Filme aus Aufklärungsflügen oder Kriegsberichte der Alliierten. Eingeblendete Textpassagen aus Göbbels' Tagebuch offenbaren die Totale-Kriegs-Rhetorik, die die Welt an den Rand des Untergangs trieb.

Während im Hintergrund bereits der Beginn des Films lief, in dem gerade die Rüstungsmaschinerie anlief,  und Hermann Naehring auf der riesig großen Taiko-Trommel zwar leise, aber dennoch bedrohlich zu trommeln begann, las der Syrer Mohamad Issa Gedichte. Gedichte über den Krieg und über seine Heimat, die im Anschluß von Norbert Pohlmann ins deutsche übersetzt wurden. "Ein Irrsinn ist über die Menschen gekommen", heißt es darin, und bedrückend ist, wie konstant dieser Irrsinn doch bleibt.

Montag, 16. Januar 2017

Gedenkkonzert

Heute fand im Rahmen von Jazz in der Kammer ein Konzert unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" statt. Der 16. Januar ist der Gedenktag der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1945. Warnfried Altmann und Hermann Naehring  stellten diesen Anlass in den Mittelpunkt ihrer Musik, unterstützt von Mohamad Issa.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk, Percussion
Mohamad Issa – Lesung

Warnfried Altmann, Organisator von Jazz in der Kammer, stand selbst auf der Bühne. So war es diesmal Norbert Pohlmanns Aufgabe, die Besucher des Konzerts zu begrüßen. Er erinnerte daran, daß seit Bestehen des Forum Gestaltung an jedem 16. Januar ein Gedenkkonzert anläßlich der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1945 stattfindet. Diesmal fiel dieser Jahrestag auf den Termin von Jazz in der Kammer. „Ziel unserer Gedenkkonzerte war immer, den Rechten etwas entgegenzusetzen, die diesen Tag für ihre Zwecke mißbrauchen wollen“, sagte Pohlmann.

In vielen der vergangenen Jahre wurde zur Musik eine Kollage von Filmbilder aus Rüstungsproduktion, Krieg und dem zerstörten Magdeburg gezeigt, die der Musik eine sichtbare Aussage gab. „Wir haben in diesem Jahr auf diesen Film verzichtet“, erklärte Norbert Pohlmann. „Die Menschheit bekommt heute mit den täglichen Live-Bildern jeden Tag einen Gedenktag gegen den Krieg“, sagte er und fügte hinzu: „Es geht schon längst nicht mehr um political correctness, sondern um human correctness.“ In Anlehnung an ein bekanntes Luther-Zitat gab er den Musikern und Konzertbesuchern die Hoffnung mit: „Und noch ist es nicht zu spät, einen Apfelbaum zu pflanzen.“ Und dennoch gibt es Gegenden, in denen auch heute die Welt untergeht, alles zerstört wird: "Wir erinnern mit unserem Konzert nicht nur an die Zerstörung Magdeburgs, sondern auch an die Zerstörung Aleppos", sagte Pohlmann. Und stellte Mohamad Issa vor, der aus Syrien nach Deutschland gefüchtet war und nun in Magdeburg lebt. Zur Musik von Warnfried Altmann und Hermann Naehring las er Gedichte.

Samstag, 16. Januar 2016

Gedenkkonzert: "Ein wahres Elend der verdammte Krieg"

Am 71. Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs fand im Forum Gestaltung ein Konzert statt zum Gedenken an die Bombennacht des 16. Januar 1945, aber auch an die erste Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg am 10. Mai 1631.
Mitwirkende waren:
Neuer Magdeburger Kammerchor unter der Leitung von Christian Hoffmann,
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (dr, perc)
Trio Fisarmonica (Christian Waltenberg, Frances Twardoch, Marius Beier, acc)
Der Satz "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg", der dem Konzert seinen Titel gab, stammt bereits aus dem Jahr 423 v.u.Z., aus einem Schauspiel des antiken Dichters Aristophanes. An Gültigkeit und Aktualität hat er indes nichts verloren und ist – leider – über alle Zeiten hinweg von universeller Gültigkeit geblieben. So ist das jährliche Konzert am 16. Januar Gedenken und Mahnung zugleich.

Die Bühnenscheinwerfer tauchten das Foyer des Forum Gestaltung in einen Schein aus feuerrotem und flammengelben Licht. In diese bedrohlich-düstere Lichtstimmung hinein klangen erst einzelne Glockentöne aus Hermann Naehrings Schlagwerk, gefolgt von bedrohlichen Klängen aus Warnfried Altmanns Saxophons. Die Töne und Geräusche, die dann erklingen, mögen sich nicht zu Melodien formen, bleiben unbestimmt und unterstützen in ihrer Zusammensetzung die bildlichen Vorstellungen der Besucher – die wohl jeder im Kopf hat als Bilder von Krieg und Zerstörung, Bilder aus alten Filmen oder aus neuesten Nachrichten.


Als dann der Chor einsetzt, geschieht das mit einem erst leisen, dann immer stärker werdenden Stimmwirrwar, aus dem immer deutlicher der Name einer Stadt vernehmbar wurde: Magdeburg. Stimmen, wie sie von Mund zu Mund eine Nachricht weitergeben, das Entsetzen über das Ungeheuerliche und das noch-nicht-wahrhaben-wollen ausdrückend. Das anschließende Introitus eines Requiems (Requiem aeternam...  Herr, gib ihnen die ewige Ruhe), unterstrichen durch mächtige Paukenschläge und Beckengetöse, erschien wie eine Bekräftigung der Nachricht. Der Chorgesang wurde im Versuch, mit dem Kriegslärm des Schlagzeugs mitzuhalten, immer lauter, brach dann unmittelbar ab. Dieser Wechsel zwischen laut und leise, mehrfach eingesetzt, erzeugte eine ungeheure Dynamik, zumal auch aus dem gespannt lauschenden Publikum keinerlei Geräusch zu hören war. 

Kamen die Klänge des Krieges zunächst von den Rhythmusinstrumenten, so wurde das vom Akkordeon-Trio mit den "Sounds of war" von Józef Wojtarowicz fortgesetzt – mit einer riesigen Bandbreite an Tönen und Klängen, die weit über Töne, Akkorde und Melodien hinausgehen. Die drei Musiker ließen ihre Instrumente atmen und zischen, seufzen und singen. Das Stück des polnischen Komponisten sah Chorleiter Christian Hoffmann auch als zentrales Element des diesjährigen Gedenkkonzertes an. "Um dieses Stück herum habe wir die Interpretation des Chores und die Improvisationen der anderen beiden Musiker angeordnet und darauf abgestimmt". So war auch der Chorgesang in weiten Teilen des Konzertes durch das Formen von Klangflächen bestimmt, durch stimmlich geprägte Melodien, die ohne förmlichen Text auskamen. Damit wurde der Chor selbst zum Instrument, das in Zusammenspiel und Wechselwirkung mit dem Saxophon und mit dem Schlagwerk des Klangkünstlers Naehring stand. Wieder mehr durch Text bestimmt war dann die beeindruckende Interpretation von Rudolf Mauersbergers Motette "Wie liegt die Stadt so wüst" durch den Neuen Magdeburger Kammerchor, die auf biblischen Texten beruhend das Grauen im Angesicht einer in Trümmern liegenden Stadt beschreibt. Kreuzkantor Mauersberger komponierte das Chorwerk im Jahr 1945, unter dem Eindruck der Zerstörung Dresdens, das einen Monat nach Magdeburg dem Bombenkrieg zum Opfer fiel.

Das Konzert beendete der Chor mit einem Rezitativ, mit dem Gedicht "Flammentropfen" des türkischen Dichters Zafer Senocak:
Ein Flammentropfen sucht ein Versteck
kreiselnd in der Luft
öffne ihm dein Hemd
bevor die Wolke
die um die Erde kreist
auch über unser Land zieht.
Ein Gedicht in düster-prophetischer Ausstrahlung. Für Magdeburg kam damals die Hoffnung zu spät, jemand könne die Flammen noch einfangen.

Als das Konzert beendet war, blieben die Künstler auf der Bühne noch lange schweigend stehen, das Publikum reglos sitzen. Ein gemeinsames stilles Innehalten, Zeit des Gedenkens an die Toten des nun 71 Jahre zurückliegenden Krieges und aller aktuellen Kriege. Auch abgesehen vom historischen Anlasses bleibt von dem 2016er Gedenkkonzert die Leistung aller Künstler in Erinnerung, die ihre Instrumente und Stimmen zu einem großen und beeindruckendem Klangbild vereinten.

Kurz nach dem Ende des Konzertes, um 21:28, als am 16.01.1945 die Bombardierung Magdeburgs begann, läuteten alle Glocken der Stadt mit mahnendem Ruf: nie wieder Krieg!

Schweigendes Gedenken unter Glockengeläut,
um 21:28 Uhr auf dem Magdeburger Domplatz

Freitag, 16. Januar 2015

Gedenkkonzert: "Ein wahres Elend der verdammte Krieg"

Mit dem Neuen Magdeburger Kammerchor unter der Leitung von Christian Hoffmann,
Johanna Mohr (sopran),
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (dr, perc)
Friederike Franke

Der bezeichnende Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" stand schon über vielen Konzerten, die es zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt Magdeburg im Forum Gestaltung gab. Zunächst im Saal und als Begleitung einer Filmcollage über Krieg, Zerstörung und Untergang aufgeführt – nun schon zum zweiten Mal in der Kombination von Chor, Saxophon und Schlagwerk und diesmal mit einer zusätzlichen Solo-Stimme.

Begonnen hatte das Konzert aber mit einer Lesung, aus dem Tagebuch von Lena Muchina. Still wurde es im flammenrot-düster beleuchteten Treppenhaus des Forum Gestaltung, als Friederike Franke Berichte aus dem Kriegswinter 1941/42 las. Berichte einer jungen Frau, die in Belagerung eingeschlossen Kälte und Hunger erlebt – und nach und nach den Tod aller ihrer Angehörigen. Da war nichts von heroischem Heldenmut zu spüren, nur Verzweiflung und Not. "Jetzt bin ich allein", endete der Auszug aus dem Tagebuch. Der Hinweis auf Leningrad als Ort des Geschens war da allenfalls zur historischen Einordnung des Gehörten wichtig, denn so oder ähnlich ging es damals Millionen und geht es auch noch heute. So lenkte Norbert Pohlmann mit seiner Inszenierung des Programm wie schon in den Vorjahren den Blick von der Zerstärung Magdeburg aus in einen größeren Zusammenhang, auf das universelle Leid der Zivilbevölkerung.

Friederike Franke

In die wieder einsetzende Stille mischten sich leise Stimmen, die erst allmählich als die Worte "Nie wieder Krieg" erkennbar wurden. Stimmen der Sänger und Musiker, die langsam das Foyer betraten und sich zu einem Chor formierten, der das "Nie wieder Krieg" in an- und abschwellende Sirenentöne formte. Ein Chor, der wie in der antiken Tragödie das Geschehen und die Gefühle kommentierend zusammenfaßt, ohne selbst eingreifen zu können.

Der Neue Magdeburger Kammerchor
Warnfried Altmann, Johanna Mohr
und Hermann Naehring

Der Chorgesang und Johanna Mohrs darüberliegender Sopran wurden von Hermann Naehrings lautem Schlagwerk kontrastiert, das die Granaten- und Bombenschläge nachbildend den Chor übertönte und in das Warnfried Altmanns Saxophon sich schreiend einmischte. Damit war der Krieg auch musikalisch angekommen.

Im Mittelteil des Konzertes bezogen die Musiker den kompletten Raum in ihre Aufführung ein. Der Chor hatte sich auf der oberen Etage aufgestellt, unsichtbar für die Zuhörer, und sang dort Stücke eines Requiems, während unten Naehring und Altmann spielten. Ein akustisches Experiment, das gleichwohl zu Stimmung und Anlaß des Konzertes paßte, hatten doch die langsam und getragen gesungenen Chorsätze durch den Hall des Raumes etwas erhabenes und zugleich mystisches.

Im dritten Konzertteil stand der Chor wieder auf der Treppe im Foyer und begleitete nochmals Johanna Mohr. Der Chorgesang, von Johanna Mohr gesungene Liedfragmente und von Altmann auf dem Saxophon gespielte Musik, in der man gelegentlich auch ein "Auferstanden aus Ruinen" heraushören konnte, verwoben sich zu einer eigenartigen Mischung, die schließlich mit dem leise ausklingenden "Nie wieder Krieg" des Chores endete.


Anschließend Schweigen, das lange anhielt, ehe das Publikum zögernd Applaus spendete. Zögernd darüber, ob man aus diesem Anlaß überhaupt klatschen darf oder soll. Und in der Tat gab es früher auch Konzerte, in denen das Publikum noch lange still sitzen blieb und erst allmählich und leise herausging.
Nicht lange nach dem Konzert ertönten überall in der Stadt und auch vor der Tür des Forum Gestaltung deutlich vernehmbar die Kirchenglocken, an den Beginn des Bombenangriffs erinnernd, der Magdeburg zerstören sollte.

Bleibt zum Schluß – und nicht zum ersten mal – die Frage, wie man über solche Musik schreiben soll und kann. Darf man ein solches Konzert überhaupt "schön" nennen. Ja, man darf. Es war ein schönes, ein ausgezeichnetes, ein wichtiges Konzert. Und was die Künstler geboten haben, war großartig. Allen voran der Neue Magdeburger Kammerchor, der sich in dieser Musik weit abseits von herkömmlichem Liedgut bewegte.


Montag, 21. April 2014

Zwei und Frei – Altmann und Naehring

Zwei und Frei
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (perc)




Wie lange schon Warnfried Altmann und Hermann Naehring gemeinsam auf der Bühne stehen? Da mußte Warnfried Altmann selbst etwas überlegen, als er das Konzert anmoderierte. So an die 25 Jahre werden es wohl sein, sagte er. Und in der Zeit liegen wohl auch beinahe ungezählte gemeinsame Konzerte. Auf der Bühne des Schauspielhauses standen sie zuletzt gemeinsam im Jahr 2002, als dort die Live-CD "Gepflügelte Pforte" entstand. 

Auch wenn ich selbst die beiden schon so oft bei unterschiedlichen Anlässen spielen gehört habe, so überrascht doch ihre Musik immer wieder. So ergibt sich aus Sicht eines inzwischen mit ihrer Art zu improvisieren vertrauten Hörers sowohl vertrautes wieder zu hören als auch neue Nuancen zu entdecken.

Bekannt – und fast schon Markenzeichen für Naehring: sein fulminanter Beginn des Konzertes an der großen japanischen Taiko-Trommel. Ein immer kräftiger werdender Wirbel lauter Trommelschläge lassen die Luft vibrieren, der Klang wird nicht nur über die Ohren, sondern auch im Bauch spürbar. In den Trommelwirbel fällt Altmann mit seinem Saxophon ein, gibt dem Tromelklang eine melodische, teils melancholische, teils klagende Komponente.

Als Naehring anschließend zum Schlagzeug wechselt, so geht er nicht einfach auf die anderere Seite der Bühne, sondern er spielt sich mit seinen Trommelstöcken dorthin. Schlägt hier oder dort eines seiner reichlich auf der gesamten Bühne verteilten Percussion-Instrumente, Becken und Gongs an, trommelt verspielt auf dem Geländer der Bühne oder den Marmorsäulen herum und lauscht dem so entstehenden Klang nach. Spaß am Experimentieren mit Tönen und Klängen, das spielerische der Musik ausprobieren, damit ist er in seinem ureigensten Element. Und so laut es vorher war, so leise Töne zaubert er jetzt hervor. Das Publikum lauscht auch den leisen Tönen intensiv und konzentriert, läßt sie bis zu Ende ausklingen. Naehring dabei nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzusehen ist faszinierend. Dabei ist das, was da scheinbar leicht daherkommt, tatsächlich ein Spiel voller Konzentration. Und wenn Naehring seine Gongs und Becken mit dem Geigenbogen anstreichte, dann entstehen Töne, die elektronischen Instrumenten wie Theremin oder Trautonium gleichen. So entstehen Klänge, die ebensogut Filmmusik sein könnten, Klänge aus Zeiten, als Regisseure wie Hitchcoock nach ungewohnter Untermalung für ihre Filme suchten.

Überhaupt halten sich die lauten und die dann wieder ganz leisen und zarten Töne die Waage. Wenn etwa Naehring zur Rahmentrommel greift und sie leise spielt, von Altmann ebenso leise begleitet, dann ist das ein ungewohnter Kontrast zu den sonst so kräftigen Klängen der beiden Musiker.

Im Titel des Konzertes, Zwei und Frei, steht schon der Grundgedanke der Musik, die freie Improvisation. Dabei merkt man, wie gut beide aufeinander eingespielt sind. Kurze Blickkontakte, ein unmerkliches Nicken genügen, der Musik eine neue Richtung zu geben. Oder um sich gegenseitig die Führung der Musik zuzuspielen wie Fußballer den Ball. Wie etwa bei ihrem Stück an Saxophon und afrikanischer Trommel, das scheinbar zu einem musikalischen Duell der beiden wird.


Oft kommt die Improvisation aus gegensätzlichen Richtungen daher, Altmann spielt  Töne eines Bach'schen Chorals, tief versunken in die Töne aus seinem Saxophon, während Naehring auf seinen Gongs laute Töne spielt, diese dann aber gleichfalls leise ausklingen läßt.

Ungewohnter Part im Konzert war Altmanns Gesang, als er aus einem Saxophonstück heraus ein Lied von Börries von Münchhausen interpretierte. Das "es liegt etwas auf den Straßen" klang für mich wie ein Lied aus Schuberts Winterreise.

Ebenso spaßig wie spielerisch war dann gegen Ende des Konzertes ein Medley aus gängigen Jazz-Standards und deutschen Volksliedern, bei dem sich Altmann und Naehring gegenseitig immer mehr in die Musik hineinsteigerten.

Ganz ruhig und leise dann die Zugabe, mit Rahmentrommel und Saxophon auf der Bühnentreppe sitzend. 


Das Konzert war ein Fest für die Ohren. Und – man sehe mir das Wortspiel und meine völlig kunstfreie Nachbemerkung zu einem tollen Konzert nach – auch ein Test für die Ohren: das Konzert war bis auf den indischen Tonkrug unverstärkt. Als Techniker denke ich bei solchen Gelegenheiten immer – und wohl nicht zu unrecht – daß dies ungeachtet der eigentlichen Musik auch eine wunderbare Möglichkeit ist, "die Ohren neu zu justieren". Dynamik und Tonumfang liefern alles nötige, von Trommeln nahe der Schmerzgrenze bis zum nahezu unhörbar leisen Rollen von Bällen in einer Blechschale oder von Regentropfen, die in Naehrings Regenmacher gefangen sind, von Klängen aus dem Tonkrug an der unteren bis zum kreischendem Saxophon an der oberen Grenze des Frequenzganges der Ohren.

Donnerstag, 16. Januar 2014

Gedenkkonzert im Forum Gestaltung

Ein Wahres Elend, der verdammte Krieg“, unter diesem Titel stand auch in diesem Jahr wieder das Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. In diesem Jahr sang der Neue Magdeburger Kammerchor unter Leitung von Christian Hoffmann, begleitet von Warnfried Altmann (Saxophon) und Hermann Naehring (Schlagwerk).

In der Begrüßung der Konzertbesucher durch Norbert Pohlmann wurde die Schwierigkeit deutlich, ein solches Konzert einzuleiten, zugleich an das tausendfache Elend so vieler unschuldiger Menschen zu erinnern und dabei auch noch der Gefahr zu begegnen, daß seit Jahren auch Rechte diesen Tag für sich vereinnahmen wollen. Zum Konzert sagte er, daß nach den in den letzten sieben Jahren gezeigten Videocollagen etwas neues ausprobiert werden sollte, daß nun ein Chor, der im Forum Gestaltung beheimatete Neue Magdeburger Kammerchor gemeinsam mit improvisierenden Musikern das Programm gestalte.

Das Konzert begann mit ganz leisen Tönen eines vom Chor gesungenen Chorals, der zunächst ganz langsam und noch fast unmerklich von leisen Glockentönen aus Hermann Naehrings riesigem Instrumentarium begleitet wurde. Als Naehring begann, auf seinen Trommeln und Pauken auch lautere Töne anzustimmen, als Altmann sein Saxophon laut schreien ließ, fielen dem langjährigen Besucher der Gedenkkonzerte im Forum Gestaltung die in den letzten Jahren zur Musik gezeigten Bilder ein, Bilder vom Kreislauf aus Propaganda, Rüstung, Angriffskrieg, Bombardement und Tod. Eine wohl unvermeidliche Assoziation - wenn man die Augen schloß, sah man die schwarzweißen Filme deutlich vor sich. Überhaupt war es ein Abend der Assoziationen, die sich aus der ungewohnten, weil überhaupt nicht melodischen Kombination von Kammerchor und instrumentaler Improvisation ergab. So gab es mehrer, lange Passagen, wo der Chor unvermindert weitersang, als Schlagwerk und Saxophon ihn mit ihrer gesamten Kraft um ein mehrfaches übertönten. Nur noch an der Bewegung der Münder konnte man das Singen erahnen. Meine Gedanken gingen an den Streit zwischen gut (Chor) und Böse (Instrumente), zwischen Krieg und Frieden, schwarz und weiß, den für eine Zeit lang das Böse, laut tönende für sich entschied. Hermann Naehrings Interpretation, die er nach dem Konzert äußerte, gingen da eher in Richtung eines direkteren Bildes, als er sagte, „so war das eben im Bombenkrieg – die Menschen schrien, aber man konte sie im Lärm der Bomben nicht hören“. Schon wieder hatte ich eine Assoziation vor Augen: die schreiend aufgerissenen Münder in Picassos "Guernica".
Für den Chor war es sicher eine Herausforderung, gegen die dissonant und lautstark spielenden Instrumente ansingen zu müssen. Für die Zuhörer waren dies die besonders eindrucksvollen Stellen, an denen sie fassungslos ob der unerhörten Klänge lauschten, waren das die Stellen, die dem Titel des Konzerts besonders nahe kamen. 

Der Neue Magdeburger Kammerchor zeigte die volle Breite seines musikalischen Könnens, sang nicht nur harmonische Chorsätze von Bach und anderen, sondern schaffte es auch, auf Zeichen seines Dirigenten bewußt "durcheinander" zu singen, Dissonazen in die Stimmen zu legen. Aber auch an anderen Stellen, unterstützt durch den starken Hall des Treppenhauses des Forum Gestaltung, sogar so etwas wie schweren Glockenklang heraushören zu lassen.

Überhaupt war die stark hallende Akustik bewußt in das Konzert einbezogen und von den Musikern ausgenutzt worden. Warnfried Altmann sagte dazu, warum das Konzert nicht wie sonst im Ausstellungssaal stattfand: "das Foyer haben wir bewußt wegen der Akustik gewählt, und für Hermann und mich, die wir auch oft in Kirchen spielen, war das ganz normal".

Das Konzert war für mich ein ganz besonderes Erlebnis: musikalisch anspruchsvoll – und wegen der experessiven Musik sehr schwer mit Worten zu beschreiben, was da zu hören war.


Samstag, 1. Juni 2013

Bach und Kommentare

Warnfried Altmann — Saxophon
Hermann Naehring — Schlagwerk
Hans-Dieter Karras — Orgel

In ihrem Projekt "Bach und Kommentare" improvisierten Warnfried Altmann und Hermann Naehring seit langer Zeit gemeinsam mit dem Organisten Hans-Günther Wauer über musikalische Themen von Bach. Im Sommer des vergangenen Jahres war an dieser Stelle ein Bericht über ihr Konzert in Pretzien zu lesen. Zu Beginn des Konzertes in der Konzerthalle "Georg Philipp Telemann" im Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg teilte Altmann mit, daß dem jetzt 87jährigen Hans-Günther Wauer inzwischen die Kraft für das Orgelspiel fehle und er anders als in manchen Programmen ausgedruckt nicht mitspielen könne, es ihm ansonsten aber gut gehe.

Im aktuellen Konzert saß der Braunschweiger Kantor Hans-Dieter Karras auf der Orgelbank und erwies sich als ausgezeichneter Partner im Trio, der sich hervorragend auf das improvisierte Wechselspiel der Instrumente einließ.


Das Konzert begann mit langsamen, aber wuchtigen Schlägen auf Naehrings riesige japanische Taiko-Trommel. Man konnte förmlich hören, wie deren Wiederhall durch das lange Kirchenschiff hin und her wogte. Überhaupt spielte die Akustik des romanischen Kirchenraumes eine große Rolle, wurde von den Musikern in die Musik einbezogen. Auch von Altmann am Saxophon, der erst mit einzelnen Tönen in den Trommelrhythmus einstimmte, deren Eche im Kirchenraum schwebte. Erst nach und nach bildet sich daraus das Motiv des Chorals "Wer nur den lieben Gott läßt walten". Auch wer bereits früher einmal "Bach und Kommentare" gehört hat, das durch die als Prinzip zugrundegelegte Improvisation jedesmal etwas anders klingt, konnte von der Wirkung in der Magdeburger Konzerthalle überwältigt sein. Dazu trug auch das Orgelspiel von Karras bei, der das gewaltige Instrument der Konzerthalle hervorragend beherrschte und es stimmgewaltig spielte.

Später standen die leisen Töne von Klangschalen, die durch Anstreichen mit dem Schlegel einen geradezu sphärischen Klang erhielten in Kontrast zu den vorangegangenen gewaltigen Klängen. Die Zuhörer ließen die leisen Töne konzentriert lauschend bis zum Ende ausklingen, in das Verklingen der leisen Töne mischte sich von draußen hereinkommendes Vogelgezwitscher, das man erst jetzt so richtig wahrnahm – einer Morgenstimmung gleich, wenn im Sommer früh vor Tage die Natur erwacht.

Das Konzert klang mit einer Komposition von Karras aus, der er die Melodie von "Verleih uns Frieden ewiglich" zugrundelegte und in die Saxophon und Schlagwerk einbezogen wurden. Altmann widmete das letzte Stück den Menschen, die täglich – und auch jetzt – unter dem Krieg leiden und den Frieden ersehnen.