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Montag, 19. Dezember 2022

Mars Williams: An Ayler X-Mas

Heute, kurz vor Weihnachten, wurde es auch auf der Magdeburger Jazzbühne weihnachtlich. Was nicht in jedem Jahr der Fall ist, denn nicht immer ergibt sich diese jahreszeitliche Übereinstimmung. Dass es keine kitschigen Weihnachts-Dudel-Klänge wurden, sondern eher bei Freunden des Free Jazz weihnachtliche Gefühle aufkamen, dafür sorgten die kräftigen Klänge der Musiker, die Mars Williams mit nach Magdeburg brachte.

Mars Williams – Arrangements, Percussion, Toy Instruments
Matthias Schubert – Saxophon
Thomas Berghammer –  Trompete
Knox Chandler – Gitarre
Christian Svendsen – Bass
Klaus Kugel –Schlagzeug

Wenige Minuten vor Beginn des Konzertes sah man Konzert-Organisator Warnfried Altmann mit einem Gitarrenverstärker durch die Gänge des Forum Gestaltung eilen. Der Verstärker von Knox Chandler funktionierte nicht, Ersatz musste her. "Ich kenne ja einige Gitarristen", sagte Altmann, "aber die muss man erst mal ans Telefon bekommen und dann müssen sie auch noch zu Hause sein". Letztlich erreichte er gerade noch rechtzeitig Jörg Rattai, fuhr quer durch Magdeburg und das Konzert konnte pünktlich beginnen. "Das Konzert sollte bereits früher stattfinden, es wurde wegen Corona zweimal verschoben, jetzt beim dritten Mal können wir es endlich hören", kündigte Warnfried Altmann die Musiker an. "Ihnen werden die Ohren ordentlich durchgepustet, ich glaube wir werden heute alle glücklich nach Hause gehen."

Dass Warnfried Altmann nicht zuviel versprochen hatte, merkte man gleich zu Beginn. Dass "Vom Himmel hoch" hinter den Improvisationen stand, war zwischen Speed Marsch und punkig-krawalligen Klängen nur zu erahnen. Aber das machte zugleich Spaß: zwischen all den kräftigen Klängen und schrägen Tönen die Strukturen und Weihnachtsmelodien (schließlich ist es ein X-Mas-Programm) herauszuhören. Das war keine bloßen Jazz-Versionen von bekannten Weihnachtsliedern, das waren echte Neuerfindungen, für die die traditionellen Melodien nur Inspiration und Stichwortgeber waren. Das Kontrastprogramm zum Fest!

Bandleader Mars Williams konnte wegen einer Verletzung nicht selbst Saxophon spielen und beschränkte sich auf Percussion und divers Spielzeuginstrumente, deren Töne immer wieder in die Musik gemischt wurden. Für das Saxophon hatte Matthias Schubert engagiert. Die kräftigen Bläsertöne von Matthias Schubert und von Thomas Berghammer an der Trompete fanden ihren Widerhall in der extremst verzerrten Gitarren von Knox Chandler, dazu der kräftige Bass von Christian Svendsen und Schlagzeug und Percussion von Klaus Kugel, der bereits einigemal in Magdeburg zu hören war.

Samstag, 26. November 2022

Offbeat: Schultze – Puntin

Akustische und elektronische Klangeffekte und ein phantasievolles Spiel mit Sounds standen im Mittelpunkt des heutigen Konzertes im Rahmen der Offbeat-Reihe im Gesellschaftshaus Magdeburg.  

Stefan Schultze – Klavier, Fender Rhodes Piano
Claudio Puntin – Electronics, Klarinette, Zischophon
Stefan Schultze (links) und Claudio Puntin
an ihrem riesigen Set von überwiegend rein
akustischen Instrumenten aller Art

Leise, voller Konzentration erzeugte Klänge bestimmten den Beginn des Konzertes. Zarte Klaviertöne, Gongs wie aus orientalischen Tempeln, Regenrauschen. Bei manchen dieser Klänge überlegt man, ob diese elektronischen oder akustischen Ursprung haben. Wer Stefan Schultze kennt weiß, dass er vieles auf seinem präpariertem Klavier zaubert und Claudio Puntin hat ebenfalls einiges an Equipment aufgebaut.

Montag, 21. Februar 2022

Maria Raducanu Trio

Ausdrucksstarker Gesang zwischen Jazz und Ethno, begleitet von zwei sensiblen Musikern an Bass und Schlagzeug, das war heute die Musik bei Jazz in der Kammer im Forum Gestaltung. 

Maria Raducanu – Vocals
Jan Roder – Kontrabass
Michael Griener – Schlagzeug

Ein ungewöhnlicher Beginn: Jan Roder erzeugt auf seinem Bass einen mit dem Bogen gestrichenen Rhythmus aus gleichbleibenden tiefen Tönen, gleichmäßig wie eine Dampfmaschine, die zischenden Klänge der Becken verstärken diese Assoziation. Dazu die Stimme von Maria Raducanu, die rumänisch und damit in einer den meisten im Publikum unbekannten Sprache singt, melancholisch und voller Gefühl. Eine Musik, die deshalb vor allem über das Gefühl wirkt. Und die in einer sehr ruhigen, entschleunigenden Weise daherkommt, langsam und doch zugleich auch komplex und virtuos. Die Stimme steht dabei im Vordergrund, Jan Roder, der seinen Bass singend klingen lässt, und Michael Griener, der sein Schlagzeug überwiegend leise spielt, liefern dazu eine gut abgestimmte Umrahmung.

Später kommen auch englische Titel hinzu, Songs von Winter und Schnee, deutlich von osteuropäischer Folkmusic beeinflusst. Aber auch der englischssprachige Jazzgesang ist hörbar beeinflusst von osteuropäischer Stimmung. In ihrem Gesang zelebriert Maria Raducanu die Langsamkeit, lässt dem Ausdruck in ihrer Stimme weiten Raum, wenn sie lang gedehnt singt. 

Am Ende des ersten Sets ein Titel, bei dem mich besonders faszinierte, wie Jan Roder am Bass eine gezupfte Melodie anstimmt. Eine ganz einfache, die mir seltsam bekannt vorkommt, wie ein lange vergessenes Lied, ein Volkslied vielleicht oder ein Schlager. Stinge Lampa (Dreh das Licht ab) Das letzte Lied auf der aktuellen CD. Aus der einfachen Melodie wird ein Bossa-Rhythmus. 

Montag, 15. November 2021

Timo Vollbrecht "Fly Magic"

Heute war Timo Vollbrecht mit seinem Projekt "Fly Magic" im Forum Gestaltung zu hören. Ein hochkonzentriertes Spiel von vier bestens aufeinander eingestimmten Musikern. Für mich eine Entdeckung.

Timo Vollbrecht (sax)
Keisuke Matsuno (g)
Elias Stemeseder (p, synths)
Dayeon Seok (perc)

Die Musik der Band beginnt mit sanften Tönen aus Timo Vollbrechts Saxophon und leisen Gitarrenriffs von Keisuke Matsuno. Ab und zu sind dazu einzelne Töne zu hören, also ob jemand eine Melodie pfeift. Klangeffekte aus Emil Stemeseders Synthesizer, der auf dem Flügel steht. Später, bei einem langen Pianosolo, zeigt er, dass er nicht nur die Elektronik, sondern auch die Tasten des Flügels beherrscht. Dayeon Seok spielt im Auftaktstück ihren Schlagzeugpart wie in Zeitlupe gedehnt. Mir kommt es vor wie das, was ein Rock-Schlagzeuger als kräftiges Solo spielt, nur dass sie mit Ihren Stöcken in der selben Abfolge nacheinander ihre Drums und Becken schlägt, aber eben nicht leichthin und in hohem Tempo, sondern voller Konzentration hier und da und dort hinlangt. 

Nach diesem zurückhaltenden Beginn findet die Band in einem Fusionsound zusammen, bei dem das Saxophon im Vordergrund steht. Insgesamt ist die Musik so was von ausgewogen, dass eigentlich egal ist, wo die Klänge grad herkommen. Und, um Missverständnissen vorzubeugen: nein, mit „ausgewogen“ meine ich nicht „beliebig“. Die Musik ist immer wieder faszinierend, auch wenn etwa völlig verrückte spacige Effekte hinzukommen, man das Raumschiff gleich abheben zu hören meint. Oder wenn sie ins rockige wechselt, bei „givers an takers“. „So heißt unsere Lieblingsbar in New York, in der nur Rockmusik läuft“, erklärt Timo Vollbrecht den Titel. 

Donnerstag, 16. Januar 2020

Zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs vor 75 Jahren

Heute jährte sich die Zerstörung der Stadt Magdeburg in der Bombennacht des 16. Januar 1945 zum 75. Mal. Wie in den Jahren zuvor fand zum Gedenken an dieses schreckliche Ereignis im Forum Gestaltung ein Konzert unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" statt.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Text
Norbert Pohlmann – Text, Filmcollage

Norbert Pohlmann dachte vor Beginn des Konzertes, an das Publikum gewandt, über das Gedenken an Krieg und Zerstörung nach. "Wenn die Menschheit jeden Tag einen neuen Gedenktag der Zerstörung hinzubekommt, macht es da noch Sinn zu gedenken? Mit Gedenkkonzerten darauf reflektieren?". Und antwortet auf seine Fragen, auf seine eigene Ratlosigkeit: "Wir denken ein 'Dennoch' mit. Denn noch ist es nicht zu spät. Immer noch sind aufhaltsame Aufstiege zu verhindern. Und Apfelbäume werden immer wieder, selbst auf verbrannter Erde zu pflanzen sein." Und er erinnert an eine andere Gegend, in der auch heute immer noch Krieg herrscht, Städte zerbombt werden. "So wie die Weltkulturerbestadt Aleppo, einer der ältesten Städte der Welt." Aleppo in Syrien, von wo Mohamad Issa kommt, der im Forum Gestaltung eine kulturelle Heimat gefunden hat und der in Gedichten über Krieg und Zerstör ung, aber auch über die Schönheit des Lebens schreibt. "Übrigens hat Aleppo auch eine biblische Bedeutung", fügt Pohlmann hinzu, "ein anderer Name der Stadt war 'Halab-asch-schahba', 'der Ort, an dem Abraham die Kuh gemolken hat', um die Milch an die Armen zu verteilen. Eine wahrhaft friedliche Geste aus dem Alten Testament, in dem aber auch die Klagelieder des Jeremia stehen, die die Zerstörung Jerusalems bildhaft beschreiben."

Mohamad Issa beginnt zu rezitieren, unterstreicht seine Gedichte mit Gesten, seine melodischen arabischen Worte gibt Norbert Pohlmann anschließend in einer deutschen Übersetzung wieder. Vom Irrsinn des Krieges ist die Rede, der über die Menschen gekommen ist. Und von der Heimat, die verloren ist und zerstört. Während Issa noch spricht, lässt Hermann Naehring aus seinem Schlagwerk, auf Becken und Trommeln, ein leises, bedrohliches trommeln hören, ein leises Dröhnen.

Zum Text – und nun auch zur Musik von Hermann Naehring und Warnfried Altmann laufen die von Norbert Pohlmann als Collage zusammengestellten Filmausschnitte. Alte Schwarzweiß-Filme, beginnend mit einem harmlosen heiteren Himmel, in den sich aber bald startende Kriegs-Flugzeuge schieben, abgelöst von Aufnahmen aus Magdeburger Rüstungsbetrieben, in denen Kanonen geschmiedet und Bomben und Granaten hergestellt werden. Panzer laufen vom Band, Räder müssen rollen für den Krieg.

Montag, 21. Oktober 2019

Warnfried Altmann Trio

Heute war der Organisator von Jazz in der Kammer seit langem wieder selbst in seiner Magdeburger Jazzreihe zu hören. Nach Magdeburg brachte er sein Trio, das Warnfried Altmann Trio mit. Im musikalischen Gepäck hatten sie die "Wangelin Songs", mit Inspirationen aus Altmanns neuer Heimat in Wangelin bei Plau am See.
Warnfried Altmann – Saxofon
Andreas Willers – Gitarre, Bass
Willi Kellers – Schlagzeug, Percussion

Sonst begrüßt Warnfried Altmann Publikum und Gäste. Heute übernahm Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung diese Aufgabe. Sichtlich erfreut über den sehr gut gefüllten Saal (es wurden zum Schluss noch einige Stühle mehr reingeholt) sagte er "wenn ich mich hier so umschaue, sehe ich viele alte Bekannte". Auf das unausweichliche Gelächter angesichts des 'Alters' antwortete er, "gut, das 'alt' nehme ich zurück, aber es ist doch schön, sich über so lange Zeit zu kennen. Und die Freundschaften wachsen mit dem Alter mit". Schließlich gehört "Jazz in der Kammer" schon 30 Jahre lang zur Magdeburger Kultur. Die Jazzszene in Magdeburg ist überschaubar, man kennt sich dort gut. Seit drei Jahren ist das Forum Gestaltung neue Spielstätte der Jazz-Reihe, seit das Schauspielhaus die Reihe einstellen wollte.

Warnfried Altmann überlässt den Beginn des ersten Sets dem Schlagzeuger. Willi Kellers nimmt seine Steel Drum zur Hand (eine original aus der Karibik mitgebrachte, wie er später verrät), schlägt darauf melodisch-helltönende Klänge. Altmann bläst zunächst verhaltene Töne dazu, wenig später stehen aber sein Saxophon und Andreas Willers' Gitarre im Mittelpunkt.

Der erste und nach der Pause auch der zweite Set spielen die drei Musiker an einem Stück durch, nur die Instrumente wechseln gelegentlich. Auf seinem Sopran-Saxophon bläst Altmann orientalisch anmutende Töne in den Saal, Willers greift zum elektrischen Bass und liefert damit tiefe Borduntöne. Diese verzerrt er später so stark, dass man erst mal hinschauen muss, was er da grad spielt, denn die durch die Verstärkung entstehenden Klänge könnte man sonst beinahe selbst für die eines Saxophons halten. Kellers liefert dazu permanente Rhythmen auf seinen Trommeln, aber auch hin und wieder auf der Steeldrum oder Percussions.

Sonntag, 14. April 2019

Baby Sommers Quartetto Trionfale

Ein Schlagzeug-Feuerwerk zum Abschluss der Jazztage: Günter "Baby" Sommer gehörte unbedingt in den Schlagzeug-Schwerpunkt des diesjährigen Programms. Ein großartiges Finale!
Günter „Baby“ Sommer – Schlagzeug/Perkussion
Michel Godard – Tuba, Serpent
Gianluigi Trovesi – Klarinette
Antonio Borghini – Bass
Anatoly Vapirov – Saxophon

Mit einem Urschrei und äußerst heftigen Schlägen auf seine Trommeln beginnt Günther "Baby" Sommer sein Konzert. Die Bläser stimmen ebenso kräftig ein, unisono in ihre Instrumente blasend. Interessant, mit welcher Dynamik Michel Godard die Tuba spielt, dieses riesige Instrument. Immer wieder wiederholen die drei die Melodie dieser Eröffnungsfanfare.

Michel Godard hat nicht nur seine blaue Tuba mitgebracht, sondern auch sein Serpent. Dieses aus dem Ende des 16. Jahrhundert stammende Instrument mit seiner (wie Serpentinen) gebogenen Form, wegen des Mundstücks übrigens ein Blechblasinstrument, wird normalerweise in der Alten Musik eingesetzt. Godard dürfte wohl der einzige Jazzmusiker sein, der den Serpent spielt. (Zufällig war ich vor zwei Jahren in Colmar im Elsaß im Museum Unterlinden, als Godard gerade einem Fernsehteam den dort im Museum ausgestellten Serpent erklärte. Später lief dieser Film auf Arte.) Überraschend warm klingt das Instrument, tiefe Töne fluten den Saal.

Anatoly Vapirov arrangierte ein armenisches Stück für Sommers Quartett. Dass dieses aus der Volksmusik stammt tritt vor den kräftigen Jazzklängen bald in den Hintergrund, bleibt aber immer noch erkennbar.

Als Baby Sommer gemeinsam mit Michel Godard (jetzt wieder an der Tuba)  im Duo spielt, steigern sich beide gegenseitig in Tempo und Kraft. Am Ende klingt die Tuba bei Godard ähnlich wie ein Didgeridoo. Dann macht Baby Sommer eine Pause, sagt den anderen Musikern "jetzt dürft ihr mal allein – was jetzt passiert, passiert jetzt. Eine Welturaufführung". Da erklingen dann melodische Bläsersätze, die auch ohne Schlagzeug kraftvoll sind. Später wiederholt sich das Zusammenspiel von Sommer und  Godard, diesmal um Antonio Borghini am Bass erweitert. 

Freitag, 12. April 2019

Kugel, McPhee, Edwards, Swell

Mächtige Bläserklänge, begleitet von Bass und einem starken Schlagzeug, standen am Ende des Clubabends der Magdeburger Jazztage.
Klaus Kugel – Drums
Joe McPhee – Saxophon, Trompete
Steve Swell – Posaune
John Edwards – Bass

In seiner Anmoderation wies Warnfried Altmann darauf hin, dass „Klaus Kugel einer der Schlagzeuger ist, die gern engagiert werden, wenn amerikanische Solisten nach Deutschland kommen, weil er so kraftvoll spielt“. Und er machte auf den Untertitel der Magdeburger Jazztage hin. „Jetzt! Das ist aktuelle, das ist zeitgenössische Musik“. Über Joe McPhee sagte er, „es ist selten, dass jemand in dieser Weise die beiden so unterschiedlichen Instrumente Tompete und Saxophon spielt“. Auch bei diesem Konzert des Clubabends gab es wieder eine spontane Erweiterung des ursprünglich angekündigten Trios. Zu Klaus Kugel, Joe McPhee und John Edwards kam nun Steve Swell mit seiner Posaune hinzu.

Es war beinahe unfassbar, mit welcher Gewalt und Lautstärke Joe McPhee mit seiner Trompete und Steve Swell mit seiner Posaune die Töne ins Publikum blasen. Töne, in denen sich eine ungeheure Kraft entlädt. Klaus Kugel setzt ein wahres Feuerwerk an Trommelklängen hinzu. Das Gehör der Konzertbesucher wird frei geblasen von allem zuvor gehörten. Erst danach ist Zeit auch für leisere Klänge: Joe McPhee und Steve Swell halten sich zurück, Klaus Kugel zaubert Geräusche auf mit dem Bogen gestrichenen Gongs oder lässt Glocken klingen.

Mateen, Kugel, de Joode

Der zweite Teil des Clubabends der Magdeburger Jazztage gehörte einem der Großen des afroamerikanischem Jazz. So jedenfalls kündigte Warnfried Altmann den New Yorker Saxophonisten Sabir Mateen an. "Wir haben hier jemanden, auf den in der Jazzszene gehört wird", sagte Altmann über Mateen. Anstelle von Warren Smith (der aus gesundheitlichen Gründen nicht den langen Flug nach Europa antreten durfte) saß Klaus Kugel am Schlagzeug, zusätzlich kam Wilbert de Joode am Baß hinzu, also der Bassist des vorangegangenen und der Schlagzeuger des folgenden Konzertes (ursprünglich waren Mateen/Smith als Duo angekündigt). Diese Besetzungsänderung wurde erst kurz vor dem Konzert zwischen den Musikern vereinbart – etwas, was so spontan nur auf einem Festival möglich ist.
Sabir Mateen – Sax
Klaus Kugel – Drums, Percussion
Wilbert de Joode – Bass

Die drei Musiker beginnen unvermittelt mit voller Kraft. Allen voran die klaren Töne auf Sabir Mateens Saxophon, zu denen Klaus Kugel kräftige Rhythmen beiträgt, bei denen er außer den großen und kleinen Trommeln eine Vielzahl an Gongs und Glocken klingen lässt. Diese percussiven Stellen sind es dann auch, die dem Zuhörer zwischendurch einige Augenblicke der Ruhe in einem insgesamt kräftigen Konzert geben. Wilbert de Joode zupft den Bass mit voller Dynamik, zieht an den Saiten, streicht ihn, klopft darauf und hebt sich mit diesem kräftigen Spiel aus dem Hintergrund der Musik heraus.

Sabir Mateen, der recht schwerfällig auf die Bühne kam, ist als er zu seinem Instrument greift, an musikalischer Kraft aber nicht zu bremsen. Als Kugel und de Joode mit ihren ausklingenden Instrumenten eine kurze Pause andeuten, schaut er nur kurz zu ihnen rüber, als wollte er ihnen "doch jetzt noch nicht" sagen – und spielt weiter, den ganzen Set an einem Stück. Mateen lässt das Saxophon in hohen Tönen melodisch klingen, trötet tiefe Töne hinzu, in immer wilder werdendem Spiel.

Montag, 18. März 2019

Hanschel und Shotham

Heute standen zwei Gewinner renommierter Musikpreise auf der Bühne: Roger Hanschel (WDR-Jazzpreis) und Ramesh Shotham (WDR-Weltmusikpreis). Der Konzertabend bot einen Mix aus saxophongeprägtem zeitgenössischen Jazz und indischen Klängen.
Ramesh Shotham – Perkussion
Roger Hanschel – Saxophon

Roger Hanschel begann das Konzert mit warmen, kräftigen Saxophonklängen, einzelnen, ineinander übergehenden Tönen, abseits gewohnter Tonskalen, indischen Klängen ähnelnd. Aus den anfangs leisen Tönen werden bald schreiend laute, schrille. Die Wiederholungen seiner Tonfolgen klingen wie die Strophen eines Liedes. Ramesh Shotham begleitet das Saxophon zunächst mit nur zurückhaltend am Schlagzeug. Extrembiose nennt Hanschel seinen ersten Titel, und beschreibt damit eine „extreme Form zwischenmenschlicher Beziehungen“.

Später nimmt Hanschel einzelne Passagen mit einer Loop Station auf, legt neue Stimmen darüber. Shotham greift zur Kanjira, einer kleinen, und wie er sagt, „ursprünglich mit Echsenhaut bespannten“, dem Tambourin ähnlichen Trommel.

Ein Percussion-Solo widmete Shotham dem indischen Gott Ganesha. Zu (elektronisch eingespielten) Klängen der Tampura, einer indischen Langhalslaute, spielt er die Tempeltrommel Tavel. Sanfte, meditative Klänge sind zu hören, die durch die mit einem Schlegel und mit den Fingern erzeugten Rhythmen Struktur erhalten.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs

Heute war der Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. Eine der Gedenkveranstaltungen war die im Forum Gestaltung, bei der Warnfried Altmann und Hermann Naehring unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" eine von Norbert Pohlmann zusammengestellte Filmcollage begleiteten. Der syrische Autor Mohamad Issa trug Verse über den Krieg vor, den er in Syrien erlebte.


Schon vor Beginn des Konzertes waren Antikriegslieder zu hören, etwa das von Hannes Wader gesungene "Wo sind all die Blumen hin". Denen, die am Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs in das Forum Gestaltung kamen, war die Antwort wohl klar. Auch was die Gäste erwarten durften, war bekannt. Norbert Pohlmanns stumme Collage alter Schwarzweißfilme aus der Zeit vor dem Krieg und aus dem Krieg wurde bereits viele Male von Musikern begleitet, mal von Altmann und Naehring, mal vom Neuen Magdeburger Kammerchor. Jeder hat da seine eigene Interpretation, bei Altmann und Naehring ist sie, da frei improvisiert, auch jedes mal ein wenig anders. Nur eines steht für Pohlmann immer im Vordergrund: "die Deutung der Vorgänge dürfen wir nicht den Rechten überlassen".

Dienstag, 16. Januar 2018

Gedenkkonzert

Am Jahrestag der Zerstörung der Stadt Magdeburg am 16. Januar 1945 fand heute unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" ein Gedenkkonzert im Forum Gestaltung statt.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Text
Norbert Pohlmann – Text

Das Foyer des Forum Gestaltung ist in düsteres Licht getaucht, in eine Mischung aus Flammengelb und Feuerrot. Im offenen Raum nebenan werden Holzschnitte von Georg Kaiser auf eine Leinwand projiziert, auch im Druck liegen sie aus, in einer in den 60er Jahren erschienenen Druckfassung. Mit kräftigen, breiten Schnitten karikiert Kaiser in seiner Serie "Die Gasgesellschaft" die Größen des Nazireiches in einer sehr deftigen Weise. Hitler, Himmler, Göring, Göbbels, Keitel und einige mehr werden der Lächerlichkeit preisgegeben und zugleich die Insignien ihres Größenwahns offenbart. "Kunst, die damals auf den Tod gefährlich war und doch zum Lachen, zum Aus-Lachen anregend", wie Norbert Pohlmann in seinen Worten vor dem Beginn des Konzertes sagte. "Angesichts einer braunen Versumpfung sollen uns die Blätter daran erinnern, daß die Deutungshoheit über die Ereignisse des Krieges nicht den falschen, nicht den Rechten überlassen werden darf".

Um dem Erinnern auch filmisch eine Basis zu geben, stellte Pohlmann schon vor etwa zehn Jahren eine Collage aus alten Kriegsfilmen zusammen. Ausschnitte aus Wochenschauen sind darin ebenso enthalten wie Filme aus Aufklärungsflügen oder Kriegsberichte der Alliierten. Eingeblendete Textpassagen aus Göbbels' Tagebuch offenbaren die Totale-Kriegs-Rhetorik, die die Welt an den Rand des Untergangs trieb.

Während im Hintergrund bereits der Beginn des Films lief, in dem gerade die Rüstungsmaschinerie anlief,  und Hermann Naehring auf der riesig großen Taiko-Trommel zwar leise, aber dennoch bedrohlich zu trommeln begann, las der Syrer Mohamad Issa Gedichte. Gedichte über den Krieg und über seine Heimat, die im Anschluß von Norbert Pohlmann ins deutsche übersetzt wurden. "Ein Irrsinn ist über die Menschen gekommen", heißt es darin, und bedrückend ist, wie konstant dieser Irrsinn doch bleibt.