Dienstag, 9. Juni 2015

Vorschau Juni

Am Montag, dem 15. Juni 2015 um 20 Uhr steht die Band 1000 (Belgien, D, NL, USA) auf der Jazz-Bühne im Magdeburger Schauspielhaus:
Bart Maris – Trompete
Jan Klare – Saxophone
Wilbert de Joode – Bass
Michael Vatcher – Schlagzeug


Auf ihrer Webseite schreiben die Musiker über sich: Das Quartett, bestehend aus dem “Rythmus -Dream-Team” de Joode/ Vatcher und den (musikalischen) “Zwillingen” Maris/ Klare, ist in der improvisierten Musik beheimatet, beschäftigt sich eingehend mit Kompositionen von u.a. Klare, Ravel, Pergolesi. Eine telepathisch unterlegte, eigene Klangsprache und Kommunikationsstrategie hat sich im Laufe vieler Konzerte kristallisiert und ist auf 3 CDs dokumentiert. Bei “1000” gehen Komposition und ihre improvisatorische Weiterentwicklung Hand in Hand, die Band schafft es meisterlich, einer gerade aufkeimenden Idee durch ein Higgs Teilchen Masse zu geben und ins komponierte Universum zu überführen. Das Repertoire ist komplex, doch niemals statisch – die Musik bleibt immer handfest.

1000 waren bereits vor drei Jahren zu Gast bei Jazz in der Kammer und begeisterten damals durch ihr dynamisches Spiel, in dem sie unterschiedlichste Stilrichtungen kombinierten: auf Jazz-Standards folgten Adaptionen klassischer Musik oder wilde Improvisationen. Auf die Weiterentwicklung des Programms (die Musiker verstehen sich selbst als "working band", die ständig an ihrem Repertoire arbeitet) darf man gespannt sein.

Montag, 18. Mai 2015

Blume

Am 18. Mai um 20 Uhr war die Berliner Band Blume zu Gast im Schauspielhaus, mit
Magnus Schriefl – Trompete, Komposition
Wanja Slavin – Altsaxophon
Bernhard Meyer – Bass
Peter Gall – Schlagzeug

In seinem aktuellen Projekt "Blume" brachte der Trompeter Magnus Schriefl gemeinsam mit drei weiteren jungen Musikern erfrischend neue und sehr lebendige Musik aus Berlin auf die Magdeburger Jazz-Bühne. Und bestätigte damit, was schon Warnfried Altmann bei der Vorstellung der Band sagte: "Berlin entwickelt sich zu einer neuen Hauptstadt des Jazz".

Das Konzert begann gleich aus dem Stimmen des Baß heraus, in fließendem Übergang und mit langsamen Tönen, in die sich Wanja Slavins Saxophon mischte, einem Choral gleichend oder einem Volkslied. Folgen aufgelöster Akkord-Töne, zu denen die Trompete die Melodie variierte. Peter Gall bleibt zu der Zeit mit seinem Schlagzeug noch eher verhalten im Hintergrund. Doch lange bleibt es nicht so ruhig, bald bestimmen experimentelle und kräftige Melodien, vor allem von den beiden Bläsern, das akustische Bild. Klangmuster, die sich in Schleifen wiederholen und an Dynamik immer weiter steigern, führen am Ende des ersten Set zu einem furiosen Finale.

An einige Stellen und sparsam setzte die Band auch Elektronik ein, ließ damit die Musik beinahe schon in Art klassischer Sinfonien klingen. Oder nutzten die Elektronik zu Experimenten – etwa, als das Saxophon einem Synthesizer ähnelnd verfremdet wurde. Ein wirklich cooles Instrument entstand so, das der Musik spacige Weltraumklänge hinzufügte. 

Die meisten Stücke stammten aus Magnus Schriefels Feder. Einige aber auch vom Bassisten Bernhard Meyer, wie das "Melting Mud", Musik voll Leichtigkeit und tänzerischer Eleganz. Überhaupt erwies sich die Baßgitarre als das ruhigste der Instrumente. Wo eben noch die Bläser laut tönten, gab es Entspannung für die Ohren, wenn der Baß die Rolle des Melodieinstruments übernahm. Ganz anders dann wieder im letzten Stück, "The clash", bei dem nochmal unterschiedliche musikalische Kulturen aufeinanderprallten.

Mit einem träumerisch wirkenden Stück als Zugabe, bei dem Musikthemen von Bach auf mikrotonale Musik trafen und zu smoothigen Klängen mischten, beendeten die Musiker den Abend und entließen die Konzertbesucher in eine laue Frühlingsnacht.


Dienstag, 28. April 2015

Vorschau Mai

Am 18. Mai um 20 Uhr zu Gast im Schauspielhaus: Blume mit
Magnus Schriefl – Trompete, Komposition
Wanja Slavin – Altsaxophon
Bernhard Meyer – Bass
Peter Gall – Schlagzeug
"Manche sagen es durch die Blume, "Blume" sagt es durch die Musik", so das Motto der Musiker. Auf ihrer Band-Webseite schreiben sie:
Gefällig ist hier nur der Bandname. Halsbrecherische Läufe, gewagte Technik, Volldampf – die Songs dieser Band sind ein Abenteuer für Musiker wie Zuhörer".
Wanja Slavin spielt mit so großer Intensität, dass man oft um ihn fürchtet, Magnus Schriefl zieht jederzeit die riskante Improvisation dem wohlvertrauten Lick vor. Wenn die melodischen Blüten zu weit treiben, sucht Bernhard Meyer wieder harmonischen Boden, Peter Gall erdet die musikalischen Gewächse rhythmisch. 
In den Musikbeispielen hört man eine kräftige Mischung zweier Blasinstrumente, von Bass und Schlagzeug unterstützt, in freier Improvisation die Grenzen der Instrumente auslotend. Das verspricht einen Abend, der auch mal laut werden kann.

Mit etwas philosophischem Augenzwinkern (und mit Blick auf Ludwig Wittgensteins bekanntes Zitat) sagen die vier Musiker von Blume über sich selbst: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber wachsen Blumen".

In Vorbereitung auf den nächsten Termin von Jazz im Schauspielhaus kann ich einen Radiotip weitergeben: Der Deutschlandfunk bringt in seiner wöchentlichen Sendereihe "Jazzfacts" am Donnerstag, 30.04.2015 um 21:05 Uhr unter dem Titel "Brotherhood of Brass" eine Sendung über die beiden Trompeter Magnus Schriefl und Matthias Schriefl.

Montag, 20. April 2015

Marc Schmolling: Ticho

Heute stand Marc Schmolling mit seinem Projekt "Ticho" auf der Bühne des Magdeburger Schauspielhauses:
Marc Schmolling – Klavier
Tom Arthurs – Trompete
Almut Kühne – Gesang

Der Name von Marc Schmollings aktuellem Projekt "Ticho" stammt aus dem Tschechischen und könnte mit "still" oder "leise" übersetzt werden. Da lag schon vorab nahe, daß das Konzert eines mit ruhigen Tönen werden würde. (Nach dem Soundcheck hatte Warnfried Altmann vorsichtshalber schon mal die normalerweise leise vor sich hin ratternden Getränkekühlschränke der Bar im Foyer des Schauspielhauses ausschalten lassen. Eine Idee, die sich später als sinnvoll erweisen sollte.)

Tatsächlich begann das Konzert mit zarten Melodiebögen von Marc Schmollings Piano, in die sich beinahe unmerklich leise und ganz allmählich Almut Kühnes Stimme hinein schlich, mit langezogenen leisen Vokalen; wenig später und in unisonem Gleichklang dann auch Tom Arthurs mit seiner Trompete. Selten habe ich jemanden eine Trompete so leise und zart spielen gehört. Leichte Modulationen von Stimme und Trompete führten zu Schwebungen, bevor Kühnes Stimme urplötzlich in ein Lied übergeht, dessen Text mehr Silbenrezitation und Sprechgesang ist. Eben noch ruhiger, begleitender Part der Instrumentalmusik, klingt ihre Stimme nun um vieles kräftiger. Teils besteht ihr Gesang in einer Anneinanderreihung von Silben, einer Kunstsprache gleich, teils ergeben sich Stücke eines Textes, der mehr zu ahnen als tatsächlich zu verstehen ist. Almut Kühne ist zugleich nahe an den Wurzeln des traditionellen Jazzgesangs und in ihrer experimentellen Interpretation doch schon wieder meilenweit davon entfernt. Teils hörte man Gesang, dann wieder war es, als befinde man sich inmitten eines in schnellem Vorlauf abgespielten Hörspiels oder vielleicht auch, als modernerer Form, in so etwas wie einem Poetry Slam. 

Eines der Stücke bezeichnete Schmolling als Haiku, als musikalisches Gedicht, das mit Naturbildern spielte und dem er den Untertitel "Herbst" gab. Später sollte noch eines über den Frühling folgen. In Schmöllings leisen Piano-Akkorden mochte man wirklich die stillen klaren Herbstnächte heraushören, die den ersten Frost bringen.

Ganz großartig war dann das Titelstück der CD, "Ticho", mit der gekonnten Verwendung der leisen Töne. Almut Kühne im Mittelpunkt der Musik, auf der Bühne stehend die Stille dirigierend und sie leise begleitend oder auch mit plötzlich anschwellenden Sirenentönen Kontraste setzend. Das konzentrierte Magdeburger Jazz-Publikum ließ sich auf solche ein Experiment ein und verharrte auch in einer gefühlt minutenlangen Pause innerhalb von "Ticho" in völliger Ruhe.

"Ticho" ist ein Projekt, das durchaus die Konzentration der Zuhörer erfordert, ihnen dafür aber auch höchsten musikalischen Genuß, ja geradezu ein musikalisches Erlebnis liefert. Dabei kann jeder Abend anders sein, denn Marc Schmolling schreibt seine Kompositionen nur in Teilen nieder und sieht sie eher als Grundlage einer Stimmung, die sich im Zusammenspiel mit seinen Partnern jedesmal neu ergibt; als Inseln im musikalischen Fluß. 


Donnerstag, 9. April 2015

Vorschau April

Am Montag, dem 20.04.2015 um 20 Uhr gibt es das nächste Konzert von Jazz im Schauspielhaus, diesmal mit dem Projekt "Ticho" von Marc Schmolling:
Marc Schmolling – Klavier
Tom Arthurs – Trompete
Almut Kühne – Gesang
Auf den Anfang der Saison verteilten Postkarten steht für den April-Termin noch das Julia-Hülsmann-Quartett. Wie Warnfried Altmann bereits im März ankündigte, erhielt er von Julia Hülsmann eine Absage, wegen eines kurz vor dem Magdeburger Termin liegenden Konzertes in New York.

Gemeinsam mit dem Pianisten Marc Schmolling stehen der britische Trompeter Tom Arthurs und die Sängerin Almuth Kühne auf der Bühne des Schauspielhauses.  Eine interessante Besetzung, und das nicht nur, weil Sänger/innen relativ selten bei Jazz im Schauspielhaus zu hören sind. Bei cede.de gibt es ein paar kurze Hörproben – die neugierig machen auf die Musik des Trios, bei der auch der Gesang Teil der improvisierten Musik ist.

Die Zeitschrift Jazzthing schreibt über »Ticho«: "Eine musikalische Abenteuerreise, quer durch Urwälder und Sümpfe, durch Steppen und Wüsten, jeder Ton eine Fata Morgana. „Ticho“ (tschechisch für „Stille“), das neue Album des Berliner Pianisten Marc Schmolling mit der Sängerin Almut Kühne und dem britischen Trompeter Tom Arthurs, ist eine Huldigung der Entdeckerfreude und ihrer Voraussetzung: des Mutes, sich dem Ungewissen auszusetzen. ... Im Trigespräch der Seelen steuern Schmolling, Kühne und Arthurs einen spannenden Kurs, spielen in wilder Dissonanz gegeneinander an, um einen Moment später die Stille zur Idylle auszustaffieren. Musik im Wandel, Musik im Abenteuer".

Montag, 16. März 2015

Damasiewicz, Ramond und Kugel

Heute waren im Schauspielhaus Magdeburg zu Gast:
Piotr Damasiewicz – Trompete
Christian Ramond – Bass
Klaus Kugel – Schlagzeug

Der Schlagzeuger Klaus Kugel und der Bassist Christian Ramond spielen bereits seit 30 Jahren in unterschiedlichen Formationen gemeinsam. Ganz neu in dem Trio war dagegen der polnische Trompeter Piotr Damasiewicz – er war erst wenige Tage zuvor für den ursprünglich vorgesehenen Sergey Pron aus Rußland eingesprungen (der wohl zu spät dran gedacht hatte, ein Visum zu beantragen, so Warnfried Altmanns Anekdote dazu). Damasiewicz verstand sich auf Anhieb mit seinen beiden Kollegen, so als hätten sie schon immer so auf der Bühne gestanden. Kein Wunder, hat doch auch er bereits mehrere eigene Bands und Projekte, in denen er sich zwischen Free Jazz und Sinfonik bewegt, zum Teil auch elektronischer und experimenteller Art. In Magdeburg war das Konzert allerdings ein rein akustisches, sieht man von etwas Verstärkung für den Bass ab. Keine Elektronik formte oder sampelte Töne, alles war handgemacht.

Die ersten Minuten des Abends begannen noch sehr leise, selbst die Trompete nur flüsternd. Während Kugel auf seinem großen Instrumentarium, seinen Glöckchen, Becken, Schellen zarte Percussion-Töne anstimmte, in die Ramonds dissonannte Basstöne gleichsam einzudringen schienen, hielt sich Damasiewicz Trompete zunächst sehr im Hintergrund. Es war wie ein Spiel, wie ein erstes Herantasten an neue Instrumente. Vielleicht, als versuchten Kinder herauszufinden, was anzufangen mit den vielen auf der Bühne stehenden Dingen. Dabei aber jeder für sich hochkonzentriert und sein Instrument beherrschend, immer mehr Klänge oder Melodie-Fragmente beisteuernd. Allmählich kam das Trio in Fahrt, wurden die Töne lauter und füllten das gesamte Foyer des Schauspielhauses. Als Konzertbesucher konnte man sich dabei wie ein Beobachter eines Experimentes fühlen, dessen Funktion und Ablauf es zu ergründen galt, nicht auf den ersten Blick durchschaubar und vielleicht gerade deshalb interessant. Mal dominierten wilde Trompetentöne, dann wieder war es ein brummender Bass-Bordun, der die Schwingungen in den Raum schickte. Kugel saß mal wie ein Wirbelwind an den Drums, mal wie ein Magier an den Percussions. Der (ohne Pause durchgespielte!) erste Set endete mit so etwas wie einer Hommage an Rimski-Korsakov mit seinem Hummelflug, auf die sich Ramond und Damasiewicz schießlich als gemeinsame Melodie einigten und die sie bis zum Verklingen auch des allerletzten Nachhalls ausklingen ließen, das wie immer aufmerksame Magdeburger Publikum bis in diese Stille hinein mitnehmend.

Sind in der von den dreien improvisierten Musik solche Entwicklungen eigentlich vorher abgestimmt, wollte ich in der Pause von Klaus Kugel wissen. Er sieht die Musik solcher Abende eher als "im Moment komponiert an", als etwas, das man sich zwar auch als Noten aufgeschrieben vorstellen könnte: "Dann wäre manches davon wie Neue Musik", das er aber lieber frei spielt. "Wir wollen ja nicht etwas zuvor komponiertes spielen", sagte er, auch wenn er die Musik selbst vom Grunde her schon als "orchestral gedacht" versteht, unter Wirkung musikalischer Naturgesetze und im Vertrauen darauf, daß das Tun des anderen einen Sinn hat. Und die eben noch von mir zu erkennen geglaubte Melodie, gab es sie dann wirklich? Egal, für mich war sie es und vielleicht spielt das auch schon gar keine Rolle mehr.

Den zweiten Set des Abends spielten die drei ebenso an einem Stück durch, wurden aber erst nach einer Zugabe von der Bühne gelassen.