Montag, 21. April 2014

Klänge in Schwarzweiß

Der Potsdamer (damals noch Magdeburger) Fotograf Thomas Hohlbein begleitete im vergangenen Jahr die Magdeburger Jazzreihe fotografisch. Die dabei entstandenen Fotos sind unter dem Titel „Klänge in Schwarzweiß“ vom 21. April bis zum 16. Juni im Magdeburger Schauspielhaus zu sehen. Die großformatigen Schwarzweiß-Fotos lenken durch den Verzicht auf Farbe den Blick auf die Konzentration der Musiker. „Ich will dem Betrachter das Gefühl geben, selbst bei der Entstehung der Musik dabei zu sein“, sagte Hohlbein über seine Fotos bei der Vernissage in der Konzertpause des Konzertes von Altmann und Naehring.

Als selbst fotografierender weiß ich um die Schwierigkeit der Bildauswahl, um die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Foto oder eine ganz bestimmte Aufnahmeperspektive. In Zeiten digitaler Fotografie ist es einfach, schnell viele Fotos zu machen (die deshalb nicht schlecht sein müssen). Allein kann die pure Menge an Bildern erschlagend wirken – der Jazz-in-der-Kammer-Blog selbst ist schließlich auch voll mit Fotos. Thomas Hohlbein verstand es, mit seiner sparsamen Bildauswahl die Musiker mit ihrem Instrument auch bei Konzentration auf nur ein Foto genau zu zeichnen.

WarnfriedAltmann (links) eröffnet die Ausstellung
von Thomas Hohlbein (mitte).

Zwei und Frei – Altmann und Naehring

Zwei und Frei
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (perc)




Wie lange schon Warnfried Altmann und Hermann Naehring gemeinsam auf der Bühne stehen? Da mußte Warnfried Altmann selbst etwas überlegen, als er das Konzert anmoderierte. So an die 25 Jahre werden es wohl sein, sagte er. Und in der Zeit liegen wohl auch beinahe ungezählte gemeinsame Konzerte. Auf der Bühne des Schauspielhauses standen sie zuletzt gemeinsam im Jahr 2002, als dort die Live-CD "Gepflügelte Pforte" entstand. 

Auch wenn ich selbst die beiden schon so oft bei unterschiedlichen Anlässen spielen gehört habe, so überrascht doch ihre Musik immer wieder. So ergibt sich aus Sicht eines inzwischen mit ihrer Art zu improvisieren vertrauten Hörers sowohl vertrautes wieder zu hören als auch neue Nuancen zu entdecken.

Bekannt – und fast schon Markenzeichen für Naehring: sein fulminanter Beginn des Konzertes an der großen japanischen Taiko-Trommel. Ein immer kräftiger werdender Wirbel lauter Trommelschläge lassen die Luft vibrieren, der Klang wird nicht nur über die Ohren, sondern auch im Bauch spürbar. In den Trommelwirbel fällt Altmann mit seinem Saxophon ein, gibt dem Tromelklang eine melodische, teils melancholische, teils klagende Komponente.

Als Naehring anschließend zum Schlagzeug wechselt, so geht er nicht einfach auf die anderere Seite der Bühne, sondern er spielt sich mit seinen Trommelstöcken dorthin. Schlägt hier oder dort eines seiner reichlich auf der gesamten Bühne verteilten Percussion-Instrumente, Becken und Gongs an, trommelt verspielt auf dem Geländer der Bühne oder den Marmorsäulen herum und lauscht dem so entstehenden Klang nach. Spaß am Experimentieren mit Tönen und Klängen, das spielerische der Musik ausprobieren, damit ist er in seinem ureigensten Element. Und so laut es vorher war, so leise Töne zaubert er jetzt hervor. Das Publikum lauscht auch den leisen Tönen intensiv und konzentriert, läßt sie bis zu Ende ausklingen. Naehring dabei nicht nur zuzuhören, sondern auch zuzusehen ist faszinierend. Dabei ist das, was da scheinbar leicht daherkommt, tatsächlich ein Spiel voller Konzentration. Und wenn Naehring seine Gongs und Becken mit dem Geigenbogen anstreichte, dann entstehen Töne, die elektronischen Instrumenten wie Theremin oder Trautonium gleichen. So entstehen Klänge, die ebensogut Filmmusik sein könnten, Klänge aus Zeiten, als Regisseure wie Hitchcoock nach ungewohnter Untermalung für ihre Filme suchten.

Überhaupt halten sich die lauten und die dann wieder ganz leisen und zarten Töne die Waage. Wenn etwa Naehring zur Rahmentrommel greift und sie leise spielt, von Altmann ebenso leise begleitet, dann ist das ein ungewohnter Kontrast zu den sonst so kräftigen Klängen der beiden Musiker.

Im Titel des Konzertes, Zwei und Frei, steht schon der Grundgedanke der Musik, die freie Improvisation. Dabei merkt man, wie gut beide aufeinander eingespielt sind. Kurze Blickkontakte, ein unmerkliches Nicken genügen, der Musik eine neue Richtung zu geben. Oder um sich gegenseitig die Führung der Musik zuzuspielen wie Fußballer den Ball. Wie etwa bei ihrem Stück an Saxophon und afrikanischer Trommel, das scheinbar zu einem musikalischen Duell der beiden wird.


Oft kommt die Improvisation aus gegensätzlichen Richtungen daher, Altmann spielt  Töne eines Bach'schen Chorals, tief versunken in die Töne aus seinem Saxophon, während Naehring auf seinen Gongs laute Töne spielt, diese dann aber gleichfalls leise ausklingen läßt.

Ungewohnter Part im Konzert war Altmanns Gesang, als er aus einem Saxophonstück heraus ein Lied von Börries von Münchhausen interpretierte. Das "es liegt etwas auf den Straßen" klang für mich wie ein Lied aus Schuberts Winterreise.

Ebenso spaßig wie spielerisch war dann gegen Ende des Konzertes ein Medley aus gängigen Jazz-Standards und deutschen Volksliedern, bei dem sich Altmann und Naehring gegenseitig immer mehr in die Musik hineinsteigerten.

Ganz ruhig und leise dann die Zugabe, mit Rahmentrommel und Saxophon auf der Bühnentreppe sitzend. 


Das Konzert war ein Fest für die Ohren. Und – man sehe mir das Wortspiel und meine völlig kunstfreie Nachbemerkung zu einem tollen Konzert nach – auch ein Test für die Ohren: das Konzert war bis auf den indischen Tonkrug unverstärkt. Als Techniker denke ich bei solchen Gelegenheiten immer – und wohl nicht zu unrecht – daß dies ungeachtet der eigentlichen Musik auch eine wunderbare Möglichkeit ist, "die Ohren neu zu justieren". Dynamik und Tonumfang liefern alles nötige, von Trommeln nahe der Schmerzgrenze bis zum nahezu unhörbar leisen Rollen von Bällen in einer Blechschale oder von Regentropfen, die in Naehrings Regenmacher gefangen sind, von Klängen aus dem Tonkrug an der unteren bis zum kreischendem Saxophon an der oberen Grenze des Frequenzganges der Ohren.

Montag, 14. April 2014

Vorschau April

Zum Apriltermin von Jazz im Schauspielhaus, am 21. April  um 20 Uhr – diesmal ist es der Ostermontag – gibt es gleich zwei Veranstaltungen anzukündigen.

Im Jazzkonzert spielen diesmal
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (perc)
mit ihrem Projekt Zwei und Frei.

Warnfried Altmann ist nicht nur der langjährige Organisator und künstlerische Leiter von Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus, sondern selbst auch begeisterter Musiker, der in vielen Formationen der improvisierten Musik spielt und dabei auch Genre-übergreifende Musik macht. Mit seinen ausdrucksstarken und kräftigen Saxophonimprovisationen versteht er es, die gesamte Vielfalt menschlicher Gefühle in Musik und Klang umzusetzen.

Hermann Naehring ist ein so vielseitiger Begleiter an den Rhythmusinstrumenten, daß eine musikalische Bezeichnung wie "Percussion" dafür gar nicht ausreicht. Sein Instrumentarium reicht von einer faßgroßen japanischen Taiko-Trommel, die er bis zur körperlichen Erschöpfung schlägt und dabei Töne erzeugt, die den ganzen Raum zum Vibrieren bringen, bis hin zu kleinsten Glöckchen. Mit seinem Instrumentarium begleitete er bereits viele Musiker, von Weltmusik über Liedermacher bis zum Jazz.

Wie Warnfried Altmann mir sagte, freut er sich seit langem darauf, auch selbst wieder einmal auf dem Podium "seiner" Jazzreihe zu stehen. Wer bereits eines der Konzerte mit seinem langjährigen musikalischen Partner Hermann Naehring miterlebt hat, weiß daß die Musik der beiden den ganzen Bereich musikalischer Dynamik umfassen wird. Wie immer werden die Klänge zwischen lauten und kräftigen Tönen von Trommel und Saxophon und dem fast unhörbar leisen Rascheln von Nußschalen liegen, wenn sich die beiden Musiker ihre Melodien einander zuspielen. Das Programm am Ostermontag wird vor allem aus Improvisationen über musikalische Themen bestehen. Und wie immer wird dabei kein Konzert der beiden wie das andere sein. "An den Ostertagen treffen wir uns und proben für das Konzert. Wir haben uns dafür wieder einige neue musikalische Ideen vorgenommen, die wir gemeinsam umsetzen", sagte Warnfried Altmann am Telefon.

Der zweite Termin des Abends ist die Eröffnung der Fotoausstellung des Fotografen Thomas Hohlbein, der die Magdeburger Jazzreihe ein Jahr lang fotografisch begleitet hat. In seinen großformatigen Schwarzweiß-Fotos fängt er die Entstehung der Musik ein; der Verzicht auf Farbe lenkt den Blick des Betrachters auf die Konzentration der Musiker.
Die Ausstellung der Fotos wird im Garderobenbereich des Schauspielhauses präsentiert. Durch die zeitliche Verbindung der Ausstellungseröffnung mit dem Konzert wird die Vernissage in der Konzertpause stattfinden. Dann besteht die Gelegenheit, die Bilder zu betrachten und auch mit dem Fotografen darüber zu sprechen.

Montag, 17. März 2014

Stephan-Max Wirth "Passion"


Stephan-Max Wirth – Saxophon
Jaap Berends – Gitarre
Bub Boelens – Bass
Daniel Schröteler – Schlagzeug

Jaap Berends, Stephan-Max Wirt, Bub Boelens,
Daniel Schröteler (v.l.n.r.)
 Die Musiker kommen auf die Bühne und beginnen ihr Konzert mit ganz einfachen, langsamen Tönen auf  Gitarre und Bass. Es entsteht eine Melodie, die sich überwiegend im Baßbereich abspielt, bis dann Stephan-Max Wirth mit seinem Saxophon die Führung übernimmt. Der Sound erinnert an die 70er Jahre, an Miles Davis, Weather Report, Klaus Doldinger und viele andere Größen, ist aber auf eine schwer zu beschreibende Weise ins Moderne geholt. Im Pausengespräch antwortete Wirth auf die Frage nach den Hintergründen seiner Musik, daß die 70er eben auch die große Zeit des Jazz-Rock waren und er und seine Musikerkollegen sich in diese Musik hineinversetzen und sich davon inspirieren lassen. Auch wenn die Stücke zunächst Kompositionen von ihm sind, bekommt dabei jeder der Musiker Raum für Variationen. Daduch ist jedes Konzert ein wenig anders, sagt Wirth, und setzt hinzu, darüber steht das gemeinsame "Interesse daran, die Musik schön zu spielen".

An vielen Stellen könnte man die Musik beinahe ruhig und elegisch nennen (und ist sie es wohl auch), wenn die Melodieinstrumente lange Balladen spielen, begleitet vom dynamischen und kräftigen Spiel von Daniel Schröteler am Schlagzeug. Auf laute Stellen folgen dann auch mal ganz leise und zarte Passagen, etwa wenn Jaap Berends im Gitarrensolo die Musik in sphärischen Klängen ertönen läßt, in leisen, sich wiederholenden Mustern, die sich nur minimalistisch verändern. Dieser minimalistische Eindruck blieb auch erhalten, als dann das Saxophon wieder einesetzt und die Musik ganz langsam, über gefühlte Minuten hinweg, wieder lauter wird und aus den zuerst leisen Gitarrentönen am Ende laute Gitarrenriffs einer Rockband werden.

Die Musik der Band ist so konzentriert und in sich geschlossen, daß Zwischenapplaus nach den vielen Solos meist ausblieb – ganz einfach, weil das Magdeburger Publikum konzentriert lauschte, ganz im Fluß der Musik versunken war und der Entwicklung der Melodiebögen den Vorrang gab. So ließ es auch die Musik der langsamen und ruhigen Stücke, wie etwa "Sleeping Child", bis zum letzten Ton ausklingen.

Mitunter lassen sich die Musiker auch von Filmen inspirieren, so etwa bei "Python" nach einem Film mit Charles Bronson. "Der Film ist ganz gut, aber er müßte mal eine neue Musik bekommen", sagte Wirth.

Nach der Pause ging es mit "Black Roses" weiter, in dessen Saxophon-Grundmelodie zunächst klar "Maria durch ein Dornwald ging" erkennbar war. Einem musikalischen Puzzle gleich veränderte sich die Melodie zunehmend, auch "Caravan" glaubte ich herauszuhören. Hörenswert!

Dann wieder laute und kräftige Töne, als bei "Impact" Saxophon und Schlagzeug aufeinanderprallten, sich musikalisch und auch optisch duellierten. Auch das letzte Stück des Abends war das Titelstück der aktuellen CD "Passion" beginnt laut und kräftig, dem Titel getreu drückt sich darin nochmal die Lidenschaft aller vier Musiker für die Musik aus. Das Saxophon führt die Melodien und Gitarre und Baß spielen dazu lange, elektronisch verstärkte Gitarrenriffs, die mich an alte Pink-Floyd-Sachen erinnerten. Hypnotischr Stimmung trotz der Lautstärke. Ganz sicher war es eine gute Idee, gerade dieses Stück an das Ende des Programms zu setzen. So sind mir desssen einprägsame Melodien auf dem Heimweg noch lange im Ohr.

Die Musik von Wirth und seinerBand ist nichts zum leise im Hintergrund laufen lassen, man sollte sie unbedingt laut hören. Oder noch besser: man sollte sie live hören.

"Impact"

Fast ausverkauft

Als Warnfried Altmann auf die Bühne trat, um das heutige Konzert anzusagen, waren nahezu alle Plätze im Foyer des Schauspielhauses besetzt. Schon seit einigen Monaten sind die Konzerte von Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus sehr gut besucht. Sollte das bereits ein Zeichen für einen Trend wieder hin zur improvisierten Musik sein – Veranstalter und Musiker würde es freuen.

Dienstag, 11. März 2014

Magdeburger Jazztage 2015

Auch wenn Magdeburg eher nicht als Jazz-Hauptstadt bekannt ist – dennoch gibt es hier eine kleine und feine Jazz-Szene. Deren Veranstaltungen kann man derzeit an wenigen Händen abzählen: da sind natürlich die von "Jazz! im Schauspielhaus", die vor allem den zeitgenössischen Jazz präsentieren und die von "Kunst Kultur Karstadt", die auf  die großen Namen setzen; daneben noch die eine oder andere Veranstaltung in den Clubs der Stadt, die Gitarren-Nächte der AG Jazz oder das Open-Air-New-Orleans-Jazz-Festival im Herrenkrugpark.

Da ist es eine mehr als erfreuliche Nachricht, daß die Magdeburger Jazz-Landschaft im kommenden Jahr um eine Attraktion reicher wird: Magdeburg veranstaltet im Herbst 2015 die Magdeburger Jazztage

Anlaß für die Etablierung des neuen Jazz-Festivals, das jährlich stattfinden soll, ist die Bewerbung Magdeburgs zur Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2025.

Künstlerischer Leiter des Festivals wird Warnfried Altmann sein, der seit über zwanzig Jahren Jazz in der Kammer veranstaltet. Außerdem ist neben dem Kulturbüro der Landeshauptstadt auch Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung in die Vorbereitung einbezogen. "Ich freue mich schon sehr auf dieses Festival", sagte Warnfried Altmann und teilte mit, daß erste Planungen dafür bereits laufen, für nähere Angaben sei es aber noch etwas früh. Immerhin wird der Umfang des Festivals bereits erkennbar, das zwischen 5 und 8 Konzerte umfassen wird. Altmann sieht das Festival auch als Fortführung von früheren Jazz-Festivals im Magdeburg der 1990er Jahre, etwa der Magdeburger Diagonale oder dem Magdeburger Jazzsommer.

Die Entscheidung für das neue Jazz-Festival ist ein hoffnungsvolles Zeichen der Stadt Magdeburg, die Kultur auch weiterhin auch abseits des Mainstreams zu fördern.