Donnerstag, 27. Februar 2014

ROSE HIP (Schwarzweiß-Fotos)

Hier sind wieder die Schwarzweißfotos von Thomas Hohlbein, mit denen er ein Jahr lang Jazz in der Kammer begleitet. Diesmal vom Konzert der Band ROSE HIP um die Sängerin Christiane Hagedorn.

Mit den Fotos vom Januar geht Thomas Hohlbeins Projekt zu Ende, mit dem er Jazz in der Kammer ein Jahr lang mit seinen schwarzweißen Aufnahmen fotografisch begleitete. Zur Zeit ist er mit der Vorbereitung einer Ausstellung der Fotos beschäftigt. Die Ausstellung wird ab April im Garderobenbereich des Schauspielhauses gezeigt. Ausstellungseröffnung ist am übernächsten Termin von Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus, am 21. April 2014.


Montag, 17. Februar 2014

Ek Safar - One Journey

Im Februar spielte Ek Safar bei Jazz im Schauspielhaus:
Soumitra Paul – TablaHeiner
Nicolas Schulze – Piano
Heiner Stilz – Klarinette


Ek Safar heißt auf indisch "auf der Reise", und so heißt auch ihr aktuelles Projekt und ihre erste CD: One Journey.

Das Konzert beginnt so meditativ ruhig, wie es auch die meiste Zeit über sein wird. Leise Pianotöne perlen aus den Händen von Nicolas Schulze, ganz sacht wird daraus eine Melodie, von Heiner Stilz' auf der Klarinette übernommen und einen leisen Widerhall bildend. Soumitra Paul begleitet die Melodie mit leisem Rhythmus auf den Tablas. Seine leisen Töne sind anfangs nicht viel mehr als das Ticken einer Taschenuhr (ja, ich weiß: ein inzwischen altertümlicher Vergleich). Auch als die Musik allmählich dynamischer wird und aus dem Hintergrundrhythmus eine eigene, im Vordergrund stehende Melodie wird – sie bleibt eine mystisch-meditative Klanglandschaft, in die man sich fallen lassen und träumen kann.

Einige der Stücke sind von indischen Ragas inspiriert. Schulze erläutert dazu, daß die Melodien der Ragas normalerweise unverändert bleiben müssen. Die Musiker sehen die überlieferten Melodien als Inspiration. "Wir nehmen dann eben erst ein Teil Raga, dann etwas von uns und dann wieder etwas Raga", sagte Schulze.

Die Musik von Ek Safar ist eine der leisen Töne, der  ruhigen und langen Melodien. Da bieten sich zwei eigentlich gegensätzliche Möglichkeiten des Hörens an: entweder in Trance versinken und und sich den hypnotisch-fremdartigen Klängen hingeben und träumen, oder aber voller Konzentration auf die leisen Nuancen in den Melodien hören und diese bewußt warnehmen. Entscheidet man sich für letzteres, dann liegt der Reiz der Musik unter anderem im Wechsel der Melodieführung zwischen den drei Instrumenten, die die Musiker gleichberechtigt in die Musik einbringen. Die Konzentration auf die leisen Töne verändert die Aufmerksamkeitsschwelle des Hörers, und so reicht bereits ein Wechsel zwischen leisen indischen Klängen auf Tabla und Klarinette zum eher modernen Klavier-Solo, um ein Spannungsmoment zu erzeugen. Interessant auch an mehreren Stellen, wie die eigene Wahrnehmung allmählich und beinahe unmerklich zwischen Klavier und Klarinette wechselt. Da scheint die Musik zu einem Vexierbild zu werden, bei dem man mal das eine, mal das andere Instrument heraushört, während dann wiederum das andere scheinbar im Hintergrund versteckt bleibt.

Für unsere europäischen Ohren sind die Tablas eigenartige Instrumente. Kleine, nur mit den Händen  gespielte Trommeln, die je nach Ort und Art des Anschlags eine Vielzahl unterschiedlicher Töne hervorbringen. Wenn Paul die Tablas als Soloinstrument spielt, dann glaubt man gar nicht, daß diese Klangvielfalt von nur einem Musiker erzeugt wird. Mal ein nur leises Klopfen, mal lautes Trommeln, in unterschiedlichsten Klangfarben.
Im Zusammenspiel mit Klavier und Klarinette ging es allerdings nicht ohne elektrische Verstärkung – diese richtig auf die relativ leisen Tablas richtig abzustimmen, war für die Techniker eine Herausforderung. Dem Konzert ging ein langer Soundcheck für die Tablas voraus.
Zzudem erfordern die Tablas auch während des Spiels ein gelegentliches Nachstimmen. Das erledigte Paul aber scheinbar nebenbei und mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Wenn er mit dem Stimmhammer gegen die Holzstücke schlug, um die Spannung des Trommelfells zu verändern und zur Prüfung der Stimmung eine leise Melodie spielte, in die Schulze oder Stilz ein paar Töne einfließen lassen, dann wurde durch das rhythmische Wechselspiel das bereits das Stimmen zum Teil der Musik (frei nach einer IKEA-Werbung: Stimmst du noch oder spielst du schon?).

Das Magdeburger Jazz-Publikum war begeistert und ließ die drei Musiker nicht ohne Zugabe von der Bühne. In "Mumbai Mail" nahmen sie die Zuhörer mit in die bunte Lebendigkeit der Millionenstadt Mumbai. Paul gibt eine rasanten Rhythmus vor und berichtet damit vom Leben in der indischen Großstadt, während europäische Jazzrhythmen auf dem Piano vom Zielort des  Briefes künden. Auf diese Art vereinigen sich in der Musik von Ek Safar die unterschiedlichen musikalischen Welten.

Donnerstag, 13. Februar 2014

Jugendjazzorchester Sachsen-Anhalt

Das Konzert des Jugendjazzorchesters Sachsen-Anhalt im Magdeburger Schauspielhaus begann kräftig und mit lautem Bläsereinsatz. "Sugar" von Bob Florence klang eher beinahe rockig als nach typischem Big-Band-Sound. Es war, als würden die Musiker gleich im ersten Stück zeigen wollen, was sie nach ihrer gerade zu Ende gegangenen gemeinsamen Arbeitsphase im Kloster Michaelstein so drauf haben. Und das war wirklich eine Menge – an Repertoire ebenso wie an musikalischem Können.


Ansgar Striepens, übrigens bereits seit 15 Jahren Dirigent und künstlerischer Leiter, wies in seiner Anmoderation darauf hin, daß "das Programm in diesem Jahr sehr gesanglastig sei". Und in der Tat, in diesem Jahr kam die Sängerinnen und Sänger besonders oft auf die Bühne. Bereits seit einigen Jahren sind die vier im Orchester und bestens aufeinander eingestimmt. Ihre im Quartett gesungenen Stücke im Stil der Andrew-Sisters zu hören war eine Freude, aber ebenso auch jeder einzeln im Solo. Mir ist zum Beispiel Ruslan Wellners Interpretation eines alten Luther-Liedes in Erinnerung geblieben, eine Mischung aus einem wie aus der Zeit gefallenen Liebesliedes mit modernem Bigband-Sound. Oder Lisa Zwinscher mit Händels Oh mighty truth – ein Stück, das das Orchester ganz leise ausklingen ließ. Diese Stücke stammen aus der Beschäftigung des Orchesters mit Werken der Alten Musik, was immer eine interessante Mischung erwarten läßt. Interessant auch, daß sich viele Musiker schon seit Jahren wieder von Volksliedern inspirieren lassen oder diese neu interpretieren, so wie Sara Bodemann mit ihrem sowohl kräftig als auch gefühlvoll gesungenem "die Gedanken sind frei". Viel näher an der Jazz-Musik dann beispielsweise Kurt Weils Musik zu Brechts Mecki Messer, von Domenica Richter und dem Orchester musikalisch in den Geist der Entstehungszeit des Stückes gebracht.

Trotz der vielen Vokalstücke, der größte Teil des Abends gehörte der Instrumentalmusik. Oft im typischen Big-Band-Sound, wo die gut abgestimmten Bläsersätze der Band gefallen haben. Mal kräftig, laut und dynamisch, wie in den ersten Stücken des Abends, mal auch ganz leise und melancholisch wie in Bob Florence's "Autumn", und immer perfekt im Timing. Schön, daß auch viele der Musiker ihr Solo bekamen, kurz nach vorn kamen. Auch wenn dafür immer nur kurz Zeit blieb, so wurden doch die einzelnen Musiker akustisch erkennbar, die sich ansonsten dem Gesamtklang des Orchesters möglichst gut unterordnen müssen (was schließlich die Bestimmung eines Orchsters ist).

Die Musiker des Jugendjazzorchesters sind zwischen 14 und 24 Jahre alt. Durch die gesetzte Obergrenze ergibt sich von Jahr zu Jahr immer ein gewisser Wechsel. In diesem  Jahr kam es mir so vor, als wäre die Band deutlich verjüngt. Ansgar Striepens konnte das bestätigen und erläuterte, "Bei den Workshops waren es über 60 Musiker, zum Konzert heute wurden 27 ausgewählt. So sind auch einige neue Musiker hinzugekommen". Schön zu hören, daß es nach wie vor ein großes Interessse an der Mitarbeit im Jugendjazzorchster gibt, und so allmählich die nächsten Musikergenerationen herangezogen werden.

Es war wieder ein ungeheurere Freude, der Band zuzuhören.Nicht nur mir, sondern wohl allen im Publikum. Kleine Anekdote dazu: die ältere Dame neben mir fragte mich nach dem Konzert "sagen Sie bitte, sind das eigentlich Profimusiker?". Nun ja, was soll man da antworten – eigentlich schon, ja.



Dienstag, 28. Januar 2014

Vorschau Februar

Im Februar stehen zwei Jazztermine im Kalender des Magdeburger Schauspielhauses.

Donnerstag, 13. Februar, 19:30 Uhr
Jugendjazzorchester Sachsen-Anhalt

Wie in den vergangenen Jahren tritt das Jugendjazzorchester Sachsen-Anhalt nach seiner Arbeitsphase im Kloster Michaelstein, in der die jungen Musiker eine Ferienwoche lang gemeinsam musizierten und übten, in Magdeburg auf und präsentiert die Ergebnisse der Arbeit. Uns erwartet ein Programm im Big-Band-Sound, teils instrumental, teils mit Gesang. Das Jugendjazzorchester auf der Bühne ist immer ein großes Erlebnis, wenn es zugleich mit jugendlicher Frische und großer Ernsthaftigkeit spielt.

Montag, 17. Februar, 20:00 Uhr (am regulären Montagstermin)
Ek Safar – One Journey
mit
Soumitra Paul – Tabla
Heiner Stilz – Klarinette
Nicolas Schulze – Piano

Die Musik von Ek Safar ist irgendwo zwischen Weltmusik und Jazz ansiedelt. Auf der Basis traditioneller indischer Ragas werden die Melodien improvisiert. Dennoch wirkt die Musik durch ihren immer ruhigen und harmonisch fließenden Ablauf beinahe hypnotisch – Musik zum Augen schließen, zurücklehnen und träumen. Zu den Tabla-Rhytmen gesellen sich Klarinette und Klavier, gelegentlich steht Soumitra Pauls indische Sprechgesang einem Mantra gleich über der Musik (Hörbeispiel).

Montag, 20. Januar 2014

ROSE HIP "Appetite"

Im Januar zu Gast im Magdeburger Schauspielhaus: Die Band ROSE HIP mit ihrem Programm „Appetite“. 
Christiane Hagedorn – Gesang
Alex Morsey – Bass, Sousaphon, Tuba, Arrangement
Christian Hammer – Gitarre
Martin Scholz – Piano, Cornett
Christian Schoenefeldt – Schlagzeug



Das Konzert von Christiane Hagedorn und ihrer Band ROSE HIP fand vor ausverkauftem Haus statt. Auch wenn in den vergangenen Monaten die Zahl der Zuschauer (erfreulicherweise!) immer weiter stieg, so war doch der folgende Dialog an der Abendkasse schon sehr ungewohnt:
Zwei Karten bitte. – Haben Sie reserviert? – Nee, hätten wir sollen? – Na ja, eigentlich sind die Karten alle schon im Vorverkauf weg oder vorbestellt.
Es gab zum Glück doch noch Karten – es wurde halt alles an Stühlen ins Foyer des Schauspielhauses getragen, was nur irgend ging, inklusive der Barhocker, und ein paar Stehplätze gab es auch noch.

Vielleicht lag der Besucheransturm daran, daß seit langem mal wieder eine Sängerin auf der Magdeburger Jazzbühne stand (davor zuletzt im Mai 2012 Masha Bijlsma und im Januar 2010 Unni Løvlid). Und ein wenig sicher auch daran, daß diese Sängerin ihre familiären Wurzeln in Magdeburg hat. Wie auch immer, es hat sich gelohnt, dieses phantastische Konzert zu besuchen, und wer vorher schon mal in die Musik von ROSE HIP hineingehört hatte, der kam bestimmt wegen der Blues- und Soul-Balladen in ihrer abwechslungsreichen Instrumentierung.

Das Lied "Stalking you" zum Auftakt des Konzertes war gute Laune pur, dem Glatteisregen draußen zu trotz allerfeinste Sommermusik: "The Sun is hot, the sky is blue" hieß es darin und die rhythmischen Ska-Klänge aus Alex Morseys Sousaphon sorgten musikalisch für Sommer-Stimmung. Und gleich bei den ersten Liedern ist man überrascht davon, mit welcher Ausdruckskraft und welchem Stimmumfang die zierliche Frau auf der Bühne steht, mal leise ins Mikro haucht, oft aber kräftig und entschieden singt. Wenn Christiane Hagdorn in "Straight ahead" einen langsamen Piano-Blues mit kräftiger Soulstimme begleitet, dann kann man die Augen schließen und sich gedanklich in einen New Yorker Jazzclub versetzt fühlen.

In ihren Liedern erzählt Christiane Hagdorn kleine Geschichten, oft mit leisem melancholischen Unterton, der sich in der Musik wiederspiegelt. Eben noch ein Lied vom Verlassensein, so folgt (wie m richtigen Leben) das Finden der großen Liebe ("Sweet Stranger"). Aber immer wieder auch die melancholischen Töne: "Die in spring" (Stirb im Frühling) heißt einer der Titel, dessen Text von Gefühlen handelt, die einem trotz blühender Blumen die Kehle zuschnüren, einen todunglücklich machen. Oder in "just a word", ein Lied über das quälende Schweigen nach einem Streit ("Bitte sag wenigstens ein Wort", heißt es da).  Dabei stehen diese traurigen Untertöne in den Texten oft in (gewolltem) Kontrast zur Musik. Diese kommt viel fröhlicher daher als die Texte vermuten lassen, und überhaupt, was heißt da Traurigkeit: schon das Titelstück der aktuellen CD, "Appetite", steht für den Appetit auf alles, auf das Leben, auf die Musik, die Freude, die Liebe.  

Nach der Pause beginnt die Band den zweiten Set zunächst als Jazzquartett mit einem Instrumentalstück des langjährigen, vor einem Jahr verstorbenen Bandmitgliedes Robert Kretzschmar, der Christiane Hagedorn lange Zeit musikalisch begleitet hat. Und als sie sich später auf die Stufen der Bühne setzt und zu einem unvollendet gebliebenen Stück von Kretzschmar ihre später hinzugefügte Melodie "Missing Rob" singt und sie ganz leise ausklingen läßt, so ist dies wohl das anrührendste Stück des Abends.

Ganz im Gegensatz zu den nachdenklichen Liedern steht die Musik der Band, wenn sie wie in "Song for you" stark rhythmisch daher kommt. Das macht gute Laune und wären nicht die vielen Stühle – der Saal hätte getanzt. Und das lag sicher auch an den in vielen Liedern deutlich vorhandenen Balkan-Klängen, die weg von Blues und Soul führen und wild und fröhlich daherkommen. So auch in der Zugabe, einem türkischen Liebeslied, das musikalisch beinahe alle Erdteile umfaßt. Das Sousaphon klingt da plötzlich wie ein Didgeridoo, Christian Hammers Gitarre spielt dazu Melodien wie aus Ennio Morricones Westernmusik, spanische Rhythmen mischen sich ein – die Band wurde da zur Weltmusikband.

Die Musiker der Band sind selbst auch in mehreren anderen Jazz-Projekten unterwegs. Christiane Hagedorn wiederum steht am Hans-Otto-Theater Potsdam auf der Bühne, wenn sie grad nicht mit ihrer Band unterwegs ist. Vielleicht ein Grund, mal wieder ins Theater zu gehen (Potsdam ist ja nicht so weit entfernt).


Donnerstag, 16. Januar 2014

Gedenkkonzert im Forum Gestaltung

Ein Wahres Elend, der verdammte Krieg“, unter diesem Titel stand auch in diesem Jahr wieder das Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. In diesem Jahr sang der Neue Magdeburger Kammerchor unter Leitung von Christian Hoffmann, begleitet von Warnfried Altmann (Saxophon) und Hermann Naehring (Schlagwerk).

In der Begrüßung der Konzertbesucher durch Norbert Pohlmann wurde die Schwierigkeit deutlich, ein solches Konzert einzuleiten, zugleich an das tausendfache Elend so vieler unschuldiger Menschen zu erinnern und dabei auch noch der Gefahr zu begegnen, daß seit Jahren auch Rechte diesen Tag für sich vereinnahmen wollen. Zum Konzert sagte er, daß nach den in den letzten sieben Jahren gezeigten Videocollagen etwas neues ausprobiert werden sollte, daß nun ein Chor, der im Forum Gestaltung beheimatete Neue Magdeburger Kammerchor gemeinsam mit improvisierenden Musikern das Programm gestalte.

Das Konzert begann mit ganz leisen Tönen eines vom Chor gesungenen Chorals, der zunächst ganz langsam und noch fast unmerklich von leisen Glockentönen aus Hermann Naehrings riesigem Instrumentarium begleitet wurde. Als Naehring begann, auf seinen Trommeln und Pauken auch lautere Töne anzustimmen, als Altmann sein Saxophon laut schreien ließ, fielen dem langjährigen Besucher der Gedenkkonzerte im Forum Gestaltung die in den letzten Jahren zur Musik gezeigten Bilder ein, Bilder vom Kreislauf aus Propaganda, Rüstung, Angriffskrieg, Bombardement und Tod. Eine wohl unvermeidliche Assoziation - wenn man die Augen schloß, sah man die schwarzweißen Filme deutlich vor sich. Überhaupt war es ein Abend der Assoziationen, die sich aus der ungewohnten, weil überhaupt nicht melodischen Kombination von Kammerchor und instrumentaler Improvisation ergab. So gab es mehrer, lange Passagen, wo der Chor unvermindert weitersang, als Schlagwerk und Saxophon ihn mit ihrer gesamten Kraft um ein mehrfaches übertönten. Nur noch an der Bewegung der Münder konnte man das Singen erahnen. Meine Gedanken gingen an den Streit zwischen gut (Chor) und Böse (Instrumente), zwischen Krieg und Frieden, schwarz und weiß, den für eine Zeit lang das Böse, laut tönende für sich entschied. Hermann Naehrings Interpretation, die er nach dem Konzert äußerte, gingen da eher in Richtung eines direkteren Bildes, als er sagte, „so war das eben im Bombenkrieg – die Menschen schrien, aber man konte sie im Lärm der Bomben nicht hören“. Schon wieder hatte ich eine Assoziation vor Augen: die schreiend aufgerissenen Münder in Picassos "Guernica".
Für den Chor war es sicher eine Herausforderung, gegen die dissonant und lautstark spielenden Instrumente ansingen zu müssen. Für die Zuhörer waren dies die besonders eindrucksvollen Stellen, an denen sie fassungslos ob der unerhörten Klänge lauschten, waren das die Stellen, die dem Titel des Konzerts besonders nahe kamen. 

Der Neue Magdeburger Kammerchor zeigte die volle Breite seines musikalischen Könnens, sang nicht nur harmonische Chorsätze von Bach und anderen, sondern schaffte es auch, auf Zeichen seines Dirigenten bewußt "durcheinander" zu singen, Dissonazen in die Stimmen zu legen. Aber auch an anderen Stellen, unterstützt durch den starken Hall des Treppenhauses des Forum Gestaltung, sogar so etwas wie schweren Glockenklang heraushören zu lassen.

Überhaupt war die stark hallende Akustik bewußt in das Konzert einbezogen und von den Musikern ausgenutzt worden. Warnfried Altmann sagte dazu, warum das Konzert nicht wie sonst im Ausstellungssaal stattfand: "das Foyer haben wir bewußt wegen der Akustik gewählt, und für Hermann und mich, die wir auch oft in Kirchen spielen, war das ganz normal".

Das Konzert war für mich ein ganz besonderes Erlebnis: musikalisch anspruchsvoll – und wegen der experessiven Musik sehr schwer mit Worten zu beschreiben, was da zu hören war.