Samstag, 7. September 2013

Ende einer Tradition

Jazz in der Kammer bekommt einen neuen Namen. Die Reihe heißt ab jetzt Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus.

Jazz in der Kammer, so hieß die Jazzreihe der Magdeburger Kammerspiele bereits zu Vorwendezeiten, und auch nach der Neugründung der Freien Kammerspiele hieß die dort wieder neu entstandene Jazzreihe ganz selbstverständlich weiter so wie bisher. Auch nach dem Ende der Freien Kammerspiele behielt die Magdeburger Jazzreihe weiter ihren Namen.
Derzeit kann man auf der Webseite des Magdeburger Theaters noch diesen Text lesen:
Jazz in der Kammer
Seit über 20 Jahren und mit über 200 Konzerten ist »Jazz in der Kammer« eine der ältesten und beliebtesten Konzertreihen in Magdeburg. Unter der künstlerischen Leitung von Warnfried Altmann spielen hochkarätige Musiker der nationalen und internationalen Szene im Foyer des Schauspielhauses Jazz vom Feinsten. In der vergangenen Spielzeit waren dies u. a. Trio Urs Leimgruber, Roger Turner, Fine Kwiatkowski; Gilbert Pfaeffgen Trio, Jörg Schippas UnbedingT, Deep Schrott und Roland Neffe’s – Vibes Beyond. Ein Fixtermin im Kalender der Jazzgemeinde!
Klickt man allerdings auf das aktuelle Konzert, so sieht man nebenbei, daß der Name "Jazz in der Kammer" stillschweigend abgeschafft wurde. Stattdessen soll die Reihe nun "Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus" heißen.
Jazz!
Entdeckungen im Schauspielhaus
Bisher unter dem Namen »Jazz in der Kammer« seit nunmehr 23 Jahren eine der ältesten und beliebtesten Konzertreihen in Magdeburg. Am 20. Mai 2013 fand das 225. Konzert statt! Der künstlerische Leiter Warnfried Altmann lädt einmal im Monat hochkarätige Jazzmusiker der nationalen und internationalen Szene ins Foyer des Schauspielhauses. Ein Fixtermin im Kalender der Jazzgemeinde!
Ich weiß nicht, was die Marketingabteilung des Theaters geritten hat, den Namen der Jazzreihe zu ändern. Der Name ist weithin bekannt, eine "Marke", wie so etwas neuerdings bezeichnet wird. Und eine Marke ändert man nicht ohne Grund (der mir nicht ersichtlich ist). Viel ärgerlicher: es hängen eine ganze Menge schöner musikalischer Erinnerungen an Jazz in der Kammer. Will hier das Theater mit dem Namen die letzte lebendige Erinnerung an die Kammerspiele auslöschen oder ist es einfach der Versuch, modern zu scheinen? Heißt Raider jetzt einfach nur Twix? Und wie heißt die Jazzreihe nächstes Jahr?

Vielleicht wäre es ohne Umbenennung auch nicht weitergegangen, vielleicht macht der neue Name ja auch mehr und neue Zuschauer neugierig auf die Magdeburger Jazzkonzerte, aber – wie auch immer – der Blog wird nicht umbenannt.

Freitag, 6. September 2013

Vorschau 2013/14

Gerade bekam ich das Programm der neuen Spielzeit von Jazz in der Kammer. Bereits im vergangenen Jahr war die Jazzreihe von zehn auf neun Monate gekürzt worden. Dabei wird es auch in diesem Jahr bleiben, die Jazzreihe startet im Oktober. Vielleicht muß man angesichts von anhaltenden Kürzungsdiskussionen im Kulturbereich sogar froh darüber sein, daß es bei den 9 Konzerten blieb.  Wie auch immer – freuen wir uns auf die kommende Konzertsaison!

Wer dennoch einer alten Gewohnheit zufolge am dritten Montag im September auf sein Jazzkonzert wartet und nicht darauf verzichten möchte, der kann sich am 16. September das Landesjugendjazzorchester anhören (siehe vorheriger Blog-Eintrag).

Die Konzerte der Saison 2013/14 von Jazz in der Kammer sind:

Montag, 21.10.2013, 20.00 Uhr
Stephan-Becker-Trio
Stephan Becker – Piano
Stefan Rey – Bass
Thomas Esch – Schlagzeug

Montag, 18.11.13, 20.00 Uhr
Trio ELF
Gerwin Eisenhauer – Schlagzeug
Walter Lang – Piano
Sven Faller – Bass
Mario Sütel – Electronics

Montag, 16.12.13, 20.00 Uhr
Alexander-von-Schlippenbach-Trio
Alexander von Schlippenbach – Piano
Evan Parker – Saxophon
Paul Lovens – Schlagzeug 

Montag, 20.01.14, 20.00 Uhr
ROSE HIP „Appetite“Christiane Hagedorn – Gesang
Alex Morsey – Bass, Sous. Arr.
Christian Hammer – Gitarre
Martin Scholz – Piano
Christian Schoenefeldt – Schlagzeug

Montag, 17.02.14, 20.00 Uhr
Ek Safar – One Journey
Nicolas Schulze – Piano
Heiner Stilz – Klarinette
Soumitra Paul – Tabla

Montag, 17.03.14, 20.00 Uhr
"Passion"
Stephan Max Wirth – Saxophon
Jaap Berends – Gitarre
Bub Boelens – Bass
Florian Hoefnagels – Schlagzeug

Montag, 21.04.14, 20.00 Uhr
„Zwei und Frei“
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk 

Montag, 19.05.14, 20.00 Uhr
Kathrin-Lemke-Quartett, „My Personal Heimat“
Kathrin Lemke – Saxophon
Niko Meinhold – Piano,Keybords
Andreas Lang – Kontrabass
Tobi Backhaus – Schlagzeug 

Montag, 16.06.14, 20.00 Uhr
Hanschel, Reijseger, Mussawisade
Roger Hanschel – Saxophon
Ernst Reijseger – Violoncello
Afra Mussawisade – Percussion 

Vorschau September: Jugendjazzorchester

Wie bereits im vergangenen Jahr hat Jazz in der Kammer ein Konzert weniger als üblich. Regulär beginnt die Magdeburger Jazzreihe erst im Oktober. Wer nicht bis dahin warten möchte (und überdies sehr frische und lebendig Big-Band-Musik genießen möchte), dem kann ich ein Konzert des Jugendjazzorchesters Sachsen-Anhalt empfehlen. Zufällig auch am dritten Montag des Monats, allerdings nicht im Schauspielhaus, sondern in den Magdeburger Oli-Lichtspielen.

Montag, 16. September 2013 19:30 Uhr, Oli-Lichtspiele Magdeburg
Jugendjazzorchester Sachsen-Anhalt "Big Band Night"
Leitung: Ansgar Striepens

Samstag, 1. Juni 2013

Bach und Kommentare

Warnfried Altmann — Saxophon
Hermann Naehring — Schlagwerk
Hans-Dieter Karras — Orgel

In ihrem Projekt "Bach und Kommentare" improvisierten Warnfried Altmann und Hermann Naehring seit langer Zeit gemeinsam mit dem Organisten Hans-Günther Wauer über musikalische Themen von Bach. Im Sommer des vergangenen Jahres war an dieser Stelle ein Bericht über ihr Konzert in Pretzien zu lesen. Zu Beginn des Konzertes in der Konzerthalle "Georg Philipp Telemann" im Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg teilte Altmann mit, daß dem jetzt 87jährigen Hans-Günther Wauer inzwischen die Kraft für das Orgelspiel fehle und er anders als in manchen Programmen ausgedruckt nicht mitspielen könne, es ihm ansonsten aber gut gehe.

Im aktuellen Konzert saß der Braunschweiger Kantor Hans-Dieter Karras auf der Orgelbank und erwies sich als ausgezeichneter Partner im Trio, der sich hervorragend auf das improvisierte Wechselspiel der Instrumente einließ.


Das Konzert begann mit langsamen, aber wuchtigen Schlägen auf Naehrings riesige japanische Taiko-Trommel. Man konnte förmlich hören, wie deren Wiederhall durch das lange Kirchenschiff hin und her wogte. Überhaupt spielte die Akustik des romanischen Kirchenraumes eine große Rolle, wurde von den Musikern in die Musik einbezogen. Auch von Altmann am Saxophon, der erst mit einzelnen Tönen in den Trommelrhythmus einstimmte, deren Eche im Kirchenraum schwebte. Erst nach und nach bildet sich daraus das Motiv des Chorals "Wer nur den lieben Gott läßt walten". Auch wer bereits früher einmal "Bach und Kommentare" gehört hat, das durch die als Prinzip zugrundegelegte Improvisation jedesmal etwas anders klingt, konnte von der Wirkung in der Magdeburger Konzerthalle überwältigt sein. Dazu trug auch das Orgelspiel von Karras bei, der das gewaltige Instrument der Konzerthalle hervorragend beherrschte und es stimmgewaltig spielte.

Später standen die leisen Töne von Klangschalen, die durch Anstreichen mit dem Schlegel einen geradezu sphärischen Klang erhielten in Kontrast zu den vorangegangenen gewaltigen Klängen. Die Zuhörer ließen die leisen Töne konzentriert lauschend bis zum Ende ausklingen, in das Verklingen der leisen Töne mischte sich von draußen hereinkommendes Vogelgezwitscher, das man erst jetzt so richtig wahrnahm – einer Morgenstimmung gleich, wenn im Sommer früh vor Tage die Natur erwacht.

Das Konzert klang mit einer Komposition von Karras aus, der er die Melodie von "Verleih uns Frieden ewiglich" zugrundelegte und in die Saxophon und Schlagwerk einbezogen wurden. Altmann widmete das letzte Stück den Menschen, die täglich – und auch jetzt – unter dem Krieg leiden und den Frieden ersehnen.


Montag, 20. Mai 2013

Benedikt-Jahnel-Trio

Benedikt Jahnel — Piano
Matthias Gmelin — Schlagzeug
Marc Muellbauer — Bass



Das letzte Konzert vor der Sommerpause von Jazz in der Kammer war eines der besten der zurückliegenden Saison; eines, das man nicht verpaßt haben sollte. Während ich diese Zeilen ein paar Tage nach dem Konzert schreibe, läuft die aktuelle, bei ECM erschienene CD des Trios und läßt die Musik noch einmal lebendig werden. Eine Musik, auf deren  klaren und überwiegend ruhigen Klavierklang der Begriff des ECM-Sounds genau zu passen scheint.

Das Konzert indes begann zunächst mit kräftigeren Tönen, mit dem lauten Blech des von  Matthias Gmelin gespielten Schlagzeugs, in das das Klavier anfänglich nur ganz sacht einfällt, sich den Rhythmen unterordnet, dann aber immer kräftiger wird. Schon bald merkt man, daß Benedikt Jahnel durchaus auch allein den Abend hätte gestalten können. Er läßt aus seinen Fingern die Melodien und Akkorde nur so herausperlen, was gerade in den Pausen von Bass und Schlagzeug so richtig zur Geltung kommt. Was nun nicht heißen soll, daß er seine Begleiter nur eine Nebenrolle spielen läßt. Ganz im Gegenteil waren das Schlagzeug und ganz besonders der Baß wichtige Elemente der Musik, ohne die sie nicht funktionieren würde. So ließ Jahnel in langen Passagen dem Baß den Vorrang und begleitete ihn mit an Minimal Music erinnernden Loops leiser Töne, und ließ an anderen Stellen das Schlagzeug die Musik deutlich struktruieren.

Auch in den lauteren Stücken des Abends behielt Jahnel seinen klaren Sound bei – beeindruckend, daß sich Lautstärke und Melodik nicht ausschließen müssen.Mit seinen Bandmitgliedern agierte er dabei nur durch Blickkontakt, dies aber mit einer solch deutlichen Mimik, als wolle er sie zum musikalischen Duell herausfordern (worauf diese eingingen und woran alle drei ihren Spaß zu haben schienen).

Nach der Pause eröffnet Jahnel das zweite Set mit Equilibrium, dem Titelstück seiner CD, das er mit einem langsamen Piano-Solo ausklingen läßt, mit geschlossenen Augen, als wolle er selbst den magischen Klängen hinterherlauschen, mit denen er das Publikum grad verzauberte. Dieses läßt die Töne bis zum letzten Nachhall ausklingen, ehe der Applaus einsetzt.

Jahnels Musik ist dabei bei weitem keine "Wohlfühlmusik", sondern höchst anspruchsvoll, abseits der ruhigen Stellen mit einer Vielfalt komplizierter Rhythmen. Und die neueren, noch unveröffentlichten Stücke, wie beispielsweise pure face, bei dem das Schlagzeug fast bis zur Schmerzgrenze laut wird, scheinen auf eine Entwicklung zu kräftigeren Stücken hinzudeuten. Man darf gespannt auf neues sein  – und möchte dabei dennoch die ruhigen, elegischen Melodien nicht missen.


Dienstag, 14. Mai 2013

Vorschau Mai

Das für diese Saison letzte Konzert von Jazz in der Kammer findet am Pfingstmontag um 20 Uhr statt. Zu Gast ist das Benedikt-Jahnel-Trio, mit
Benedikt Jahnel — Piano
Matthias Gmelin — Schlagzeug
Henning Sieverts — Bass

Intelligenter, mehrdimensionaler Jazz aus Deutschland – der Pianist Benedikt Jahnel steht, wie nur wenige andere, für dies... Und mehr. Er gilt als Hoffnungsträger der deutschen Jazzszene, und seine musikalische Laufbahn ist gesäumt von Preisen, Stipendien und Konzerten in über 35 Ländern, sowie internationalen CD-Veröffentlichungen.
Der Stil der Band integriert subtil Elemente aus der Klassik wie auch modernem Groove. Dabei präsentiert sich das Trio bei Konzerten als beeindruckend präziser und doch stets neu formierender Klangkörper. Heraus kommt Musik von unalltäglicher Eleganz, die das Kunstwerk schafft, besonders eingängig und zugleich intellektuell besonders reizvoll zu sein. Benedikt Jahnel präsentiert hier einen Klaviertrio-Jazz, an dem drei Eigenschaften sehr schnell fesseln: Klarheit, Konturenschärfe und unsentimentale Schönheit.