Montag, 15. April 2013

Michael Heupel und Frank Wunsch

Michael Heupel — Flöte
Frank Wunsch — Klavier

Frank Wunsch (p) und Michael Heupel (fl)

Frank Wunsch beginnt den Abend mit All the things you are, einem ruhigen Blues, in den dann Michael Heupel mit seiner Kontrabaßflöte einstimmt. Ein wahrhaft großes Instrument, größer als der Musiker, das Mundstück des drei Meter langen Rohrs ist überhaupt nur durch dessen mehrfache Abwinklung zu erreichen. Und ebenso ungewöhnlich wie die Form der Flöte sind auch ihre Klänge. Mit Heupels spezieller Spieltechnik meint man tatsächlich an einigen Stellen, gezupfte Saiten eines Kontrabasses schwingen zu hören, die Wunschs Klaviermusik unterstützen.

Als Heupel dann bei Pay me zur kleineren Querflöte greift, klingt sein Spiel gleich völlig anders, und es mag an dem klassischen Instrument liegen, daß ich dort auch Töne der französischen Romantik heraushörte, Anklänge an Debussy etwa. Allerdings blieb es nicht dabei, denn das Stück wechselte wie auch andere des Abends hin zu komplizierten rhythmischen Figuren und Dissonanzen.

Anders beispielsweise bei Johannas Waltz, einem von Wunsch zwar durchkomponiert notierten, hier aber improvisiert gespielten Stück, das beinahe sphärisch ruhig klang. So unterschied sich der musikalische Gesamteindruck des heutigen Konzertes sehr von so vielen zuvor bei Jazz in der Kammer gehörten.

Überwiegt bei Jazz in der Kammer sonst die laute, kräftige und schnelle Musik, so bleibt vom Konzert von Heupel und Wunsch die ruhige und in weiten Teilen meditative Musik in Erinnerung, in die man sich förmlich versinken lassen konnte. Um ein Maß für die Ruhe und Konzentriertheit der Musik zu geben – das eigentlich relativ leise Auslösegeräusch meiner Spiegelreflex war teils deutlich zu hören und als Fotograf hätte ich mir heute gewünscht, meine gute alte Lumix FZ50 mitgenommen zu haben, mit der ich völlig lautlos fotografieren konnte. Nun ja, ich hoffe das unvermeidliche Auslösegeräusch hat nicht zu sehr gestört und die fotografischen Erinnerungen entschädigen dafür...

Nach der Pause nahm Heupel seine ein wenig kleinere Baßflöte zur Hand, der er percusssionsartige Töne entlockte, die später durch seinen zum Flötenspiel parallelen Stimmeinsatz Tönen aus elektronischen Instrumenten ähnelten. Die Flöten, so ungewohnt sie auch im Jazz zu sein scheinen, sind für Heupel ein wahres Experimentierfeld. Das merkte man auch bei seinem Solo auf der Kontrabaßflöte, die er diesmal wie ein Didgeridoo klingen ließ, mit Zirkularatmung ununterbrochen gespielt, später dann mit Beatboxing-Tönen unterlegt. Eine große Vielfalt an Klängen kommt aus seinem Instrument.

Nach seinen Flöten befragt, sagt Heupel, daß seine heute gespielte Kontrabaßflöte noch nicht die größte ist. Eine Subkontrabaßflöte habe er auch noch, aber die bekomme er im Zug schlecht tranportiert. Die Reise mit dem Zug ist es später auch, die dem Konzert ein etwas plötzliches Ende gibt. Heupel, der am selben Abend noch weiter muß, muß gleich zur Zugabe überleiten, um seinen letzten Zug noch zu schaffen. Bei Charlie Parkers Come to the river greift er nochmals zur Kontrabaßflöte, um damit gleich einem akustischen Baß Wunsch am Piano zu unterstützen.

Auf jeden Fall wird das Konzert in einer schönen Erinnerung bleiben und damit auch Warnfried Altmanns Begrüßungsworte bestätigen. Altmann sagte zu Beginn des Konzertes, daß er Michael Heupel bisher immer gemeinsam mit den Pata Masters in einer großen Besetzung hörte und sich darauf freue, ihn nun nicht nur als einen unter vielen auf der Bühne zu haben.

Dienstag, 9. April 2013

Vorschau April

Michael Heupel — Flöte
Frank Wunsch — Piano

Das Theater Magdeburg schreibt auf seiner Webseite über das Programm:
Seit 2009 bilden der Flötist Michael Heupel und der Pianist Frank Wunsch ein Duo. Sie bringen die unterschiedlichsten Erfahrungen in das gemeinsame Spiel ein. Michael Heupel hat die Welt bereist und dabei mit Musikern verschiedenster Kulturen gearbeitet. Frank Wunsch hat über Jahrzehnte Erfahrungen in der Kunst des Duos gesammelt, etwa mit dem legendären New Yorker Saxophonisten Lee Konitz, aber auch mit dem Saxophonisten Gerd Dudek und dem Gitarristen Attila Zoller.
Jazzstandards und eigene Kompositionen bilden die Grundlage für die Improvisationen des Duos. Das Ausdrucksspektrum reicht dabei vom lässigen Understatement des Cool Jazz bis zu Coltrane ´scher Ekstase. Anklänge an den Bebop wechseln mit lyrischen Momenten.
Die eigens für Michael Heupel gebaute Subkontrabassflöte ( Rohrlänge 3,50m und Gewicht 23 kg) sorgt immer wieder für Aufsehen. Er ist sozusagen ein flötistisches „Schwergewicht“, und die neidvollen Aussprüche von Kontrabassisten und Schlagzeugern: „Ach würde ich doch nur Flöte spielen“, treffen auf ihn nicht zu. Seine außergewöhnlichen Spieltechniken auf dieser und auf den anderen vier Instrumenten der Querflötenfamilie (Piccolo-, Alt-, Bass-, Konzertflöte) ziehen die Zuhörer unwillkürlich in seinen Bann.
Seit einigen Jahren unterrichtet Michael Heupel an der Musikhochschule Köln das Hauptfach Jazzflöte. Auch Frank Wunsch ist Professor für Jazzpiano an der Kölner Musikhochschule.


Dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Vielleicht noch so viel, daß es – aber da erzähle ich nichts neues – interessant werden wird. Gerade Heupels große Flöten klingen nicht nach von Querflöten gewohnten, sondern eher, als würde jemand auf einer Mischung aus Orgelpfeifen und Saxophon musizieren. Bei Jazz in der Kammer stand er zuletzt im Juni 2012 gemeinsam mit Norbert Steins Pata-Masters auf der Bühne, damals mit etwas kleineren Flöten.

In der ursprünglich veröffentlichten Programmplanung war Gerd Dudek gemeinsam mit Frank Wunsch vorgesehen, das mußte kurzfristig geändert werden.

Samstag, 30. März 2013

Ronny Graupes Spoom (Schwarzweissfotos)

Vom Magdeburger Fotografen Thomas Hohlbein bekam ich auch vom Konzert von Ronny Graupes Spoom wieder einige Fotos. Er begleitet für ein Jahr Jazz in der Kammer fotografisch mit seinen "Klängen in Schwarzweiß". Mehr dazu auf seiner Webseite.


Montag, 18. März 2013

Ronny Graupes Spoom

Ronny Graupes Spoom, mit
Ronny Graupe – Gitarre
Jonas Westergaard – Bass
Christian Lillinger – Schlagzeug

Das Konzert begann mit etwas verhaltenen, scheinbar wie nebenbei dahingezupften Tönen auf Graupes Gitarre, die Musik wird aber bald von Lillingers dynamischem Drum-Sound förmlich vorwärts getrieben und dann geht es heftig los. Lillinger, den ich vor sieben Jahren¹ das erste mal bei Jazz in der Kammer sah (mit seiner Band "Hyperactive Kid" und auch damals bereits gemeinsam mit Ronny Graupe) erinnert mit seinen spontan einsetzenden Schlagzeugrhythmen, seinen plötzlichen Klangexperimenten, seinem lauten und kräftigen Spiel noch immer ein wenig an das sich am Schlagzeug austobende, etwas hyperaktive Kind aus dem Bandnamen. An der Präzision seines Spiels merkt man jedoch, daß dahinter mehr steckt als bloßes Experimentieren mit Klängen.
Dank elektronischer Verstärkung seiner Gitarre konnte es Graupe lautstärkemäßig gut mit Lillinger aufnehmen, spieltechnisch sind sich die beiden ohnehin ebenbürtig. Dennoch waren es gerade auch die wenigen ruhigeren Musikstücke, in denen die Musiker an den Saiteninstrumenten ihre Instrumente am besten zur Geltung brachten. So wie bei Hypnos (dem Gott des Schlafes gewidmet), wo auch Lillinger mal leise und behutsam spielen konnte. Für mich waren das die Musikstrecken, bei denen das Ohr auch mal ein wenig ausruhen, den Melodien folgen konnte.
Mitunter begaben sich Graupe und Lillinger auf musikalische Interaktionen, bei denen sie gegeneinander antraten und wie in "entangled" ineinander verwobene Quantenmechanik-Teichen umeinander kreisen ließen (um den Witz dabei zu verstehen muß man allerdings ein gewisses Faible für die Physik haben). Auch das Experimentieren mit den Tönen machte Spaß und ergab immer wieder interessante Nuancen. Dabei stand zwar immer wieder Lillinger im Mittelpunkt, wenn er etwa wie in "Canavera" Metall auf Metall quietschen und seine Gongs wie rückwärts wiedergegeben klingen ließ oder furios drauflos trommelte, aber auch Westergaard beteiligte sich mit seinem Baß daran, entlockte ihm Diskanttöne oder Schlagzeugklänge.
In ihrem Titel "Troll" spielen die Musiker mit einem Begriff, der in der Internetsprache die Bedeutung eines vorsätzlichen Provozierens hat. Beginnen Baß und Gitarre erst langsam und harmonisch, so mischt sich Lillinger mit Schlagzeug und Perussion  immer wieder "trollend" (störend) ein. Bis dann Graupe und Westergaard dagegenhalten, und wenn dann Graupe seine Gitarre bis kurz vor dem Reißen der Seiten malträtiert, dann scheint er ebenso zurück zu trollen.
Die letzten beiden Stücke, "Wind" und "Es war die Nachtigall" kontrastierten nochmal miteinander. Kam der Wind noch als Herbststurm daher (oder dem Wetter angemessen wohl eher als winterlicher Schneesturm), der Blätter vor sich hertreibt und die Dachziegel klappern läßt, so endet das Konzert dann mit vergleichsweise sanften Tönen.

Im  Konzert von Ronny Graupes Spoom war eine sehr schnelle, experimentelle zeitgenössische Musik zu hören, moderner Jazz – und nichts zum mal eben nebenbei hören. Viele der im Konzert gespielten Stücke sind auch auf der neuen LP des  Trios enthalten. Ja, Sie lesen richtig und Ronny Graupe wies im Konzert auch darauf hin: eine Langspielplatte. So nostalgisch es klingt, LPs gibt es auch heute noch und Graupe erklärt sich damit als Freund der analogen Technik. Wer es aber gern digital haben möchte (oder vielleicht seinen Plattenspieler gar nicht mehr neben der Stereoanlage stehen hat), der bekommt mit der Platte einen downloadlink zum herunterladen der Stücke als mp3.



¹den Recherchen nach muß es 2006 gewesen sein, aber das lag noch vor dem Beginn der Aufzeichnungen zu diesem Blog, daher nur als ungefähre Angabe...

Dienstag, 12. März 2013

Vorschau März

Am 18. März steht Ronny Graupes Spoom auf der Bühne des Magdeburger Schauspielhauses.
Ronny Graupe – Gitarre
Jonas Westergaard – Bass
Christian Lillinger – Schlagzeug

Die Besetzung des Trios mit einer Gitarre als Melodieinstrument ist relativ selten, zumindest bei Jazz in der Kammer (mir fiel das erst auf, als mich ein Freund, der selbst Gitarre spielt, darauf hinwies, daß er in den Jazzkonzerten relativ selten eine Gitarre findet). Ein Grund mehr, sich anzuhören, was die zwei Saiteninstrumente gemeinsam an Melodien zaubern.
Die Hörproben auf der Myspace-Seite von Ronny Graupes Spoom wechseln zwischen ruhigen Melodien und kräftigen Improvisationen. Westergaards akustischer Bass und Graupes Gitarre ergänzen sich harmonisch, das konzentriert gespielte Schlagzeug setzt ungewohnt zart ein, eher als Percussionelement. Wer Lillingers Schlagzeugspiel von früheren Auftritten her kennt (gemeinsam mit Westergaard war er z.B. im Dezember 2009 und im Juni 2008 zu Gast bei Jazz in der Kammer), weiß daß er auch lauter und schneller kann. Aber auch Graupe stand bereits früher mit Lillinger zusammen auf der Bühne, in Lillingers "Hyperactive Kid", so auch in Magdeburg, womit sich dann wieder ein weiterer Kreis schließt.

Ronny Graupe beschreibt seine Musik so:
Nachdem sich das Trio zunächst mit Jazzstandards beschäftigte, begann die Formation bald, mit Kompositionen von Ronny zu arbeiten. Im Unterschied zu den traditionellen Jazzstandards, verfolgen diese Kompositionen eher klassische Elemente.
Der musikalische Kontext beschränkt sich im Unterschied zum traditionellen Jazz nicht nur auf kurze musikalische Themen, auf denen dann die Improvisation folgt; vielmehr werden musikalische Ideen ver- und bearbeitet, sodass ein längerer kompositioneller Bogen erkennbar wird.
Die Improvisationen sind dem geschriebenen Text gleichwertig. Sie stellen eine Reflexion über den komponierten Teil dar. Die aktuelle Repertoire ist thematisch um das Thema Erde ("Es war die Nachtigall") und Raum ("Canaveral (and out of space)" ) angelegt.

Eine herzliche Einladung zu diesem Konzert.


Donnerstag, 28. Februar 2013

Basement Research (Fotonachtrag)

Vom Magdeburger Fotografen Thomas Hohlbein bekam ich einige Fotos vom Konzert von Basement Research. Er hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Magdeburger Musikszene fotografisch zu begleiten. Darunter für ein Jahr Jazz in der Kammer. Mehr dazu auf seiner Webseite.