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Montag, 16. Januar 2023

Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs

Magdeburg wurde zweimal nahezu vollständig zerstört, erst im 30jährigen Krieg und dann am 16. Januar 1945. Ein Konzert mit Lesung und Videocollage erinnerte daran.

Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Rezitation

"Ich bin inzwischen etwas ratlos, wie wir mit dem Thema umgehen sollen", kündigte Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung das Konzert an, "mit dem Thema eines Gedenk-Abends, den wir vor etwa 20 Jahren in dieser Form begonnen haben. Damals war es ein Zeichen gegen die Nazis, die das Kriegsgedenken für sich nutzen wollten. Die Nazis sind jetzt zwar nicht weg, aber der Krieg ist wieder da. Wir reden so viel über Ausstieg aus allem. Ich bin der Meinung, dass man auch aus einem Krieg aussteigen kann. Kriege sind vermeidbar".

Am Beginn des Konzertes trug Mohamad Issa, der nach dem Krieg in seiner syrischen Heimat nach Magdeburg kam, ein Gedicht vor. "Es geht darin unter um einen Krieg, der schon längst aus unserer Wahrnehmung verschwunden ist. Diesmal haben wir auf eine Übertragung ins Deutsche verzichtet", sagte Norbert Pohlmann (diese hatte er in den Vorjahren jeweils im Anschluss vorgetragen), "denn dann müssten wir den Text eigentlich in so viele Sprachen übersetzen, unter anderem auch in die ukrainische". Im melodischen Ton der arabischen Sprache waren für den nicht sprachkundigen Zuhörer zumindest Ortsnamen wie Magdeburg oder Mariupol herauszuhören. Der Krieg kennt viele Orte. Das Leid ist universell.

Samstag, 23. April 2022

European Improvisation Saxophone Quartet

Zum Abschluss des Saxophon-Abends bei den Magdeburger Jazztagen 2022 brachten vier ältere Herren einen fetten Bläsersound auf die Bühne des Gesellschaftshauses. Das European Improvisation Saxophone Quartet mit

Gianni Gebbia – Sopransaxophon
Vytautas Labutis – Altsaxophon
Warnfried Altmann – Tenorsaxophon
Simon Rose – Baritonsaxophon
Warnfried Altmann, Gianni Gebbia,
Vytautas Labutis, Simon Rose (von links)

Die Musiker des European Improvisation Saxophone Quartet (oder auch EISQ, wie Norbert Pohlmann das Quartett in seiner Anmoderation nannte) kommen aus Italien, Litauen, Großbritannien und Deutschland. Alle vier sind gestandene Musiker, die sich musikalisch wunderbar ergänzten. 

Statt wie gewohnt aus dem Hintergrund auf die Bühne des Gesellschaftshauses zu kommen, standen sie am Beginn des Konzertes in den vier Ecken des Zuschauerbereiches, bliesen von dort einfache, klare und langdauernde Töne, den unterschiedlich großen Saxophonen, vom Sopran- bis zum großen Baritonsaxophon,  entsprechend in unterschiedlichen Tonlagen. Das Publikum mittendrin, umgeben vom sich einander überlagernden Quadrosound. So muss es auch im Inneren einer Orgel klingen! Langsam und dabei weiter spielend schreiten sie nach vorn, bis sie vorn auf der Bühne in einer Reihe stehen. 

Sonntag, 16. Januar 2022

Ein wahres Elend, der verdammte Krieg – Gedenkkonzert zur Zerstörung Magdeburgs

Heute vor 77 Jahren kam der Krieg zurück nach Magdeburg, wurden bei einem Bombenangriff große Teile der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Das Forum Gestaltung erinnerte mit einem Konzert an diesen Tag, seine Opfer und seine Vorgeschichte. 

Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk, Percussion
Mahamad Isaa – Rezitation
Norbert Pohlmann – Filmcollage, Übersetzung, Rezitation

Norbert Pohlmann fragte angesichts der bis heute an jedem Tag irgendwo auf der Welt stattfindenden Kriege zu Beginn des Konzertes ins Publikum und auch sich selbst "hat es noch Sinn, Jahr für Jahr in sich wiederholender Form an diesen Tag zu erinnern?". Und lieferte auch die Antwort, über die er mit Mohamad Issa zuvor nachdachte. "Ich bin mir etwas weniger sicher, er mehr". Mohamad Issa, der vor dem Krieg in seiner syrischen Heimat floh, hat den direkten Bezug zu Krieg und Zerstörung – und gab dem auch in seiner Lyrik Ausdruck. Norbert Pohlmann trug diese Texte dann auf deutsch vor.

Aber auch aktuelle Vorgänge, das Erstarken rechter Kräfte, hatte Norbert Pohlmann im Sinn. In Anlehnung an den Begriff der political correctness rief er auf, "Lassen Sie uns human correct sein. Und lassen Sie uns ein 'dennoch' mitdenken. Denn noch ist es nicht zu spät. Noch kann man etwas tun."

Mohamad Issa sprach in seinen Gedichten vom Asyl, das ihm gegeben wurde, und von Gedanken an die Heimat, bei denen das Herz fast platzt. In seinen Gedichten gab es Erinnerungen an Friedenszeiten und Berichte vom Krieg in der Heimat. Und in der deutschen Übertragung erinnerte das an griechische Heldensagen, wie die vom Untergang Trojas. Die Geschichte der Kriege ist alt. Und sie ist leider nicht zu Ende. 

In einem Gedicht hieß es "Welche Schuld tragen die Kinder?". Die Frage war wie eine Vorschau auf die Filmcollage. In der zum Ende auch die Toten des Krieges vorkamen. In endlosen Reihen von Särgen, in Bildern von Menschen, die die Reihen von Toten auf der Suche nach Angehörigen abgingen. Und, wohl am berührendsten, in den Anblicken toter Kinder, die Hände über der Brust gefaltet, das Haar sich noch leicht im Wind bewegend.

Freitag, 26. November 2021

Offbeat: Be-Swingt

Lieder in jazziger Form und Instrumentals standen am Beginn des Offbeat Jazzfestes im Magdeburger Gesellschaftshaus. So groß ist die Jazz-Szene in Magdeburg nicht, man kennt sich, tritt auch mal jenseits der gewohnten Pfade miteinander auf. Oliver Vogt und Ulrike Nocker sind in Magdeburg bekannt, Warnfried Altmann auch, nur zusammen habe ich sie das erste mal erleben können.

Oliver Vogt – Piano
Ulrike Nocker – Gesang
Warnfried Altmann – Saxophon
Matti Philipp – Schlagzeug

Der Abend beginnt mit einem swingenden Instrumental. Anschließend kommt Ulrike Nocker auf die Bühne, singt mit kräftiger Jazz-Stimme in Interaktion mit Warnfried Altmanns kräftigem Saxophon. "Du bist der Mondmann", singt sie, "wenn ich Dich brauch machst Du Dich dünn". Es ein wenig ungewohnt, wenn man Altmanns sonst eher dem Freejazz zugewandtes Spiel kennt, und ihn nun als Sideman einer Swing-Jazz-Tanzkapelle auf der Bühne steht. Aber es passt auf eine natürliche Art zusammen. Oliver Vogt erklärt auch warum: "Warnfried haben schon vor 37 Jahren gemeinsam Musik gemacht". Und sagt als Anmoderation des nächsten Stücks ("Medjaroo") zu Altmann: "vor langer Zeit hast Du uns mal ein Stück geschrieben und das spielen wir jetzt gemeinsam". Zu Vogts leisen Synthieklängen spielt Altmann lange Melodiebögen und ist da wieder in seinem improvisierenden Element. Zusammen klingt es wie eine Mischung aus osteuropäischem Klavier und jazzigem Saxophon. 

Donnerstag, 16. Januar 2020

Zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs vor 75 Jahren

Heute jährte sich die Zerstörung der Stadt Magdeburg in der Bombennacht des 16. Januar 1945 zum 75. Mal. Wie in den Jahren zuvor fand zum Gedenken an dieses schreckliche Ereignis im Forum Gestaltung ein Konzert unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" statt.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Text
Norbert Pohlmann – Text, Filmcollage

Norbert Pohlmann dachte vor Beginn des Konzertes, an das Publikum gewandt, über das Gedenken an Krieg und Zerstörung nach. "Wenn die Menschheit jeden Tag einen neuen Gedenktag der Zerstörung hinzubekommt, macht es da noch Sinn zu gedenken? Mit Gedenkkonzerten darauf reflektieren?". Und antwortet auf seine Fragen, auf seine eigene Ratlosigkeit: "Wir denken ein 'Dennoch' mit. Denn noch ist es nicht zu spät. Immer noch sind aufhaltsame Aufstiege zu verhindern. Und Apfelbäume werden immer wieder, selbst auf verbrannter Erde zu pflanzen sein." Und er erinnert an eine andere Gegend, in der auch heute immer noch Krieg herrscht, Städte zerbombt werden. "So wie die Weltkulturerbestadt Aleppo, einer der ältesten Städte der Welt." Aleppo in Syrien, von wo Mohamad Issa kommt, der im Forum Gestaltung eine kulturelle Heimat gefunden hat und der in Gedichten über Krieg und Zerstör ung, aber auch über die Schönheit des Lebens schreibt. "Übrigens hat Aleppo auch eine biblische Bedeutung", fügt Pohlmann hinzu, "ein anderer Name der Stadt war 'Halab-asch-schahba', 'der Ort, an dem Abraham die Kuh gemolken hat', um die Milch an die Armen zu verteilen. Eine wahrhaft friedliche Geste aus dem Alten Testament, in dem aber auch die Klagelieder des Jeremia stehen, die die Zerstörung Jerusalems bildhaft beschreiben."

Mohamad Issa beginnt zu rezitieren, unterstreicht seine Gedichte mit Gesten, seine melodischen arabischen Worte gibt Norbert Pohlmann anschließend in einer deutschen Übersetzung wieder. Vom Irrsinn des Krieges ist die Rede, der über die Menschen gekommen ist. Und von der Heimat, die verloren ist und zerstört. Während Issa noch spricht, lässt Hermann Naehring aus seinem Schlagwerk, auf Becken und Trommeln, ein leises, bedrohliches trommeln hören, ein leises Dröhnen.

Zum Text – und nun auch zur Musik von Hermann Naehring und Warnfried Altmann laufen die von Norbert Pohlmann als Collage zusammengestellten Filmausschnitte. Alte Schwarzweiß-Filme, beginnend mit einem harmlosen heiteren Himmel, in den sich aber bald startende Kriegs-Flugzeuge schieben, abgelöst von Aufnahmen aus Magdeburger Rüstungsbetrieben, in denen Kanonen geschmiedet und Bomben und Granaten hergestellt werden. Panzer laufen vom Band, Räder müssen rollen für den Krieg.

Montag, 21. Oktober 2019

Warnfried Altmann Trio

Heute war der Organisator von Jazz in der Kammer seit langem wieder selbst in seiner Magdeburger Jazzreihe zu hören. Nach Magdeburg brachte er sein Trio, das Warnfried Altmann Trio mit. Im musikalischen Gepäck hatten sie die "Wangelin Songs", mit Inspirationen aus Altmanns neuer Heimat in Wangelin bei Plau am See.
Warnfried Altmann – Saxofon
Andreas Willers – Gitarre, Bass
Willi Kellers – Schlagzeug, Percussion

Sonst begrüßt Warnfried Altmann Publikum und Gäste. Heute übernahm Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung diese Aufgabe. Sichtlich erfreut über den sehr gut gefüllten Saal (es wurden zum Schluss noch einige Stühle mehr reingeholt) sagte er "wenn ich mich hier so umschaue, sehe ich viele alte Bekannte". Auf das unausweichliche Gelächter angesichts des 'Alters' antwortete er, "gut, das 'alt' nehme ich zurück, aber es ist doch schön, sich über so lange Zeit zu kennen. Und die Freundschaften wachsen mit dem Alter mit". Schließlich gehört "Jazz in der Kammer" schon 30 Jahre lang zur Magdeburger Kultur. Die Jazzszene in Magdeburg ist überschaubar, man kennt sich dort gut. Seit drei Jahren ist das Forum Gestaltung neue Spielstätte der Jazz-Reihe, seit das Schauspielhaus die Reihe einstellen wollte.

Warnfried Altmann überlässt den Beginn des ersten Sets dem Schlagzeuger. Willi Kellers nimmt seine Steel Drum zur Hand (eine original aus der Karibik mitgebrachte, wie er später verrät), schlägt darauf melodisch-helltönende Klänge. Altmann bläst zunächst verhaltene Töne dazu, wenig später stehen aber sein Saxophon und Andreas Willers' Gitarre im Mittelpunkt.

Der erste und nach der Pause auch der zweite Set spielen die drei Musiker an einem Stück durch, nur die Instrumente wechseln gelegentlich. Auf seinem Sopran-Saxophon bläst Altmann orientalisch anmutende Töne in den Saal, Willers greift zum elektrischen Bass und liefert damit tiefe Borduntöne. Diese verzerrt er später so stark, dass man erst mal hinschauen muss, was er da grad spielt, denn die durch die Verstärkung entstehenden Klänge könnte man sonst beinahe selbst für die eines Saxophons halten. Kellers liefert dazu permanente Rhythmen auf seinen Trommeln, aber auch hin und wieder auf der Steeldrum oder Percussions.

Mittwoch, 16. Januar 2019

Konzert zum Gedenken an die Zerstörung Magdeburgs

Heute war der Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. Eine der Gedenkveranstaltungen war die im Forum Gestaltung, bei der Warnfried Altmann und Hermann Naehring unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" eine von Norbert Pohlmann zusammengestellte Filmcollage begleiteten. Der syrische Autor Mohamad Issa trug Verse über den Krieg vor, den er in Syrien erlebte.


Schon vor Beginn des Konzertes waren Antikriegslieder zu hören, etwa das von Hannes Wader gesungene "Wo sind all die Blumen hin". Denen, die am Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs in das Forum Gestaltung kamen, war die Antwort wohl klar. Auch was die Gäste erwarten durften, war bekannt. Norbert Pohlmanns stumme Collage alter Schwarzweißfilme aus der Zeit vor dem Krieg und aus dem Krieg wurde bereits viele Male von Musikern begleitet, mal von Altmann und Naehring, mal vom Neuen Magdeburger Kammerchor. Jeder hat da seine eigene Interpretation, bei Altmann und Naehring ist sie, da frei improvisiert, auch jedes mal ein wenig anders. Nur eines steht für Pohlmann immer im Vordergrund: "die Deutung der Vorgänge dürfen wir nicht den Rechten überlassen".

Dienstag, 16. Januar 2018

Gedenkkonzert

Am Jahrestag der Zerstörung der Stadt Magdeburg am 16. Januar 1945 fand heute unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" ein Gedenkkonzert im Forum Gestaltung statt.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk
Mohamad Issa – Text
Norbert Pohlmann – Text

Das Foyer des Forum Gestaltung ist in düsteres Licht getaucht, in eine Mischung aus Flammengelb und Feuerrot. Im offenen Raum nebenan werden Holzschnitte von Georg Kaiser auf eine Leinwand projiziert, auch im Druck liegen sie aus, in einer in den 60er Jahren erschienenen Druckfassung. Mit kräftigen, breiten Schnitten karikiert Kaiser in seiner Serie "Die Gasgesellschaft" die Größen des Nazireiches in einer sehr deftigen Weise. Hitler, Himmler, Göring, Göbbels, Keitel und einige mehr werden der Lächerlichkeit preisgegeben und zugleich die Insignien ihres Größenwahns offenbart. "Kunst, die damals auf den Tod gefährlich war und doch zum Lachen, zum Aus-Lachen anregend", wie Norbert Pohlmann in seinen Worten vor dem Beginn des Konzertes sagte. "Angesichts einer braunen Versumpfung sollen uns die Blätter daran erinnern, daß die Deutungshoheit über die Ereignisse des Krieges nicht den falschen, nicht den Rechten überlassen werden darf".

Um dem Erinnern auch filmisch eine Basis zu geben, stellte Pohlmann schon vor etwa zehn Jahren eine Collage aus alten Kriegsfilmen zusammen. Ausschnitte aus Wochenschauen sind darin ebenso enthalten wie Filme aus Aufklärungsflügen oder Kriegsberichte der Alliierten. Eingeblendete Textpassagen aus Göbbels' Tagebuch offenbaren die Totale-Kriegs-Rhetorik, die die Welt an den Rand des Untergangs trieb.

Während im Hintergrund bereits der Beginn des Films lief, in dem gerade die Rüstungsmaschinerie anlief,  und Hermann Naehring auf der riesig großen Taiko-Trommel zwar leise, aber dennoch bedrohlich zu trommeln begann, las der Syrer Mohamad Issa Gedichte. Gedichte über den Krieg und über seine Heimat, die im Anschluß von Norbert Pohlmann ins deutsche übersetzt wurden. "Ein Irrsinn ist über die Menschen gekommen", heißt es darin, und bedrückend ist, wie konstant dieser Irrsinn doch bleibt.

Montag, 16. Januar 2017

Gedenkkonzert

Heute fand im Rahmen von Jazz in der Kammer ein Konzert unter dem Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" statt. Der 16. Januar ist der Gedenktag der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1945. Warnfried Altmann und Hermann Naehring  stellten diesen Anlass in den Mittelpunkt ihrer Musik, unterstützt von Mohamad Issa.
Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk, Percussion
Mohamad Issa – Lesung

Warnfried Altmann, Organisator von Jazz in der Kammer, stand selbst auf der Bühne. So war es diesmal Norbert Pohlmanns Aufgabe, die Besucher des Konzerts zu begrüßen. Er erinnerte daran, daß seit Bestehen des Forum Gestaltung an jedem 16. Januar ein Gedenkkonzert anläßlich der Zerstörung Magdeburgs im Jahr 1945 stattfindet. Diesmal fiel dieser Jahrestag auf den Termin von Jazz in der Kammer. „Ziel unserer Gedenkkonzerte war immer, den Rechten etwas entgegenzusetzen, die diesen Tag für ihre Zwecke mißbrauchen wollen“, sagte Pohlmann.

In vielen der vergangenen Jahre wurde zur Musik eine Kollage von Filmbilder aus Rüstungsproduktion, Krieg und dem zerstörten Magdeburg gezeigt, die der Musik eine sichtbare Aussage gab. „Wir haben in diesem Jahr auf diesen Film verzichtet“, erklärte Norbert Pohlmann. „Die Menschheit bekommt heute mit den täglichen Live-Bildern jeden Tag einen Gedenktag gegen den Krieg“, sagte er und fügte hinzu: „Es geht schon längst nicht mehr um political correctness, sondern um human correctness.“ In Anlehnung an ein bekanntes Luther-Zitat gab er den Musikern und Konzertbesuchern die Hoffnung mit: „Und noch ist es nicht zu spät, einen Apfelbaum zu pflanzen.“ Und dennoch gibt es Gegenden, in denen auch heute die Welt untergeht, alles zerstört wird: "Wir erinnern mit unserem Konzert nicht nur an die Zerstörung Magdeburgs, sondern auch an die Zerstörung Aleppos", sagte Pohlmann. Und stellte Mohamad Issa vor, der aus Syrien nach Deutschland gefüchtet war und nun in Magdeburg lebt. Zur Musik von Warnfried Altmann und Hermann Naehring las er Gedichte.

Montag, 20. Juni 2016

Abschied vom Schauspielhaus

Es war ein bewegender Moment, als Warnfried Altmann heute zum letzten mal die kleine Bühne im Foyer des Magdeburger Schauspielhauses betrat. um auf das nächste Konzert von Jazz in der Kammer aufmerksam zu machen und die Künstler des Abends anzukündigen. Diesmal war es auch eine Mitteilung in eigener Sache bzw. in Sachen der Konzertreihe, und es war ihm anzumerken, daß ihm das nicht leicht fiel.


Schließlich hatte er das Aus für Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus anzukündigen, einer Reihe, die er von Beginn an als künstlerischer Leiter begleitete und die über 26 Jahre und 260 Konzerte hinweg für neue Musikimpulse in Magdeburg gesorgt hat, einem (wie das Theater noch vor kurzem schrieb) Fixpunkt im Kalender der Jazzgemeinde. Er erinnerte daran, was die Magdeburger Jazzreihe bisher geprägt hat: "Es gab hier Musik, wie sie noch nie so zu erleben war, es gab viel experimentelles, was ja immer auch ein Risiko ist – aber wenn dann alles klappt und man sitzt im Publikum, dann nimmt man sich so viel schönes mit nach Hause".


Warnfried Altmann bedauerte zutiefst die Entscheidung der Theaterleitung und stellte fest, dass es keine nachvollziehbaren Gründe dafür gebe. An die Besucher der Konzertreihe schreibt er in einer E-Mail:
Der nächste dritte Montag im Monat, der 20.06.16, 20.00 wird mit dem Quartett „Field“, dem Gitarristen Ronny Graupe (Dozent an der Hochschule der Künste in Bern), dem Saxophonisten Uli Kempendorff, Jonas Westergaard aus Dänemark – Bass und dem Schlagzeuger Oliver Steidle das letzte im Foyer des Schauspielhauses sein.

Nach der Spielpause im Juli und August wird es dann am 19. September mit Paul Brody`s "Sadawi" im  Forum Gestaltung weitergehen.
Als künstlerischer Leiter der diese Konzertreihe im Schauspielhaus seit 26 Jahren gestaltet und betreut hat, möchte ich es nicht versäumen Danke zu sagen. Zuerst einem wunderbaren, sensiblen Publikum, das mir vertraut hat und sich immer sicher sein konnte, reich beschenkt nach Hause zu gehen, auch wenn die Musiker ihnen unbekannt waren. Mein größter Wunsch ist, mir auch an den neuen Ort zu folgen und mir ihr Vertrauen zu schenken. Und Danke an alle Theaterleute, die hinter den Kulissen für reibungslose Abläufe gesorgt haben, zu Vielen hatte und habe ich ein freundschaftliches Verhältnis. Seit 1983 bin ich dem Magdeburger Theater aufs Engste verbunden und habe in den 33 Jahren schon viele Intendanten kommen und gehen sehen.

Ich bedaure diesen erzwungenen Umzug sehr, denn die Musiker und auch das Publikum haben sich im Theater immer sehr wohlgefühlt. Für mich ist das Theater ein Ort der Hochkultur und hat die Wertschätzung für den modernen, zeitgenössichen Jazz unterstrichen. Diese Musik habe ich immer auch im Kontext mit den kammermusikalischen Konzerten der Philharmonie gesehen, das wurde auch durch den wiederholten Besuch der Musikdramaturgie honoriert. Den sehr hohen Kostendeckungsgrad im Vergleich zu vielen anderen Veranstaltungen möchte ich nicht unerwähnt lassen. Gefreut habe ich mich besonders, wenn immer wieder Musikerkollegen, auch aus der Philharmonie im Publikum saßen. Niemand, mit dem ich sprach versteht diese Entscheidung der Intendanz.
Vor einigen Monaten schon, als ich zum ganz regulären Termin ins Theater ging um, wie auch sonst immer seit 26 Jahren, meinen Vertrag über das Management der Reihe zu verlängern, wurde mir eröffnet, das diese Jazzkonzertreihe vom Theater nicht weiter gewollt ist. Auf genauere Nachfrage hin hatten die Intendantin Frau Stone, der Vizeintendant Herr Sickel und die Schauspieldirektorin Frau Crombholz einhellig beschlossen, „das es keinen zwingenden Grund gibt“ diese hochkarätige, internationale Reihe weiterzuführen. 2011 versuchte Frau Stone schon einmal diese Reihe auf 4 Konzerte im Jahr zu reduzieren, ich war selbst überrascht, wie viel Zuspruch und Unterstützung von den Kultureinrichtungen, aus der Stadt, auch ganz offiziell, und überregional, ja sogar international kam, was letztendlich die uneingeschränkten Fortführung bedeutete. Nach wie vor steht im Spielplan des Theaters, das dies eine der ältesten und beliebtesten Konzertreihen der Stadt Magdeburg ist.

Nun aber freue ich mich auf einen neuen, inspirierenden, geistvollen Ort, auf das „Forum Gestaltung“, in der Brandenburger Straße, ganz nahe am Hauptbahnhof.


Gemeinsam mit Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Forum Gestaltung, verfaßte Warnfried Altmann einen offenen Brief zum Ende von Jazz im Schauspielhaus und zum Neubeginn von Jazz in der Kammer im Forum Gestaltung Magdeburg, den er auf der Bühne verlas. Darin heißt es:
Magdeburg und Jazz – es scheint eine reizend ambivalente Beziehung, allein sie wird lebendig bleiben, solange es Menschen gibt, die ihr Abgestorbensein beklagen würden.
Das, was wir zur Motivation zur Vorbereitung der ersten „Magdeburger Jazztage“ sagten, die im April dieses Jahres so erfolgreich die Stadt jazzten, ist uns auch jetzt Grundlage fürs Weitermachen: Wir brauchen diese Kunst, die inspirierende, nie oberflächliche Mischung aus freiheitsbewusster Individualität und kollektivem Miteinander, das Weltbürgerliche. Und wollen der Freiheit des Jazz, der Kunst des Einzelnen im gemeinschaftlichen Spiel und dem gemeinsamen Erleben weiterhin, kontinuierlich ein Podium in Magdeburg bieten.
„Jazz in der Kammer“ wird es zukünftig im Forum Gestaltung geben, wieder jeden dritten Montag im Monat. Dauerhaft. Aber nur (keine „Drohung“, sondern Realitätssinn in Zeiten Kulturverluste in Kauf nehmenden Handelns) wenn Sie, das Publikum, sich beteiligen. Denn anders als das Theater kann das Forum Gestaltung als privat organisierter, nicht institutionell geförderter Kunst- und Kultur-Verein keinen „Haushalt“ aufstellen, sondern muss für die Vorhaben jeweils (in der Regel viele verschiedene) Quellen erschließen. Und eine, materiell wie motivational sehr wichtige, sind die (nachfragenden) Zuschauer. Gemeinsam sollte es gelingen, die ebenso langjährige wie einzige Jazz-Konzert-Reihe in der Stadt fortzusetzen. An neuem Ort, dessen alte Geschichte so ambivalent ist wie die oben beschriebene Beziehung und dessen Genius loci beste Voraussetzungen bietet für die Kunst, Kultur zu gestalten.
Warnfried Altmann dankte allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Schauspielhauses, die die Konzerte bisher unterstützt haben, den Technikern an Licht und Ton, den Mitarbeitern an der Garderobe und dem Einlaß und denen, die die Künstler unterstützt haben. Und er lud das Magdeburger Jazz-Publikum herzlich dazu ein, ab September zu Jazz in der Kammer ins Forum Gestaltung zu kommen. Und er bat darum, die Änderung des Ortes auch im Freundes- und Bekannten weiterzusagen.

Im Forum Gestaltung findet Jazz in der Kammer wie gewohnt von September bis Juni immer am dritten Montag im Monat um 20 Uhr statt. Das nächste mal am 19. September, dann mit Paul Brody`s "Sadawi".

Nach dem Konzert bekam Warnfried Altmann von vielen langjährigen und treuen Besuchern der Reihe Dank und Zuspruch – und viele gute Wünsche für das Fortbestehen an neuer Stelle.

Kommentar
Jazz in der Kammer, später Jazz! Entdeckungen im Schauspielhaus, ist eine Konzertreihe, die inzwischen sowohl beim Publikum als auch bei den Musikern etabliert ist. So etwas schafft man nicht "einfach so" und "auf Fingerschnipp". Das Magdeburger Jazz-Publikum weiß inzwischen, daß man auch ohne die Musiker vorher zu kennen bei "Jazz in der Kammer" immer neue und frische Musik abseits des musikalischen (Jazz-)Mainstreams geboten bekommt. Auch deshalb gewann die Reihe zuletzt immer wieder neue Zuhörer. Solch ein Vertrauen aufzubauen, braucht  lange Zeit und viel Erfahrung. Um so unverständlicher die jetzt getroffene Entscheidung der Theaterleitung. Nicht umsonst heißt es in der Technik "never change a running system" und im Sport "never change a winning team". Wenn es tatsächlich keinen zwingenden Grund für die Fortführung der Jazz-Reihe im Schauspielhaus geben sollte – angesichts der Bekanntheit der Reihe gibt es erst recht keinen zwingenden Grund für das jetzt verkündete Ende. Es sei denn, man wollte mit Macht den letzten verbliebenen Rest der einstigen Freien Kammerspiele aus dem jetzigen Schauspielhaus heraus bekommen. Aber da sei ein Schelm, wer Böses dabei denkt, denn vermutlich kennt die jetzige Leitung des Theaters die Freien Kammerspiele gar nicht mehr, die mit Reihen wie Kammer im Kino, Jazz in der Kammer oder auch dem jährlich an neuer Stelle stattfindenden Sommertheater Kammer Open Air frischen Wind in die Magdeburger Theaterlandschaft brachten.

Samstag, 16. Januar 2016

Gedenkkonzert: "Ein wahres Elend der verdammte Krieg"

Am 71. Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs fand im Forum Gestaltung ein Konzert statt zum Gedenken an die Bombennacht des 16. Januar 1945, aber auch an die erste Zerstörung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg am 10. Mai 1631.
Mitwirkende waren:
Neuer Magdeburger Kammerchor unter der Leitung von Christian Hoffmann,
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (dr, perc)
Trio Fisarmonica (Christian Waltenberg, Frances Twardoch, Marius Beier, acc)
Der Satz "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg", der dem Konzert seinen Titel gab, stammt bereits aus dem Jahr 423 v.u.Z., aus einem Schauspiel des antiken Dichters Aristophanes. An Gültigkeit und Aktualität hat er indes nichts verloren und ist – leider – über alle Zeiten hinweg von universeller Gültigkeit geblieben. So ist das jährliche Konzert am 16. Januar Gedenken und Mahnung zugleich.

Die Bühnenscheinwerfer tauchten das Foyer des Forum Gestaltung in einen Schein aus feuerrotem und flammengelben Licht. In diese bedrohlich-düstere Lichtstimmung hinein klangen erst einzelne Glockentöne aus Hermann Naehrings Schlagwerk, gefolgt von bedrohlichen Klängen aus Warnfried Altmanns Saxophons. Die Töne und Geräusche, die dann erklingen, mögen sich nicht zu Melodien formen, bleiben unbestimmt und unterstützen in ihrer Zusammensetzung die bildlichen Vorstellungen der Besucher – die wohl jeder im Kopf hat als Bilder von Krieg und Zerstörung, Bilder aus alten Filmen oder aus neuesten Nachrichten.


Als dann der Chor einsetzt, geschieht das mit einem erst leisen, dann immer stärker werdenden Stimmwirrwar, aus dem immer deutlicher der Name einer Stadt vernehmbar wurde: Magdeburg. Stimmen, wie sie von Mund zu Mund eine Nachricht weitergeben, das Entsetzen über das Ungeheuerliche und das noch-nicht-wahrhaben-wollen ausdrückend. Das anschließende Introitus eines Requiems (Requiem aeternam...  Herr, gib ihnen die ewige Ruhe), unterstrichen durch mächtige Paukenschläge und Beckengetöse, erschien wie eine Bekräftigung der Nachricht. Der Chorgesang wurde im Versuch, mit dem Kriegslärm des Schlagzeugs mitzuhalten, immer lauter, brach dann unmittelbar ab. Dieser Wechsel zwischen laut und leise, mehrfach eingesetzt, erzeugte eine ungeheure Dynamik, zumal auch aus dem gespannt lauschenden Publikum keinerlei Geräusch zu hören war. 

Kamen die Klänge des Krieges zunächst von den Rhythmusinstrumenten, so wurde das vom Akkordeon-Trio mit den "Sounds of war" von Józef Wojtarowicz fortgesetzt – mit einer riesigen Bandbreite an Tönen und Klängen, die weit über Töne, Akkorde und Melodien hinausgehen. Die drei Musiker ließen ihre Instrumente atmen und zischen, seufzen und singen. Das Stück des polnischen Komponisten sah Chorleiter Christian Hoffmann auch als zentrales Element des diesjährigen Gedenkkonzertes an. "Um dieses Stück herum habe wir die Interpretation des Chores und die Improvisationen der anderen beiden Musiker angeordnet und darauf abgestimmt". So war auch der Chorgesang in weiten Teilen des Konzertes durch das Formen von Klangflächen bestimmt, durch stimmlich geprägte Melodien, die ohne förmlichen Text auskamen. Damit wurde der Chor selbst zum Instrument, das in Zusammenspiel und Wechselwirkung mit dem Saxophon und mit dem Schlagwerk des Klangkünstlers Naehring stand. Wieder mehr durch Text bestimmt war dann die beeindruckende Interpretation von Rudolf Mauersbergers Motette "Wie liegt die Stadt so wüst" durch den Neuen Magdeburger Kammerchor, die auf biblischen Texten beruhend das Grauen im Angesicht einer in Trümmern liegenden Stadt beschreibt. Kreuzkantor Mauersberger komponierte das Chorwerk im Jahr 1945, unter dem Eindruck der Zerstörung Dresdens, das einen Monat nach Magdeburg dem Bombenkrieg zum Opfer fiel.

Das Konzert beendete der Chor mit einem Rezitativ, mit dem Gedicht "Flammentropfen" des türkischen Dichters Zafer Senocak:
Ein Flammentropfen sucht ein Versteck
kreiselnd in der Luft
öffne ihm dein Hemd
bevor die Wolke
die um die Erde kreist
auch über unser Land zieht.
Ein Gedicht in düster-prophetischer Ausstrahlung. Für Magdeburg kam damals die Hoffnung zu spät, jemand könne die Flammen noch einfangen.

Als das Konzert beendet war, blieben die Künstler auf der Bühne noch lange schweigend stehen, das Publikum reglos sitzen. Ein gemeinsames stilles Innehalten, Zeit des Gedenkens an die Toten des nun 71 Jahre zurückliegenden Krieges und aller aktuellen Kriege. Auch abgesehen vom historischen Anlasses bleibt von dem 2016er Gedenkkonzert die Leistung aller Künstler in Erinnerung, die ihre Instrumente und Stimmen zu einem großen und beeindruckendem Klangbild vereinten.

Kurz nach dem Ende des Konzertes, um 21:28, als am 16.01.1945 die Bombardierung Magdeburgs begann, läuteten alle Glocken der Stadt mit mahnendem Ruf: nie wieder Krieg!

Schweigendes Gedenken unter Glockengeläut,
um 21:28 Uhr auf dem Magdeburger Domplatz

Montag, 19. Oktober 2015

Dreieck – Vierseitig

Das heutige 250. Konzert nahm Warnfried Altmann zum Anlass, auch selbst einmal wieder auf der heimatlichen Bühne zu stehen. Zum Konzert hatte er mit Andreas Willers und Willi Kellers zwei Musiker mitgebracht, die in unterschiedlichen Projekten auch in Magdeburg bereits spielten und nun als Trio ihre Leidenschaft für die improvisierte Musik auf die Bühne bringen konnten.
Andreas Willers – Gitarre
Warnfried Altmann – Saxophon
Willi Kellers – Percussion
Andreas Willers, Warnfried Altmann, Willi Kellers

Das Konzert beginnt mit zunächst leisen Klängen von Gitarre, Saxophon und Flöte, in Terzen und Quinten variiert, harmonisch anfangs, dann immer kräftiger werdend, zu einem Inferno an Tönen anwachsend, als sich die Musiker warm gespielt haben und dazu auch noch das Schlagzeug einsetzt. Warnfried Altmanns Saxophon einem Schiffshorn gleich den Magdeburger Nebel durchdringend, dazu wilde Kontrapunkte von Andreas Willers' elektrischer Gitarre und Willi Kellers erfindet dazu einen Rhythmus an seinen Drums. An den lautesten Stellen konnte man sich unter die läutenden Glocken einer Kirche versetzt fühle, solch ein Hinundher an Klängen kam von der Bühne ins Publikum, solch Dröhnen erfüllte den Raum, wild und doch geordnet.
Ähnlich kontrastreich ging es weiter, wenn die Musiker erst ruhige, indisch anmutende Klänge anstimmten, dann aber Altmann auf seinem Sopransaxophon die Kavalerie zum Angriff rief (für die hundert Pferde sorgte Kellers am Schlagzeug). Die teils harten metallischen Töne von E-Gitarre und E-Bass bildeten einen Kontrast vor allem zum warmen Ton des Saxophons. Einmal aber auch in merkwürdiger Übereinstimmung, als Saxophon und E-Bass zu einer unheilvoll auf- und abschwellenden Sirene wurden.

Nach der Pause zwischen den beiden Sets (die die Musiker ansonsten ohne Unterbrechung durchspielten) eröffnete Willers mit zwei Solostücken, bei denen er die Gitarre beinahe wie eine akustische klingen ließ. Danach aber wieder Improvisationen der Musiker, die dann jeder für sich ein Experimentator sind und doch immer wieder zu gemeinsamen Passagen zusammenfinden. Etwa wenn Altmann sein Saxophon quaken und fiepen läßt, Willers spacige Elektrotöne hinzufügt, Kellers alles mit einem wilden Rhythmus unterlegt und die Musik zum Klang einer Großstadt in der Rush-hour anschwillt. Plötzlich wieder Ruhe, von Gitarre und Schlagzeug kommen Töne als ließen Aboriginees ihre Schwirrhölzer kreisen, dazu Altmann als musikalischer Europäer im Urwald. Ein Durcheinander, wild und fröhlich.

In weiten Teilen ist die Band genau dort, was Warnfried Altmann als Grundlage der Magdeburger Jazzreihe beschrieb, der improvisierten Musik, dem Experiment, dem Ausprobieren was geht. Und so gibt es als Zugabe nochmal einen Rausch der Töne, nichts für zarte Ohren und doch (oder gerade deswegen!) eine große Lust dabei, beim Hören die Augen zu schließen und sich ganz in diesen Kosmos der Töne fallen zu lassen. Großartig!

Zwei Blasinstrumente
Drei Arten, eine Gitarre zu spielen



Jubiläumskonzert

Jazz in der Kammer gibt es jetzt seit 25 Jahren und das heutige Konzert war dann auch schon das 250. Ein schöner Anlaß für Warnfried Altmann, auf die letzten 25 Jahre Jazz im Magdeburger Schauspielhaus zurückzublicken.


Ein wenig kommt er bei diesem Rückblick ins Stolpern, als er das Publikum versehentlich bei "Jazz in der Kammer" begrüßt. Kein Wunder, denn diesen Namen trug die dienstäteste Magdeburger Jazzreihe über lange Jahre hinweg. Benannt war sie nach den Freien Kammerspielen Magdeburg, wie das jetzige Schauspielhaus ab 1990 hieß. Aber auch bereits früher, das muß bereits in den 70er Jahren gewesen sein, gab es eine Jazzreihe in den damaligen Kammerspielen, auch bereits als "Jazz in der Kammer". Mit Konzerten voller improvisierter und freier Musik, wie sich Warnfried Altmann erinnerte.
Nach einer Unterbrechung wurde dann 1990 Jazz in der Kammer neu gegründet. Zu dieser Zeit war Wolf Bunge Intendant der Freien Kammerspiele. Und der wollte, daß seine Schauspieler Montags frei hatten. So war am Montag die Bühne frei für andere Veranstaltungen – im wöchentlichen Wechsel gab es Neue Musik und E-Musik, Tanz, Jazz und Kino. Wolf Bunge fragte Warnfried Altmann, ob dieser nicht die Zusammenstellung der Jazz-Reihe übernehmen wolle. Der wollte – und das war dann der Begin einer schönen Tradition. Der Rest ist schnell erzählt: von den Montagsterminen blieb lediglich der monatliche Jazzabend bis heute erhalten und überlebte alle inzwischen erfolgten Intendantenwechsel. Auch dank des immer vorhandenen Publikums, das vehement den Erhalt von Jazz in der Kammer einforderte, als vor einigen Jahren die Reihe auf nur noch ein Konzert im Quartal zusammengestrichen werden sollte. So waren Altmanns Schlußworte vor der eigentlichen Anmoderation der heutigen Band auch dem Dank an das Publikum vorbehalten. Dieses rief er auch dazu auf, die Konzerttermine weiterzusagen und gern auch immer ein paar neue Zuhörer mitzubringen.

Nach dem silbernen Jubiläum ist nun beste Gelegenheit, der Reihe weiter viele schöne und interessante Konzerte zu wünschen. Also: Weiter so, mindestens bis zum goldenen Jubiläum!

Freitag, 16. Januar 2015

Gedenkkonzert: "Ein wahres Elend der verdammte Krieg"

Mit dem Neuen Magdeburger Kammerchor unter der Leitung von Christian Hoffmann,
Johanna Mohr (sopran),
Warnfried Altmann (sax)
Hermann Naehring (dr, perc)
Friederike Franke

Der bezeichnende Titel "Ein wahres Elend, der verdammte Krieg" stand schon über vielen Konzerten, die es zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt Magdeburg im Forum Gestaltung gab. Zunächst im Saal und als Begleitung einer Filmcollage über Krieg, Zerstörung und Untergang aufgeführt – nun schon zum zweiten Mal in der Kombination von Chor, Saxophon und Schlagwerk und diesmal mit einer zusätzlichen Solo-Stimme.

Begonnen hatte das Konzert aber mit einer Lesung, aus dem Tagebuch von Lena Muchina. Still wurde es im flammenrot-düster beleuchteten Treppenhaus des Forum Gestaltung, als Friederike Franke Berichte aus dem Kriegswinter 1941/42 las. Berichte einer jungen Frau, die in Belagerung eingeschlossen Kälte und Hunger erlebt – und nach und nach den Tod aller ihrer Angehörigen. Da war nichts von heroischem Heldenmut zu spüren, nur Verzweiflung und Not. "Jetzt bin ich allein", endete der Auszug aus dem Tagebuch. Der Hinweis auf Leningrad als Ort des Geschens war da allenfalls zur historischen Einordnung des Gehörten wichtig, denn so oder ähnlich ging es damals Millionen und geht es auch noch heute. So lenkte Norbert Pohlmann mit seiner Inszenierung des Programm wie schon in den Vorjahren den Blick von der Zerstärung Magdeburg aus in einen größeren Zusammenhang, auf das universelle Leid der Zivilbevölkerung.

Friederike Franke

In die wieder einsetzende Stille mischten sich leise Stimmen, die erst allmählich als die Worte "Nie wieder Krieg" erkennbar wurden. Stimmen der Sänger und Musiker, die langsam das Foyer betraten und sich zu einem Chor formierten, der das "Nie wieder Krieg" in an- und abschwellende Sirenentöne formte. Ein Chor, der wie in der antiken Tragödie das Geschehen und die Gefühle kommentierend zusammenfaßt, ohne selbst eingreifen zu können.

Der Neue Magdeburger Kammerchor
Warnfried Altmann, Johanna Mohr
und Hermann Naehring

Der Chorgesang und Johanna Mohrs darüberliegender Sopran wurden von Hermann Naehrings lautem Schlagwerk kontrastiert, das die Granaten- und Bombenschläge nachbildend den Chor übertönte und in das Warnfried Altmanns Saxophon sich schreiend einmischte. Damit war der Krieg auch musikalisch angekommen.

Im Mittelteil des Konzertes bezogen die Musiker den kompletten Raum in ihre Aufführung ein. Der Chor hatte sich auf der oberen Etage aufgestellt, unsichtbar für die Zuhörer, und sang dort Stücke eines Requiems, während unten Naehring und Altmann spielten. Ein akustisches Experiment, das gleichwohl zu Stimmung und Anlaß des Konzertes paßte, hatten doch die langsam und getragen gesungenen Chorsätze durch den Hall des Raumes etwas erhabenes und zugleich mystisches.

Im dritten Konzertteil stand der Chor wieder auf der Treppe im Foyer und begleitete nochmals Johanna Mohr. Der Chorgesang, von Johanna Mohr gesungene Liedfragmente und von Altmann auf dem Saxophon gespielte Musik, in der man gelegentlich auch ein "Auferstanden aus Ruinen" heraushören konnte, verwoben sich zu einer eigenartigen Mischung, die schließlich mit dem leise ausklingenden "Nie wieder Krieg" des Chores endete.


Anschließend Schweigen, das lange anhielt, ehe das Publikum zögernd Applaus spendete. Zögernd darüber, ob man aus diesem Anlaß überhaupt klatschen darf oder soll. Und in der Tat gab es früher auch Konzerte, in denen das Publikum noch lange still sitzen blieb und erst allmählich und leise herausging.
Nicht lange nach dem Konzert ertönten überall in der Stadt und auch vor der Tür des Forum Gestaltung deutlich vernehmbar die Kirchenglocken, an den Beginn des Bombenangriffs erinnernd, der Magdeburg zerstören sollte.

Bleibt zum Schluß – und nicht zum ersten mal – die Frage, wie man über solche Musik schreiben soll und kann. Darf man ein solches Konzert überhaupt "schön" nennen. Ja, man darf. Es war ein schönes, ein ausgezeichnetes, ein wichtiges Konzert. Und was die Künstler geboten haben, war großartig. Allen voran der Neue Magdeburger Kammerchor, der sich in dieser Musik weit abseits von herkömmlichem Liedgut bewegte.