Freitag, 26. November 2021

Offbeat: Be-Swingt

Lieder in jazziger Form und Instrumentals standen am Beginn des Offbeat Jazzfestes im Magdeburger Gesellschaftshaus. So groß ist die Jazz-Szene in Magdeburg nicht, man kennt sich, tritt auch mal jenseits der gewohnten Pfade miteinander auf. Oliver Vogt und Ulrike Nocker sind in Magdeburg bekannt, Warnfried Altmann auch, nur zusammen habe ich sie das erste mal erleben können.

Oliver Vogt – Piano
Ulrike Nocker – Gesang
Warnfried Altmann – Saxophon
Matti Philipp – Schlagzeug

Der Abend beginnt mit einem swingenden Instrumental. Anschließend kommt Ulrike Nocker auf die Bühne, singt mit kräftiger Jazz-Stimme in Interaktion mit Warnfried Altmanns kräftigem Saxophon. "Du bist der Mondmann", singt sie, "wenn ich Dich brauch machst Du Dich dünn". Es ein wenig ungewohnt, wenn man Altmanns sonst eher dem Freejazz zugewandtes Spiel kennt, und ihn nun als Sideman einer Swing-Jazz-Tanzkapelle auf der Bühne steht. Aber es passt auf eine natürliche Art zusammen. Oliver Vogt erklärt auch warum: "Warnfried haben schon vor 37 Jahren gemeinsam Musik gemacht". Und sagt als Anmoderation des nächsten Stücks ("Medjaroo") zu Altmann: "vor langer Zeit hast Du uns mal ein Stück geschrieben und das spielen wir jetzt gemeinsam". Zu Vogts leisen Synthieklängen spielt Altmann lange Melodiebögen und ist da wieder in seinem improvisierenden Element. Zusammen klingt es wie eine Mischung aus osteuropäischem Klavier und jazzigem Saxophon. 

Eröffnung des Offbeat-Jazzfestes

Das Offbeat-Jazzfest entstand nach einer Idee des Gesellschaftshauses, erklärte Norbert Pohlmann bei der Eröffnung des ersten Abends. "Wir haben Jazz in der Kammer bei uns im Forum Gestaltung", sagte er, "wir haben gemeinsam mit dem Gesellschaftshaus  die Magdeburger Jazztage im April, die diesmal ausfallen mussten, und nun machen wir im Winter ein Termin für ein neues Jazzfest". 

Dieses fiel nun ausgerechnet in die Zeit der sich grad wieder verstärkenden Corona-Pandemie. "Wir haben den ganzen Tag gewartet, ob noch ein Anruf mit einem Verbot kommt, aber wir dürfen spielen und setzen Corona nun ein kräftiges ''off beat!' entgegen. Und bleiben dabei doch verantwortungsbewusst". So war es auch, denn am Eingang musste jeder einen Test oder den Impfnachweis vorzeigen (für die Leser in späteren Zeiten: dafür gab es damals die Abkürzung 3G = "geimpft, genesen oder getestet"). So konnten sich Publikum und Musiker sicher fühlen. Einer Hoffnung gab Norbert Pohlman auch Ausdruck: "Wenn wir sagen Offbeat statt Lockdown, dann hoffen wir auch, dass wir nicht als letzte Kulturveranstaltung in die Geschichte eingehen".

Stephan van Briel (links) und Norbert Pohlmann
bei der Eröffnung des Offbeat.

Nach der Eröffnung sagte Stephan van Briel noch etwas zur Musik und zur Zusammenstellung der Bands. Zu denen er dann am zweiten Tag auch gehören sollte, mit dem Jazzrock-Kollektiv Magdeburg. 

Das Offbeat gehört genaugenommen nicht in den Jazz-in-der-Kammer-Blog. Aber irgendwie auch doch – denn so groß ist die Jazz-Szene in Magdeburg nicht, tritt auch mal jenseits der gewohnten Pfade miteinander auf. Die geneigte Leserschaft des Blogs wird es schon richtig einordnen können. Zur Idee des Offbeat sagte mir Carsten Geerth später noch: "Wir wollen das Gesellschaftshaus auch für andere Musikformen als Klassik öffnen und sehen das zum anderen auch als Ergänzung zu Jazz-Formaten, wie sie zum Beispiel Jazz in der Kammer bietet." Dem Publikum zufolge scheint das angekommen zu sein.

Vorschau Dezember: Ruf der Heimat

Darf man aktuell überhaupt noch auf Konzerte hinweisen? Vielleicht muss man das sogar umso mehr - und dann hoffen, dass Vorschriften keinen Strich durch die Rechnung machen. Also: am Montag dem 20. Dezember um 20 Uhr heißt es bei Jazz in der Kammer: "Ruf der Heimat".

Thomas Borgmann – Tenor- & Sopransaxophon, Flute
Christof Thewes – Posaune
Jan Roder – Bass
Willi Kellers – Schlagzeug

Aus der Ankündigung:

Tradition erhält sich durch beständige Erneuerung: seit 1993 besteht dieses Spitzenquartett, und folgt dem Ruf des Jazz, indem es diesen als eine selbstverständliche Weiterentwicklung der in ihm angelegten Prinzipien von Improvisation und Spontaneität versteht.

Zur Stammbesetzung mit Thomas Borgmann und Willi Kellers kommen Christof Thewes und neuerdings Jan Roder hinzu. So wird diese Musik durch die Weitergabe an die mittlere Generation weiterentwickelt, in welcher sich Einflüsse und musikalische Erfahrungen aus einem längerem Zeitraum verbinden.

Das melodiöse Spiel von Thomas Borgmann, eingebunden in einen erdigen Sound, bewirkt, dass man sich bei dieser Musik sofort in der Welt des Jazz zu Hause fühlt, eine Welt, in der es allerdings auch manchmal zirpt und quietscht, rasselt. Dazu trägt nicht zuletzt auch Willi Kellers bei, „der zweitbeste Schlagzeuger der Welt, gleich nach Ed Blackwell“.

Die Heimat, die hier ruft, ist kein nostalgisches Klischee, sondern eine lebendige Erfahrung, gespeist von den Quellen des Free Jazz und auch dessen spezifischer Anverwandlung in der deutschen Jazzszene. Auch hier verbindet sich die Vergangenheit mit der Zukunft und liefert einen weiteren Beleg für die Lebendigkeit dieser Musik.

Drei der Musiker habe ich bei Jazz in der Kammer bereits in anderen Besetzungen gehört (in der Namensliste rechts sind sie zu finden). Ich bin gespannt auf das Konzert. Einen Vorgeschmack gibt es bei Youtube: 

Den aktuellen Vorschriften nach kann das Konzert im "2G"-Modus stattfinden (nur für geimpfte/genesene). Bringt also bitte die entsprechenden Nachweise mit.

Montag, 15. November 2021

Timo Vollbrecht "Fly Magic"

Heute war Timo Vollbrecht mit seinem Projekt "Fly Magic" im Forum Gestaltung zu hören. Ein hochkonzentriertes Spiel von vier bestens aufeinander eingestimmten Musikern. Für mich eine Entdeckung.

Timo Vollbrecht (sax)
Keisuke Matsuno (g)
Elias Stemeseder (p, synths)
Dayeon Seok (perc)

Die Musik der Band beginnt mit sanften Tönen aus Timo Vollbrechts Saxophon und leisen Gitarrenriffs von Keisuke Matsuno. Ab und zu sind dazu einzelne Töne zu hören, also ob jemand eine Melodie pfeift. Klangeffekte aus Emil Stemeseders Synthesizer, der auf dem Flügel steht. Später, bei einem langen Pianosolo, zeigt er, dass er nicht nur die Elektronik, sondern auch die Tasten des Flügels beherrscht. Dayeon Seok spielt im Auftaktstück ihren Schlagzeugpart wie in Zeitlupe gedehnt. Mir kommt es vor wie das, was ein Rock-Schlagzeuger als kräftiges Solo spielt, nur dass sie mit Ihren Stöcken in der selben Abfolge nacheinander ihre Drums und Becken schlägt, aber eben nicht leichthin und in hohem Tempo, sondern voller Konzentration hier und da und dort hinlangt. 

Nach diesem zurückhaltenden Beginn findet die Band in einem Fusionsound zusammen, bei dem das Saxophon im Vordergrund steht. Insgesamt ist die Musik so was von ausgewogen, dass eigentlich egal ist, wo die Klänge grad herkommen. Und, um Missverständnissen vorzubeugen: nein, mit „ausgewogen“ meine ich nicht „beliebig“. Die Musik ist immer wieder faszinierend, auch wenn etwa völlig verrückte spacige Effekte hinzukommen, man das Raumschiff gleich abheben zu hören meint. Oder wenn sie ins rockige wechselt, bei „givers an takers“. „So heißt unsere Lieblingsbar in New York, in der nur Rockmusik läuft“, erklärt Timo Vollbrecht den Titel. 

Samstag, 23. Oktober 2021

Vorschau November: Timo Vollbrecht "Fly Magic"

Am Montag dem 15. November um 20 Uhr wird Timo Vollbrecht mit seinem Projekt "Fly Magic" im Forum Gestaltung zu hören sein.

Timo Vollbrecht (sax)
Keisuke Matsuno (g)
Elias Stemeseder (p, synths)
Dayeon Seok (perc)

Hört man in das Video rein, so erwartet uns diesmal Musik, die eher in Richtung Jazz-Rock geht. Virtuos gespielt, mit einem Zauberer an den Gitarren, kräftigen Beats und swingendem Saxophon.

Aus der Ankündigung:

Im Gegensatz zu einer stereotypen Jazz-Besetzung betrachten sich die vier Musiker als ein formbares Kollektiv, das sich in die Gebiete des zeitgenössischen Jazz, der neuen Musik, des Post-Rocks sowie des instrumentalen Songwritings ausdehnt. Durch diese Einflüsse überschreiten sie die Grenzen des Musikgenres. Gemeinsam erforschen sie eine Vielzahl von Klangfarben durch Orchestrierung wie das Nebeneinander akustischer und elektrischer Instrumente, so kann die Romantik einer lyrischen Melodie durch einen destruktiven Soundeffekt der Gitarre unterbrochen (oder gefärbt) werden. Als Bandleader konzentriert sich Vollbrecht darauf, eine einzigartige kollektive Ästhetik zu schaffen, die den individuellen Ausdruck jedes einzelnen Improvisators in einen größeren Gemeinschaftsgeist einbettet.


Montag, 18. Oktober 2021

Pericopes +1

Pericopes +1: das Jazz-Trio aus Italien begeisterte mit seiner Mixtur aus Wildheit und Harmonie. Magdeburg war zweite Station der gerade begonnenen Tour zur Vorstellung ihrer neuen CD "Up".

Alessandro Sgobbio – Klavier
Emi Vernizzi – Saxophon
Ruben Bellavia – Schlagzeug

"Der Kultur-Hunger scheint ausgebrochen zu sein. Ich bin so glücklich, den Saal voll zu sehen", begrüßte Warnfried Altmann das Magdeburger Jazz-Publikum, und stellte die Band vor als "gelungenes Beispiel, wie man Elektronik und analoge Instrumente verbinden kann". 

Eine solche Verbindung gab es in der Tat, denn aus Alex Sgobbios Korg-Piano und Synthesizer strömen sphärische Klänge, über die Emi Vernizzis warm und klar sein Saxophon spielt. Ruben Bellavias Schlagzeug ist da noch zurückhaltend, und in der Kombination der drei Musiker flutet eine Woge von Klang den Saal. Erst recht als Sgobbio beginnt, das Piano mit vollem Körpereinsatz zu spielen, aufsteht, die Musik nicht nur spielt, sondern diese auch tanzt, sich wie ein Derwisch vor und zurück, auf und ab bewegt. Trotz der Dynamik, die sich auf die Musik überträgt, und trotz der Kraft und Lautstärke bleibt der Sound stets lässig.