Freitag, 21. Januar 2022

Julie Sassoon

Das Doppelkonzert von Julie Sassoon und Sophie Tassignon war bereits für den 20. März 2002 geplant. Mit diesem Datum fiel es in die erste Welle der pandemiebedingten Schließung von Veranstaltungsorten und Absagen von Konzerten. Nach fast zwei Jahren konnte es nun nachgeholt werden. "Wenn der Spruch, dass Vorfreude die schönste Freude ist", bemerkte Gastgeber Norbert Pohlmann dazu, "dann hatten wir jetzt zwei Jahre voller Freude". 

Im ersten Teil des Doppelkonzertes war Julie Sassoon solo am Klavier zu erleben.

Ihr Konzert begann Julie Sassoon zum Stecknadel fallen hören leise. Am Bechstein-Flügel stehend ließ sie nur wenige Töne klingen, leicht angeschlagen und lange gehalten. Scheinbar zufällig kamen die Töne, etwa so, wie die ersten Tropfen eines Regens hier und da auf die Erde auftreffen. Der Langsamkeit Raum geben, dem Nachhall der Töne lauschen, das bestimmt den Anfang des Konzertes. Faszinierend ist es (umso mehr, als man es jetzt live erleben kann), wie sich dieses leise Spiel dann allmählich steigert, an Dynamik und Tempo gewinnt. Als sie später zu einem sehr melodisch gespielten Klavier auch noch einzelne Töne singt, da verschmelzen Instrumentenklang und Stimme, man überlegt, was da Ursprung der neu hinzukommenden Töne ist.

Sonntag, 16. Januar 2022

Ein wahres Elend, der verdammte Krieg – Gedenkkonzert zur Zerstörung Magdeburgs

Heute vor 77 Jahren kam der Krieg zurück nach Magdeburg, wurden bei einem Bombenangriff große Teile der Stadt dem Erdboden gleichgemacht. Das Forum Gestaltung erinnerte mit einem Konzert an diesen Tag, seine Opfer und seine Vorgeschichte. 

Warnfried Altmann – Saxophon
Hermann Naehring – Schlagwerk, Percussion
Mahamad Isaa – Rezitation
Norbert Pohlmann – Filmcollage, Übersetzung, Rezitation

Norbert Pohlmann fragte angesichts der bis heute an jedem Tag irgendwo auf der Welt stattfindenden Kriege zu Beginn des Konzertes ins Publikum und auch sich selbst "hat es noch Sinn, Jahr für Jahr in sich wiederholender Form an diesen Tag zu erinnern?". Und lieferte auch die Antwort, über die er mit Mohamad Issa zuvor nachdachte. "Ich bin mir etwas weniger sicher, er mehr". Mohamad Issa, der vor dem Krieg in seiner syrischen Heimat floh, hat den direkten Bezug zu Krieg und Zerstörung – und gab dem auch in seiner Lyrik Ausdruck. Norbert Pohlmann trug diese Texte dann auf deutsch vor.

Aber auch aktuelle Vorgänge, das Erstarken rechter Kräfte, hatte Norbert Pohlmann im Sinn. In Anlehnung an den Begriff der political correctness rief er auf, "Lassen Sie uns human correct sein. Und lassen Sie uns ein 'dennoch' mitdenken. Denn noch ist es nicht zu spät. Noch kann man etwas tun."

Mohamad Issa sprach in seinen Gedichten vom Asyl, das ihm gegeben wurde, und von Gedanken an die Heimat, bei denen das Herz fast platzt. In seinen Gedichten gab es Erinnerungen an Friedenszeiten und Berichte vom Krieg in der Heimat. Und in der deutschen Übertragung erinnerte das an griechische Heldensagen, wie die vom Untergang Trojas. Die Geschichte der Kriege ist alt. Und sie ist leider nicht zu Ende. 

In einem Gedicht hieß es "Welche Schuld tragen die Kinder?". Die Frage war wie eine Vorschau auf die Filmcollage. In der zum Ende auch die Toten des Krieges vorkamen. In endlosen Reihen von Särgen, in Bildern von Menschen, die die Reihen von Toten auf der Suche nach Angehörigen abgingen. Und, wohl am berührendsten, in den Anblicken toter Kinder, die Hände über der Brust gefaltet, das Haar sich noch leicht im Wind bewegend.

Donnerstag, 30. Dezember 2021

Vorschau Januar: Stahl-Cello trifft auf Obertongesang

Im Januar sind zwei Konzerte anzukündigen: 

Am Sonntag, dem 16. Januar um 20 Uhr erinnern Warnfried Altmann und Hermann Naehring wieder in ihrem Gedenkkonzert an die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945. Saxophon und Schlagwerk vor einer Filmcollage. Das Konzert endet kurz vor dem damaligen Beginn der Bombardierung. Anschließend kann man im Hof des Forum Gestaltung schweigend den überall in der Stadt ertönenden Glocken lauschen.

Das Konzert am 17. Januar wurde aus gesundheitlichen Gründen abgesagt!
Ich wünsche gute Besserung!

Am Montag, dem 17. Januar, gleichfalls um 20 Uhr, gibt es wieder das reguläre Jazz in der Kammer. Mit einem Konzert, auf das ich mich schon sehr freue: Almut Kühne (sie war im April 2015 bereits bei Jazz in der Kammer zu erleben) kommt gemeinsam mit Jan Heinke und seinem Stahlcello nach Magdeburg.

Almut Kühne – Gesang
Jan Heinke – Stahlcello, Percussion, Obertongesang

Almut Kühne und Jan Heinke
(Bildschirmfoto aus dem Video)

Almut Kühne war bereits vor sechs Jahren, im April 2015 bei Jazz in der Kammer zu erleben. Jan Heinke hatte ich im Jahr 2018 beim Rudolstadt-Festival gemeinsam mit drei weiteren Stahl-Cellisten als "Stahlquartett" live hören können und war damals begeistert vom Klang dieser Instrumente, dieser stählernen Ungetüme. Das Stahlcello ähnelt einem Skelett, wie man es vielleicht von Sauriern aus dem Museum kennt. Ein Goßes Blech spannt sich wie ein Segel über Stahlrippen. Blech und Rippen mit dem Bogen anstreichend (das ist dann die Verbindung zum Cello) entstehen sich langsam aufbauende Klänge, die von tief dröhnendem Bass bis zu hohem metallischem Klang reichen. Sphärisch und mystisch klingt das Instrument – dazu dann Almut Kühnes Gesang und Jan Heinkes Obertongesang. In einem Video eines Projekts beider Musiker kann man schon mal reinhören und -sehen:

Aber Video ist nie so schön wie live – deshalb eine herzliche Einladung ins Forum Gestaltung!
Hinweis: Das Konzert findet unter "2G" (geimpft/genesen) statt. Bitte denken Sie an einen entsprechenden Nachweis und Ihren Ausweis.

Im Jahr 2022 soll der Gesang als Thema im Mittelpunkt von Jazz in der Kammer stehen. Das Konzert am 17. Januar macht da den Auftakt. Es ist aber der ungewissen Situation von Veranstaltern und Künstlern geschuldet, dass es anders als in "normalen" Jahren noch kein fertig durchgeplantes Jahresprogramm gibt.

Montag, 20. Dezember 2021

Ruf der Heimat

Mit "Ruf der Heimat" steht ein Jazzquartett auf der Bühne, das mit Saxophon und Posaune eine doppelte Bläserbesetzung hat. Dazu noch ein Bass und Schlagzeug. Worauf man in diesem Fall ausdrücklich hinweisen kann: ein kräftiger Bass, denn auch dieser spielt unverstärkt. Man kommt also in den Genuss einer völlig unverfälschten, akustischen Musik. Unplugged, und das funktioniert auch wunderbar. 

Thomas Borgmann – Tenor- & Sopransaxophon, Flöte
Christof Thewes – Posaune
Jan Roder – Bass
Willi Kellers – Schlagzeug

Das Konzert fand in einer Zeit mit steigenden Pandemiezahlen statt, in einer wieder heranbrechenden Zeit der Unwägbarkeit für Musiker, Veranstalteru und Publikum. "Egal was die Politiker morgen beschließen, wir machen unbeirrt Kunst und Kultur im Forum", sagte Warnfried Altmann bei der Anmoderation der Musiker. "Wir lassen uns heute nochmal ergreifen von vier phantastischen Musikern".

Bei der Instrumentierung bleibt es nicht aus, dass die Musik ab und an auch Anklänge an klassischen New Orleans zeigt – wenn auch in einer eigenwilligen Form. Christoph Thewes Posaune meint man beinahe sprechen zu hören, Willi Kellers legt einen Rhythmus drüber, den er aus dem Maschinenraum des Jazz holt, Jan Roders Bass klingt mit kräftigen, tiefen und groovenden Tönen und dazu kommt Thomas Borgmann mit einem wilden Saxophon. Vor Weihnachten ist das mal eine Gelegenheit, sich so weit wie möglich von romantisch-kitschigem Weihnachtsgedudel zu entfernen. 

Samstag, 27. November 2021

Offbeat: Jazzrock Kollektiv Magdeburg feat. Łukasz Pawlik

Rock, Blues, Fusion – all das steckte in der Musik des Jazzrock Kollektiv Magdeburg zum Abschluss des Offbeat Jazzfestes im Gesellschaftshaus Magdeburg.

Stephan van Briel – Gitarre
Łukasz Pawlik
– Klavier
Mohi Buschendorf
– Bass
Peter Fleckenstein
– Schlagzeug

Das Jazzrockkollektiv hatte sich den Pianisten Łukasz Pawlik hinzugeholt und er gab dem Konzert dann auch eine besondere Note. Da klingen schon mal aus dem E-Piano asiatisch anmutende Klänge, aus denen die Band dann Fusionklänge formt, die von kräftigen Tönen des Flügels abgelöst werden, zu dem sich Pawlik hingewendet hat. 

Stephan van Briel spielt eine leise, melodische Gitarrenballade, zu der Mohi Buschendorf später einen kräftigen Bass und Łukasz Pawlik eine zurückhaltende Klavierbegleitung hinzufügt. Etwas später spricht Stephan van Briel spricht über Jimmi Hendrix und John Coltrane: "die beiden werden wir jetzt in einem coolen Arrangement zusammenbringen". Fusion im doppelten Sinn, Blues wechselt mit Rock, elektronisch verzerrte Gitarre wird zum "Geburtstagsständchen für Jimmi Hendrix" (der exakt am 27. November 1942 geboren wurde). 

Offbeat: Benjamin Ulrich Trio feat. Alexander Wienand

Ein Jazz-Klaviertrio in klassischer Besetzung gab den Auftakt zum zweiten Teil des Offbeat Jazzfestes. Eine Mischung aus schnellem Blues und sinnlichen Klavierstücken.

Benjamin Ulrich – Schlagzeug
Alexander Wienand – Klavier
Lars Düseler – Bass 

Das Trio beginnt zum Einstieg mit locker dahingespielten Klavierklängen und swingenden Melodien. Etwas später erklingt für einen Jazzabend ungewohntes: Alexander moderiert das nächste Stück (Mozart Paraphrase 3) an, setzt sich an den Flügel, spielt erst den Beginn von Mozarts D-Moll-Sonate, anschließend von Bachs Wohltemperierten Klavier und sagt dazu: "dies nur vorab, damit Sie nachher die Chance haben, das wahrzunehmen". Tatsächlich hört man aus der Musik der Band dann die Struktur dieser klassischern Stücke heraus. 

Andere Stücke basierten auf bekannten Poptiteln. So wie "Here comes the sun", etwas schwungvoller und frischer als das Original der Beatles. And it's alright, little Darling, yeah! Ein weiteres Stück schrieb Bandleader Benjamin Ulrich für Lars Düseler. "Ich liebe Bass-Themen, es ist aber manchmal gar nicht so einfach das hinzubekommen". Ein musikalisches Zwiegespräch zwischen Klavier und dem tief brummenden akustischen Bass. Erst später kommt Ulrich hinzu, die Trommeln nur leise mit den Besen gestrichen (mich erinnerte diese zurückhaltende melodische Musik an Vince Guaraldi).