Montag, 17. September 2012

1000 – Played

1000, das sind die vier Musiker
Jan Klare (D) – Saxophone
Bart Maris (B) – Trompete
Wilbert de Joode (NL) – Bass
Michael Vatcher (US, NL) – Schlagzeug
Michael Vatcher, Wilbert de Joode, Jan Klare, Bart Maris

Ein Jazz-Quartett, das sowohl die lauten und schrillen Jazz-Töne beherrschte als auch die ganz leisen und melodischen. Oft lagen dabei die Extreme dicht beieinander, wenn beispielsweise auf Freejazz ein Stück Gregorianik aus dem 11. Jahrhundert folgte – bei dem die auf Wassergläsern gespielten Melodien leise und zart hervorklangen und von Saxophon und Trompete ebenso leise aufgenommen und dabei verfremdet wurden, ohne den harmonischen Eindruck zu stören. Gleich darauf konnte man Jazz-Standards hören, bei denen sich die Musiker wieder in wilde Rhytmen hineinsteigern konnte. Dieser Wechsel zwischen den Stilrichtungen, die musikalischen Brüche machte das Konzert interessant und abwechslungsreich. Klare und Maris spielten hervorragend aufeinander eingestimmt auf den doch grundverschiedenen Blechblasinstrumenten, bei de Joode war interessant zu erleben, welche Töne er seinem Baß entlocken konnte. Das Publikum, das selbstverständlich seine Zugabe bekam, hätte sicher gern noch viel viel mehr davon gehört.

Donnerstag, 13. September 2012

Vorschau September

Am 17. September beginnt die Spielzeit 2012/13 von Jazz in der Kammer mit einem Projekt von Jan Klare unter dem Titel played 1000.

Jan Klare (D) – Saxophone
Bart Maris (B) – Trompete
Wilbert de Joode (NL) – Bass
Michael Vatcher (US, NL) – Schlagzeug

Die Zahl 1000 im Titel des Bandprojektes steht nach Aussagen der Band nur für sich selbst, als "eine große Zahl". Aus der eigenen Beschreibung auf der Bandwebseite:
Das Quartett, bestehend aus dem "Rythmus -Dream-Team" de Joode/ Vatcher und den (musikalischen) "Zwillingen" Maris/ Klare, ist in der improvisierten Musik beheimatet, beschäftigt sich aber eingehend mit Kompositionen von u.a. Klare, Ravel, Pergolesi. Eine telepathisch unterlegte, eigene Klangsprache und Kommunikationsstrategie hat sich im Laufe vieler Konzerte kristallisiert und ist auf 3 CDs dokumentiert. Bei "1000" gehen Komposition und ihre improvisatorische Weiterentwicklung Hand in Hand, die Band schafft es meisterlich, einer gerade aufkeimenden Idee durch ein Higgs Teilchen Masse zu geben und ins komponierte Universum zu überführen. Das Repertoire ist komplex, doch niemals statisch – die Musik bleibt immer handfest.

In den Musikbeispielen im Netz hört man Musik vor allem aus dem Bereich des improvisierten Jazz, viel experimentelles, daneben aber auch ein spielerischer Umgang mit Jazzstandards. Man darf also gespannt sein und bereits jetzt wünsche ich uns, die Musiker und den Organisator eingeschlossen, einen schönen und musikalisch interessanten Auftakt der neuen Saison.

Montag, 10. September 2012

Vorschau 2012/13

Wer sich beim Durchschauen der Liste der Jazz-Konzerte in der Saison 2012/13 verwundert fragt, "hier fehlt doch was", dem sei ein "ja, leider" geantwortet.

Bereits zum Ende der zurückliegenden Saison von "Jazz in der Kammer" wies Warnfried Altmann darauf hin, daß das Geld in der kommenden Spielzeit nur noch für neun statt bisher zehn Konzerte reicht. Die Sommerpause dauert nun also drei statt bisher zwei Monate. Ärgerlich, aber anscheinend war nicht mehr rauszuholen. Immerhin wirkten sich die Kürzungen weit weniger stark aus als zuvor befürchtet (zeitweise war von einer Kürzung auf vier Konzerte die Rede). Also schauen wir mit Zuversicht nach vorn, freuen wir uns auf das Kommende. Als da wäre:

Montag, 17.09.12, 21.00 Uhr
played 1000
Jan Klare – Saxophone
Bart Maris – Trompete
Wilbert de Joode – Bass
Michael Vatcher – Schlagzeug

Montag, 15.10.12, 21.00 Uhr
JazzXClamation
Kathrin Lemke – Saxophon
Niko Meinhold – Klavier
Mike Majkowski – Bass
Tobi Backhaus – Schlagzeug

Montag, 19.11.12, 20.00 Uhr
Kaleidoscope String Quartett (Schweiz)
Simon Heggendorn – Violine
Ronny Spiegel – Violine
David Schnee – Viola
Bruno Fischer – Violoncello

Montag, 17.12.12, 20.00 Uhr
Fo(u)r Alto – mikrotonale Musik für 4 Altsaxophone
Frank Gratkowski – Altsaxophon, Komp.
Christian Weidner – Altsaxophon
Benjamin Weidekamp – Altsaxophon
Florian Bergmann – Altsaxophon

Montag, 21.01.13, 20.00 Uhr
Gilbert Paeffgen Trio
Werner Hasler – Trompete
Christopher Dell – Vibraphon
Gilbert Paeffgen – Drums

Montag, 18.02.13, 20.00 Uhr
Basement Research
Gebhard Ulmann – Saxophon, Bassklarinette
Steve Swell – Posaune
Julian Argüelles – Bariton- und Sopransaxophon
John Hebert – Bass
Gerald Cleaver – Schlagzeug

Montag, 18.03.13, 20.00 Uhr
Ronny Graupes Spoom
Ronny Graupe – Gitarre
Jonas Westergaard – Bass
Christian Lillinger – Schlagzeug

Montag, 15.04.13, 20.00 Uhr
Dudek/Wunsch
Frank Wunsch – Piano
Gerd Dudek – Saxophon

Montag, 20.05.13, 20.00 Uhr
Benedikt Jahnel Trio
Benedikt Jahnel – Saxophon
Jonas Burgwinkel – Schlagzeug
Matthias Pichler – Bass

Wenn ich mir die Liste so anschaue, dann sehe ich darin einige der Magdeburger Jazzgemeinde bereits vertraute Namen. Ich freue mich darauf, diese Leute mit ihren neuen Programmen wiederzusehen, und bin neugierig auf die mir noch unbekannten. Vorab eine Wertung der kommenden Konzerte vorzunehmen wäre vermessen. Deshalb nur ein paar Gedanken dazu: In diesem Jahr setzt Warnfried Altmann wieder ganz auf instrumentale Musik, aber vielleicht gibt es ja in der folgenden Spielzeit auch mal wieder Gesang im Programm. Das Dezemberkonzert mit vier Saxophonen wird wohl Warnfrieds Weihnachtsgeschenk sein, daß er sich als begeistertem Saxophonisten selbst macht (man mag spekulieren, ob sich vielleicht noch eine Jam-Session anschließen wird). Auf das Konzert des mir bisher völlig unbekannten Kaleidoscope String Quartetts freue ich mich persönlich ganz besonders, allein schon wegen der für den Jazz äußerst ungewöhnlichen Besetzung, die nach einigen eben gehörten Internet-Hörbeispielen ungeahnte, harmonische Klänge verspricht.

Montag, 18. Juni 2012

Pata on the Cadillac

Norbert Stein kam mit seinem aktuellen Projekt "Pata on the Cadillac" nach Magdeburg, in der Besetzung:
Norbert Stein — Tenorsaxophon, Komposition
Michael Heupel — Flöten
Nicolao Valiensi — Euphonium
Ryan Carniaux — Trompete
Georg Wissel — Altsaxophon
Albrecht Maurer — Violine
Joscha Oetz — Kontrabass
Christoph Haberer — Schlagzeug


Norbert Stein war mit seinen Pata Masters nun schon zum vierten Mal zu Gast bei Jazz in der Kammer, wie immer in relativ großer Besetzung. Das Konzert begann mit Anklängen an französische Kammermusik, Dissonanzen wechselten mit Flötentönen wie aus Debussys Nachmittag eines Fauns, die Violinmelodien heben sich zart empor, ein plötzliches wildes Durcheinander wie beim Stimmen eines Orchesters findet wieder zu einer gemeinsamen Melodie zurück.

Norbert Stein beschreibt den Hintergrund der Musik mit kurzen Texten, teils auch mit philosophischem Hintergrund. So wie bei Drifting: "Die Dinge kommen, sind da, und gehen auch wieder". Musikalisch ist es ein Bläsersatz, der die Trompete unterstützt. Die Töne entwickeln sich zu einem Furioso nahe der Schmerzgrenze, Steins Saxophon gleich einem Nebelhorn vorneweg, um dann die Bläser untereinander lustig schnattern zu lassen.

Bei Cat Walk steckt Schrödingers Katze hinter dem Titel. Ja, genau die aus der Physik, die in der Kiste mit dem zerfallenden Atomkern und dem giftigen Gas zugleich tot und lebendig ist. Was ist hier der Zusammenhang zur Musik? Vielleicht, daß sich erst beim hören entscheidet, ob die Musik harmonisch oder wild ist – oder vielleicht auch beides gleichzeitig.

Oder bei All is no thing, das als Wortspiel auch als All is nothing zu lesen ist. Die Musik fängt in harmonischem Zusammenspiel von Saxophon und Flöte an, die Melodie wird von der Violine aufgenommen und allmählich divergieren die Melodien irgendwo zwischen Kammermusik und Eisler, teils mit lautmalerischen Tönen.Und wem das zu durcheinander vorkam, der sei an noch viel ältere Musik erinnert – die Instrumente schnattern, quaken oder bellen lassen konnte auch schon Georg Philipp Telemann.

Man mußte sich schon wirklich einlassen auf Norbert Steins improvisierte Musik mit philosophischem Hintergrund, dann aber konnte man seinen Spaß dabei haben. Die verrückten Musiktitel geben dem Hörer zumindest Anhaltspunkte für eigene Assoziationen und Interpretationen. So ist dann The Gap eben "die Lücke zwischen zwei Gedanken". Die Stein unversehens mit Musik füllt.


Samstag, 16. Juni 2012

Bach und Kommentare

Ein Konzert der Pretziener Sommermusiken in der St.-Thomas-Kirche Pretzien, mit
Warnfried Altmann — Saxophon
Hermann Naehring — Schlagwerk und Percussion
Hans-Günther Wauer — Orgel

Mit jedem Schlag der langsam ausklingenden Kirchenglocken wurde das Publikum in der bis zum letzten Platz gefüllten romanischen Kirche ruhiger. In die Stille der Kirche tönte ein Bachscher Orgelchoral, auf der warm, fast wie eine menschliche Stimme klingenden Orgel. Hans-Günter Wauer, der inzwischen 86jährige Organist, spielte bereits zu DDR-Zeiten neben Kirchenmusik auch Jazz-Konzerte auf den Kirchenorgeln und ist noch immer ein Meister der Improvisation auf seinem Instrument. Etwas wackligen Schrittes wurde er von Warnfried Altmann zur Orgelbank geleitet; als dann aber seine Finger die Tasten berührten, waren alle körperlichen Gebrechen vergessen.

Warnfried Altmanns Saxophon begleitete die Orgel beim nächsten Stück, einem Luther-Lied, wozu das Publikum nach den ausliegenden Notenblättern mitsang, allerdings nicht ganz textsicher. Ein Trostchoral, der an die Entstehungszeit der Musik erinnerte, mitten in Not und Elend.

Anschließend begann Hermann Naehring ein dröhnendes Furioso auf seinem Schlagwerk mit Pauken und Percussion, das von Orgelklängen abgelöst wurde. Mich erinnerten diese Klänge an Altmanns und Naehrings Gedenkkonzert "ein wahres Elend der verdammte Krieg" aus Anlaß der Zerstörung Magdeburgs. Kriegstrommeln und Geschützdonner, darüber wie ein Trost die Töne der Orgel.

Unterdessen ging Altmann in den Chor der romanischen Dorfkirche und kam von dort, auf dem Saxophon ein beinahe wie menschlicher Gesang klingendes Lied spielend langsam zurück zur Orgel geschritten. Zur Orgel, die Naehring diesmal auf hochtönendem Blech begleitet, dem Zimbelstern der Orgel gleich, leicht, zart und fast schon spielerisch. Um gleich darauf jazzige Rhythmen anzustimmen, denen Altmann improvisierte Kirchengesänge unterlegt.

Ganz andere Klänge gab es, als Naehring auf der Handtrommel Altmanns Sopransax begleitete, die Musik klang diesmal nach einer Mischung aus Orient und Mittelalter.

So harmonisch blieb es aber nicht. Wauers Orgelspiel wird von Saxophon und Schlagzeug übertönt, die Musik wandelt sich in Maschinenlärm, der plötzlich abbricht, um eine Melodie auf dem Saxophon hervorklingen zu lassen, die aber nicht aus wohltönenden Harmonien besteht. Stattdessen klingen schmerzhafte Schreie aus dem Instrument, das kurz darauf mit jazzigen Melodiefetzen spielt.

In die dann wieder eingekehrte Stille des Kirchenraumes mischen sich ganz leise Naehrings Töne, ganz ruhig und sphärisch, wie eine Filmmusik, die dem Unterton nach vielleicht die eines Thrillers sein könnte. Es war interessant anzusehen, wie Naehring ganz ruhig und scheinbar mühelos und beiläufig auf seinem hunderte Instrumente umfassenden Schlagwerk spielt, dickwandige bronzenen Klangschalen reibt, Trommelfelle nutzt, um den Ton von Messingbecken wabern zu lassen, Röhrenglocken anschlägt. Altmann löst dazu Akkorde auf, die im Hall des Kirchenschiffs wieder zusammenfinden. Gänzlich zur Klanglandschaft, in die man sich geschlossenen Auges hineindenken kann, wird die Musik, als Naehring seinen riesigen Regenmacher hervorholt, der den Regen minutenlang leise fallen läßt.

Als Altmann und Naehring in jazzige Töne wechseln und sich improvisierend und bis an die Schmerzgrenze laut, immerschneller werdend ein Duell liefern, sprengen Sie endgültig die Grenzen der Kirchenmusik. Um dorthin wieder zurückzukommen, spielt Wauer zum Schluß des Programms ein zeitgenössisches Orgelstück von Olivier Messiaen, das von Altmann und Naehring diesmal nur leise begleitet wird.

Als Zugabe spielt Altmann "der Mond ist aufgegangen", begleitet von Naehring auf dem riesigen Gong – der zugleich den Mond symbolisiert.

Ein Programm, das weitab von üblicher Kirchenmusik lag, musikalisch anspruchsvoll und interessant.

Ein paar Fotos vom Konzert gibt es erst in den nächsten Tagen – schauen Sie dann nochmal hier rein.

Freitag, 8. Juni 2012

Vorschau Juni

Am 18. Juni kommt Norbert Stein mit seinem aktuellen Projekt "Pata on the Cadillac" nach Magdeburg, in der Besetzung
Norbert Stein — Tenorsaxophon, Komposition
Michael Heupel — Flöten
Nicolao Valiensi — Euphonium
Ryan Carniaux — Trompete
Georg Wissel — Altsaxophon
Albrecht Maurer — Violine
Joscha Oetz — Kontrabass
Christoph Haberer — Schlagzeug

Norbert Stein war bereits vor einigen Jahren Gast bei Jazz in der Kammer. Seine Musik stellt er unter den Begriff "Pata", der aber nichts mit der südafrikanischen Pata-Musik á la Miriam Makeba zu tun hat. Vielmehr lehnt er sich mit der Bezeichnung an die Pataphysik an, eine philosophische Richtung aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Alles musikalisch mögliche auch möglich machen, im Zusammenspiel unterschiedlicher Musikstile neue Varianten entdecken, das freie Interagieren der Musiker zu fördern, so könnte man seine Musik beschreiben. So darf man mit jedem neuen Projekt gespannt auf die Musik sein. Die Hörproben auf Norbert Steins Webseite machen neugierig. Bläsersätze, die sich improvisierend zwischen Bach-Chorälen. Hans Eisler und Free-Jazz bewegen, mal harmonisch, mal wild um eine Melodie ringend, während sich plötzlich Violinentöne aus den Bläsern herausheben. Faszinierend, und sicher keine ganz leichte Kost.

Für den Juni möchte ich noch auf zwei Termine außerhalb von Jazz in der Kammer hinweisen, bei denen der Organisator der Jazz-Reihe, Warnfried Altmann zu hören sein wird.

Am 13. Juni um 19 Uhr spielt die Martin-Rühmann-Band im Hafenbecken des Magdeburger Wissenschaftshafens. Die Bühne befindet sich auf einem im Hafenbecken schwimmenden Schiff, während die Konzertbesucher auf der Freitreppe zum Hafenbecken sitzen oder am Rand des Beckens stehen. Die Rühmann-Band aus Magdeburg gehört mit ihrer Musik und den poetischen Texten schon seit langem zu meinen musikalischen Favoriten.

Am 16. Juni um 17 Uhr spielen Warnfried Altmann (sax), Hermann Naehring (dr, perc) und Hans-Günther Wauer (org) in der romanischen St.-Thomas-Kirche in Pretzien. Ich freue mich schon sehr auf die drei. Hermann Naehring wird wohl wieder seine riesengroße japanische Tromel mitbringen und mit schweißtreibenden kräftigen Schlägen den Kirchenraum erzittern lassen, um dann gleich darauf das Spiel der anderen Musiker durch perlende Töne der Percussion-Instrumente unterschiedlichster Art zu bereichern. Hans-Günter Wauer, der inzwischen 86jährige Organist, spielte bereits zu DDR-Zeiten neben Kirchenmusik auch Jazz-Konzerte auf den Kirchenorgeln und ist noch immer ein Meister der Improvisation auf seinem Instrument. Und Warnfried Altmanns Saxophon wird in diese Improvisation einfallen und die Akustik des Kirchenraumes ausnutzen.