Montag, 22. April 2019

Vorschau Mai: Leo-Betzl-Trio

Am 20. Mai um 20 Uhr steht das Leo-Betzl-Trio auf der Jazz-Bühne im Forum Gestaltung.
Sebastian Wolfgruber – Schlagzeug
Leo Betzl – Piano,
Maximilian Hirning – Bass


Aus der Ankündigung:
Explosive künstlerische Energie und solistische Experimentierfreude gepaart mit tanzbaren Beats – das Leo Betzl Trio interpretiert in seinem jüngsten Programm Way up in the Blue (ENJA Records) seine bereits bekannten Qualitäten als virtuoses und perfekt eingespieltes Jazz-Klaviertrio neu.
Gespielt wird rein akustisch erzeugter Techno von lyrisch über minimal bis industriell; die Bandbreite ihres Sounds reicht dabei von zarten Improvisationen bis zu drückenden Beats, stets dramatische Bögen spannend und nie verlegen um eine überraschende Wendung.

Die interaktive Empathie und dynamische Performance der drei Musiker ist nicht nur faszinierend zu beobachten, sondern auch ansteckend: Die augenzwinkernd für jedes Experiment offene Band verwandelt ihre Spielstätten regelmäßig in Dancefloors.
Hört man in Musikbeispiele der Band rein, dann werden uns beim nächsten Jazzabend kräftige Klänge erwarten, metallisch, laut, mit schnell gespielten Rhythmen. Musik die von Dancefloors her bekannt vorkommt, die in diesem Fall aber nicht vom Computer kommt, sondern live auf akustischen Instrumenten gespielt wird. Ich bin gespannt darauf.

 

Sonntag, 14. April 2019

Baby Sommers Quartetto Trionfale

Ein Schlagzeug-Feuerwerk zum Abschluss der Jazztage: Günter "Baby" Sommer gehörte unbedingt in den Schlagzeug-Schwerpunkt des diesjährigen Programms. Ein großartiges Finale!
Günter „Baby“ Sommer – Schlagzeug/Perkussion
Michel Godard – Tuba, Serpent
Gianluigi Trovesi – Klarinette
Antonio Borghini – Bass
Anatoly Vapirov – Saxophon

Mit einem Urschrei und äußerst heftigen Schlägen auf seine Trommeln beginnt Günther "Baby" Sommer sein Konzert. Die Bläser stimmen ebenso kräftig ein, unisono in ihre Instrumente blasend. Interessant, mit welcher Dynamik Michel Godard die Tuba spielt, dieses riesige Instrument. Immer wieder wiederholen die drei die Melodie dieser Eröffnungsfanfare.

Michel Godard hat nicht nur seine blaue Tuba mitgebracht, sondern auch sein Serpent. Dieses aus dem Ende des 16. Jahrhundert stammende Instrument mit seiner (wie Serpentinen) gebogenen Form, wegen des Mundstücks übrigens ein Blechblasinstrument, wird normalerweise in der Alten Musik eingesetzt. Godard dürfte wohl der einzige Jazzmusiker sein, der den Serpent spielt. (Zufällig war ich vor zwei Jahren in Colmar im Elsaß im Museum Unterlinden, als Godard gerade einem Fernsehteam den dort im Museum ausgestellten Serpent erklärte. Später lief dieser Film auf Arte.) Überraschend warm klingt das Instrument, tiefe Töne fluten den Saal.

Anatoly Vapirov arrangierte ein armenisches Stück für Sommers Quartett. Dass dieses aus der Volksmusik stammt tritt vor den kräftigen Jazzklängen bald in den Hintergrund, bleibt aber immer noch erkennbar.

Als Baby Sommer gemeinsam mit Michel Godard (jetzt wieder an der Tuba)  im Duo spielt, steigern sich beide gegenseitig in Tempo und Kraft. Am Ende klingt die Tuba bei Godard ähnlich wie ein Didgeridoo. Dann macht Baby Sommer eine Pause, sagt den anderen Musikern "jetzt dürft ihr mal allein – was jetzt passiert, passiert jetzt. Eine Welturaufführung". Da erklingen dann melodische Bläsersätze, die auch ohne Schlagzeug kraftvoll sind. Später wiederholt sich das Zusammenspiel von Sommer und  Godard, diesmal um Antonio Borghini am Bass erweitert. 

PENG PENG PENG

Lyrik und Jazz, Lesung und Schlagzeug in der Matinee der Jazztage. Ein interessanter und unterhaltsamer Sonntagvormittag, eine Freude, Sprache und Musik zusammen zu hören!
Nora Gomringer – Lesung,
Philipp Scholz – Schlagzeug

Norbert Pohlmann sagte in seiner Anmoderation "Lyrik und Jazz gehören zusammen, die Art die Welt zu sehen, sie zu interpretieren, verbindet beides". Und tatsächlich gab es bereits früher schon sehr bemerkenswerte Verbindungen, ja sogar Symbiosen der beiden Genres. Mir fallen da etwa "Jazz Lyrik Prosa" in der DDR der 1960er Jahre oder die Lesungen von (Prosa)Texten von Charles Bukowski. Diese Verbindung von Lyrik und Jazz bewog auch Carsten Geerth, Geschäftsführer des Gesellschaftshauses, Nora Gomringer zu den  Jazztagen einzuladen: "ich habe eine Sendung im Deutschlandfunk über Nora Gomringer gehört und war fasziniert, wie musikalisch ihre Vortragsweise ist".

Die Besucher der Lesung bekamen davon gleich zu Beginn einen Eindruck, als Nora Gomringer sie in ihrem "Ursprungsalphabet" in ein Meer von Assoziationen mitnahm, in die Geschichte der menschlichen Dichtkunst von der Antike an bis in die Neuzeit, von Ariadne bis Rilke. Nora Gomringer spricht, rezitiert, setzt ihre Stimme mit lautmalerischen Tönen ein. Ihre inhaltlichen Betonungen werden von Philipp Scholz mit percussiven Klängen am Schlagzeug unterstützt, oftmals sind es nur leise Trommelwirbel oder leicht angeschlagene Becken, die den Rhythmus von Gomringers Sprache aber wunderbar unterstützen. So auch in ihrem Trauergedicht für eine Freundin "Das Herz", mit Trommelschlägen im Takt des in der Brust schlagenden schlagenden Herzen.

Samstag, 13. April 2019

KLARO!

Von Saxophon und Vibraphon geprägt war der dritte Teil des "Schlagwerk"-Abends, irgendwo zwischen Fusion und Swing. 
Karolina Strassmayer – Altsaxophon
David Friedman – Vibraphon
Haggai Cohen-Milo – Bass
Drori Mondlak – Schlagzeug

Karolina Strassmayer beginnt einfache, klare Melodien auf ihrem Saxophon zu spielen, begleitet von David Friedmans Vibraphon, Drori Mondlak bleibt an seinem Schlagzeug anfangs zurückhaltend, fügt nur sparsame Schläge auf seine Bleche hinzu. Nach kräftigen Solos tritt Strassmayer immer wieder einen Schritt zurück und lässt ihre Band allein freien Raum zum eigenen Spiel, wird später kräftiger. Haggai Cohen-Milos gezupfter Bass kommt dann im Solo sehr schön zur Geltung, lange lässt er seine tiefen Töne ausklingen, während er auf den höher gestimmten Saiten melodisch spielt. Schön, den Bass mal so ausdrücklich zu hören.

David Friedman spielt virtuos sein Vibraphon, die vier Schlegel fliegen über die matt glänzenden Metallplatten. Als dann das Saxophon hinzukommt, entwickeln sich Fusionklänge. Unterstützt wird die Band durch ihren sehr exakt spielenden  Schlagzeuger. Drori Mondlak sitzt hinter seinem Drumset und gibt die Rhythmen vor, mal laut und stark, dann wieder, in den leisen Stücken der Band, nur leicht angedeutet.  

Lechner und Couturier

Der zweite Teil des Jazzabends gehörte einer sehr leisen Form der Musik, bei der man erst einmal überlegen muss, ob man sie noch dem Jazz zuordnen kann. Ja, kann man, weil man beim Hören merkt, dass auch das wie klassisch inspiriert klingende Programm viele improvisierte Elemente enthält. 
Anja Lechner – Violoncello
Francois Couturier – Piano


Anja Lechner kam auf den Vorschlag (und auf den unbedingten Wunsch) Warnfried Altmanns ins Programm. "Ich habe mich gefreut, dass das sich dann wirklich so ergeben hat", sagte er, "und auf den Einwand 'aber da ist ja gar kein Schlagzeug dabei' würde ich entgegnen, 'auch in jede Linsensuppe gehört eine Prise Zucker'". Was er damit meinte wurde bei den ersten Klängen des Cellos klar, die sich leise, wie hingehaucht, über die Töne des Klaviers legten. Man meint in einem klassischen Konzert zu sitzen (was dann auch zur häufigen Bestimmung des Gartensaals des Gesellschaftshauses passen würde). Leise und betörend sanft zupft sie Tonfolgen auf den Saiten, die auch gut von Johann Sebastian Bach stammen könnten.

Nach einem weiteren sehr leisen Part (ich hatte da Bilder wie zu Filmmusik vor meinen Augen, irgendwas wie ein Flug über schneebedeckte Berge) steigerten beide die Dynamik ihres Spiels, werden die Klänge kräftiger und tänzerisch schwungvoll. Dann wieder legt Anja Lechner dissonant gestrichene Glissandi über einen im Vordergrund stehenden Klavierpart.

Ab der zweiten Hälfte wird die Musik der beiden jazziger, wenn auch auf eine sehr ruhige Art dieses Begriffes. Aus winzigen Veränderungen der gespielten Klavierakkorde heraus entwickeln sich Veränderungen in den von Anja Lechners Cello durchgeführten Wiederholungen. Musik wie eine freie Improvisation über eine Bach-Melodie entsteht.

Christian Lillinger: PUNKT.VRT.PLASTIK

Kräftige Rhythmen, Klavier und Bass standen am Beginn des mit "Das Schlagwerk" überschriebenen dritten Abends der Magdeburger Jazztage.  
Christian Lillinger – Schlagzeug
Kaja Draksler – Piano,
Petter Eldh – Bass 

Warnfried Altmann wies auf die Vielfalt der Möglichkeiten hin, als er für den "Schlagwerk"-Abend ein kontrastreiches Programm ankündigte. An dessen Beginn stand Christian Lillingers Trio. "Christian Lillinger kenne ich schon lange", sagte Altmann (Anm.: auch hier im Blog gibt es etwas über frühere Konzerte zu lesen), "und als feststand, dass wir das Schlagzeug in den Mittelpunkt der Jazztage stellen, habe ich ihn angerufen und ihm gesagt, du kannst Dir aussuchen mit wem du kommst, aber du musst dabei sein".

Wie schon bei früheren Auftritten ist eine sehr akzentuierte Spieltechnik typisch für Christian Lillinger. Konzentriert sitzt er am Schlagzeug, nach leichten Schlägen auf die Trommeln holt er weit aus und schlägt betont auf sein Blech. Mal spielt er nur aus dem Handgelenk heraus, mal mit vollem Körpereinsatz. Für Lillinger ist sein Instrumentarium nicht einfach nur Schlagzeug, sein Drumset wird zur Percussion-Maschine, wenn er das Blech seiner Becken mit Metallstangen streicht oder mit den Trommelstöcken auf dem Fell der Trommeln herumkratzt. Nicht nur die lauten, auch die leisen Töne sind ihm wichtig. Trommeln ebenso wie das Quietschen von Blech auf Blech. Experimentelle Klänge können aus ganz einfachen Möglichkeiten entstehen, etwa wenn Lillinger das Klavier mit Tönen der Saiten eines Eierschneiders begleitet, metallisch und hoch klingend.

Zu Lillingers Rhythmen spielt Kaja Draksler komplizierte Tonmuster auf dem großen Konzertflügel. Teils sind es nur stete Wiederholungen, die die Pianistin im Gleichklang mit dem Schlagzeuger spielt, mit der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerks, einzelne Töne, die Hände links und rechts zu den tiefsten und höchsten Tasten ausgestreckt. Dann wieder breite Akkordfolgen, fließende Töne.

Petter Eldh schiebt tief dröhnende Rhythmen hinzu, tiefe Borduntöne scheinen zwischen den Pausen des Schlagzeugs durch. Plötzlich Stille, in die hinein Kaja Draksler pedalunterstützt lange nachhallend langsame Akkorde klingen lässt, schneller wird, damit einen Rhythmus vorgibt, dem nun Lillinger folgt.

Jollis wilde Welt der Worte

Freude an Musik und Worten, an Spiel und Bewegung brachte die Jorinde Jelen Band mit nach Magdeburg. Auch wenn nicht ausdrücklich "Jazz für Kinder" unter dem Programmtitel stand, das Konzert passte hervorragend in die Jazztage.
Jorinde Jelen – voc
Volker Dahms – sax, fl
Bastian Ruppert – g
Steffen Greisiger – keys
Christian Sievert – kb
Eva Klesse – dr

Der Schinkelsaal im Gesellschaftshaus, sonst Ort klassischer Konzerte, ist beinahe leer geräumt, nur noch ganz hinten bleiben zwei Stuhlreihen für Eltern und Großeltern. Der Fußboden ist nun voller bunter Sitzkissen, auf denen die Kinder schon warten. "Es ist 15 Uhr – seid Ihr alle schon bereit? Sind die Ohren gespitzt, die Augen klar, die Ohren offen, der Mund bereit?" fragt Jorinde Jelen und singt "Dann kann die Show beginnen", lässt die Kinder mit Händen, Augen und Mund mitmachen. In ihren Liedern singt sie von Dingen, die die Kinder kennen, von Tieren und Blumen, singt über Musik und Gesten, lässt die Kinder den ganzen Körper einsetzen, und die Kinder singen, hüpfen, tanzen, winken, haben ihren Spaß daran.

Freitag, 12. April 2019

Kugel, McPhee, Edwards, Swell

Mächtige Bläserklänge, begleitet von Bass und einem starken Schlagzeug, standen am Ende des Clubabends der Magdeburger Jazztage.
Klaus Kugel – Drums
Joe McPhee – Saxophon, Trompete
Steve Swell – Posaune
John Edwards – Bass

In seiner Anmoderation wies Warnfried Altmann darauf hin, dass „Klaus Kugel einer der Schlagzeuger ist, die gern engagiert werden, wenn amerikanische Solisten nach Deutschland kommen, weil er so kraftvoll spielt“. Und er machte auf den Untertitel der Magdeburger Jazztage hin. „Jetzt! Das ist aktuelle, das ist zeitgenössische Musik“. Über Joe McPhee sagte er, „es ist selten, dass jemand in dieser Weise die beiden so unterschiedlichen Instrumente Tompete und Saxophon spielt“. Auch bei diesem Konzert des Clubabends gab es wieder eine spontane Erweiterung des ursprünglich angekündigten Trios. Zu Klaus Kugel, Joe McPhee und John Edwards kam nun Steve Swell mit seiner Posaune hinzu.

Es war beinahe unfassbar, mit welcher Gewalt und Lautstärke Joe McPhee mit seiner Trompete und Steve Swell mit seiner Posaune die Töne ins Publikum blasen. Töne, in denen sich eine ungeheure Kraft entlädt. Klaus Kugel setzt ein wahres Feuerwerk an Trommelklängen hinzu. Das Gehör der Konzertbesucher wird frei geblasen von allem zuvor gehörten. Erst danach ist Zeit auch für leisere Klänge: Joe McPhee und Steve Swell halten sich zurück, Klaus Kugel zaubert Geräusche auf mit dem Bogen gestrichenen Gongs oder lässt Glocken klingen.

Mateen, Kugel, de Joode

Der zweite Teil des Clubabends der Magdeburger Jazztage gehörte einem der Großen des afroamerikanischem Jazz. So jedenfalls kündigte Warnfried Altmann den New Yorker Saxophonisten Sabir Mateen an. "Wir haben hier jemanden, auf den in der Jazzszene gehört wird", sagte Altmann über Mateen. Anstelle von Warren Smith (der aus gesundheitlichen Gründen nicht den langen Flug nach Europa antreten durfte) saß Klaus Kugel am Schlagzeug, zusätzlich kam Wilbert de Joode am Baß hinzu, also der Bassist des vorangegangenen und der Schlagzeuger des folgenden Konzertes (ursprünglich waren Mateen/Smith als Duo angekündigt). Diese Besetzungsänderung wurde erst kurz vor dem Konzert zwischen den Musikern vereinbart – etwas, was so spontan nur auf einem Festival möglich ist.
Sabir Mateen – Sax
Klaus Kugel – Drums, Percussion
Wilbert de Joode – Bass

Die drei Musiker beginnen unvermittelt mit voller Kraft. Allen voran die klaren Töne auf Sabir Mateens Saxophon, zu denen Klaus Kugel kräftige Rhythmen beiträgt, bei denen er außer den großen und kleinen Trommeln eine Vielzahl an Gongs und Glocken klingen lässt. Diese percussiven Stellen sind es dann auch, die dem Zuhörer zwischendurch einige Augenblicke der Ruhe in einem insgesamt kräftigen Konzert geben. Wilbert de Joode zupft den Bass mit voller Dynamik, zieht an den Saiten, streicht ihn, klopft darauf und hebt sich mit diesem kräftigen Spiel aus dem Hintergrund der Musik heraus.

Sabir Mateen, der recht schwerfällig auf die Bühne kam, ist als er zu seinem Instrument greift, an musikalischer Kraft aber nicht zu bremsen. Als Kugel und de Joode mit ihren ausklingenden Instrumenten eine kurze Pause andeuten, schaut er nur kurz zu ihnen rüber, als wollte er ihnen "doch jetzt noch nicht" sagen – und spielt weiter, den ganzen Set an einem Stück. Mateen lässt das Saxophon in hohen Tönen melodisch klingen, trötet tiefe Töne hinzu, in immer wilder werdendem Spiel.

Jan Klares 2000

Der Clubabend der Magdeburger Jazztage im Forum Gestaltung begann mit Jan Klares neuem Projekt "2000" und sehr kräftig gespielter Musik.
Michael Vatcher – Drums
Jan Klare – Saxophon
Steve Swell – Posaune
Bart Maris – Trompete
Elisabeth Coudoux – Cello
Wilbert de Joode – Bass 

Jan Klare war in Magdeburg bei Jazz in der Kammer bereits früher mit seinem Projekt "1000" zu hören. Damals im Quartett, nun um Elisabeth Coudoux und Steve Swell zum Sextett vergrößert, was die klanglichen Möglichkeiten erweitert. Zu Beginn ist (in Clown for breakfest) nur der Bass zu hören, ab und an von einem scheinbar zufällig eingestreuten Schlagzeug unterbrochen. Dann aber setzten bald die Bläser mit einem kräftigen Gleichklang ein, mit wuchtigen Klängen, vielleicht wie im Orchestervorspiel einer Wagner-Oper und einem unwahrscheinlich stark gespieltem Schlagzeug. Ein experimentierfreudiger Bart Maris an der  Trompete wechselt sich ab mit einem anfangs eher sinfonisch klassisch klingenden, später kräftig improvisierendem Cello. Auch wenn die Band sehr kräftig spielt, bleibt sie an vielen Stellen melodisch, vielleicht auf ihre eigene Art von melodisch. Voller Intensität spielen sich Bart Maris von der linken Seite der Bühne her und Steve Sweell und Jan Klare von der rechten Seite der Bühne her gegenseitig Tonfolgen oder kleine Melodien zu, variieren sie, ein interessantes Zusammenspiel, bei dem die Tonquellen auf der Bühne sich gleichsam hin und her bewegen.

Donnerstag, 11. April 2019

Ivo Papasov and his Wedding Band

Mit Ivo Papasov und seiner bulgarischen Hochzeitsband stand Weltmusik am Beginn der 4. Magdeburger Jazztage. Kräftige und lebendige Musik, in der sich bulgarische Folklore mit europäischem Jazz mischte. 
Salif Ali  – Drums
Ivo Papasov – Clarinet
Maria Karafizieva – Vocals
Nenko Catchev – Kaval (Flute)
Ateshghan Yuseinov – El.guitar
Nesho Neshev – Accordion
Vasil Mitev – Keyboards, Gadulka (Violin)

Wenn Warnfried Altmann in der Anmoderation noch sagte, "manch einer wird vielleicht 'das ist doch gar kein Jazz' sagen", dann spielte er ganz bestimmt auf den musikalischen Hintergrund der Band an, die ebenso auch, wie schon im Namen "Wedding Band" ausgedrück, zu Hochzeiten und anderen Feiern zum Tanz spielt. Wer die Band dann hörte, wurde schnell eines besseren belehrt, denn so frisch und lebendig die Band auftrat, so kräftig sie Melodien interpretierte und mit schnellen Rhythmen spielte, passte sie wunderbar in ein Festival der improvisierten Musik.

Das Konzert begann noch mit langsamen, beinahe melancholischen Balkan-Klängen, die Nesho Neshev auf dem Akkordeon anstimmte und die Ivo Papasov auf der Klarinette immer lauter werdend wiederholte. Dann aber setzte das Schlagzeug ein, und das voller Kraft! Salif Ali trommelte los wie ein wildes Tier! Kräftige Tanzrhythmen kamen aus seinen Trommeln, Stimmung wie sie auch gepasst hätte, um Gäste auf einer Dorfhochzeit zu wilden Tänzen anzuregen. An dieser Stelle konnte man sich fragen, ob es wirklich nötig war, überhaupt Stühle in den Saal zu stellen – denn sonst hätte der ganze Saal getanzt.

Zwischen den vielen Instrumentals sang Maria Karafizieva mit kräftiger Stimme bulgarische Lieder. Bulgarische Volksweisen, einige davon aber so kräftig interpretiert, dass sie auch Rockmusik sein könnten. Im Publikum war auch die bulgarische Community vertreten, die die Texte selbstverständlich kannten und mitsangen. Später sagten mir einige: "Ivo Papasov und seine Band kennen wir schon seit so vielen Jahren, der war schon in unserer Jugend bekannt".

Eröffnung der Jazztage

Heute wurden im Magdeburger Gesellschaftshaus die vierten Magdeburger Jazztage eröffnet. Die Besucher dieses kleinen Jazzfestivals können sich von Donnerstag bis Sonntag auf zehn Konzerte freuen. Darunter gibt es diesmal erstmalig auch ein Konzert für Kinder und eine von Schlagzeug und Percussion begleitete Lesung.

Warnfried Altmann (links) und Norbert Pohlmann
eröffneten die Magdeburger Jazztage.

Norbert Pohlmann blickte in einer kurzen Ansprache zur Eröffnung der Jazztage auf die Zeit der Vorbereitung zurück und brachte auch die internationale Politik ins Spiel: "Wir haben uns zum Beispiel gefragt, laden wir auch englische Musiker ein. Vielleicht ist in Zeiten dyfunktionaler Regierungen die Kultur wichtiger denn je". (Anm. d. Red.: selbstverständlich ist auch ein Engländer vertreten. Und wie passend zum Thema Brexit kam grad heute in der Jazzsendung des Deutschlandfunks ein Beitrag über die "Brexit Big Band" des Engländers Matthew Herbert)
Wie um den poltischen Anspruch von Musik zu unterstreichen, zitierte er auch den Jazz-Musiker Coco Schumann, der, nachdem er Nazizeit, KZ und Holocaust überlebte, sagte "Wer den Swing in sich hat, kann nicht mehr im Gleichschritt marschieren."

Norbert Pohlmann wies auf einen weiteren Aspekt der Jazztage wies hin: "Manche haben uns gefragt, 'warum macht Ihr die Karten so billig?' (die Festivalkarte für 10 Konzerte kostet nur 80 Euro)" und erklärte "es ist uns wichtig, die Kultur für jeden zu ermöglichen." Und das auch im Gesellschaftshaus, das wie Pohlmann sagte "ein Haus der Hochkultur ist". Für ihn ist es "wunderbar, das mit dem Jazz zu verbinden".

Warnfried Altmann freute sich auf die zehn wunderbaren Veranstaltungen. "Vielleicht wird manch einer vielleicht über einige Konzerte, so wie das heute, 'das ist ja gar kein Jazz sagen' – so vielfältig ist die Musik und all das ist eben vor allem eine wunderbare, improvisierte Musik". Dazu gehören der Klubabend im Forum Gestaltung am Freitag mit kräftigem Jazz ebenso wie das unter dem Titel "Das Schlagwerk" stehende Konzert am Sonnabend im Gesellschaftshaus (mit jeweils drei Konzerten) und das Abschlusskonzert mit dem Schlagzeug-Großmeister Günter "Baby" Sommer und seinem Quartetto Trionfale.