Dienstag, 15. Januar 2013

Gedenkkonzert – aus Anlaß der Zerstörung Magdeburgs 1945

Der Krieg war schon fast vorbei, da wurde am 16. Januar Magdeburg Opfer des Bombenkrieges. Die Stadt wurde in Schutt und Asche gelegt, Tausende Magdeburger starben. Frauen, Männer, Alte und Kinder, aber auch Kriegsgefangene, denen es verboten war Schutzräume aufzusuchen, starben einen sinnlosen Tod.

Die Trauernde Magdeburg.
Denkmal von 1924, daß an die Zerstörung Magdeburgs
im Jahr 1631 erinnerte und 1945 als einziges Denkmal
aus den Trümmern der Johanniskirche
geborgen werden konnte.
In jedem Jahr errinnert das Forum Gestaltung  am 16. Januar mit einem Gedenkkonzert an die Zerstörung Magdeburgs. Warnfried Altmann (sax), Hermann Naehring (dr, perc) und Reinhard Lippert (acc) spielen zu montierten Original-Filmaufnahmen vom Leben in Magdeburg, von Rüstungsproduktion, Krieg und Zerstörung. Die klagenden Töne des Saxophons mischen sich mit den Rhythmen von Naehrings Trommeln.  Die Percussionklänge erfüllen den Raum und geben einen Eindruck vom Dröhnen der heranfliegenden Bomber. Zusammen mit dem historische Wissen ergeben sich in den Köpfen der Zuhörer fühlbare Assoziationen vom Grauen des Krieges.
Das Konzert endet zu der Zeit, als am 16. Januar der der Luftangriff begann. Aus dem Konzert kommend hört man die Kirchenglocken der gesamten Stadt, die an die Zerstörung Magdeburgs erinnern.

Ein einzigartiges Konzert, daß mich jedesmal aufs Neue sprachlos, traurig, aufgewühlt und nachdenklich zurückläßt.

16. Januar um 19:30 im Forum Gestaltung. (Magdeburg, Brandenburger Straße 10)

Sonntag, 13. Januar 2013

Vorschau Januar

Am 21. Januar ab 20 Uhr spielen Hasler Paeffgen Dell bei Jazz in der Kammer. In der Besetzung
Werner Hasler – Trompete, Elektronik
Gilbert Paeffgen – Drums
Christopher Dell – Vibraphon


Werner Hasler, Gilbert Paeffgen und Christopher Dell erzählen mit detailliertem Charme und Spielwitz spannende Geschichten. Sie verbinden Töne und Rhythmen zu einem akustisch-elektrischen Klangkörper, der die Einflüsse der drei Musiker aus unzähligen globalen Musikkulturen, freier Musikszene und Jazz neu kombiniert.
Die Sparsamkeit der Instrumentierung – trumpet / drums / vibraphone – schafft Räume für dynamisches Zusammenspiel und filigrane Interaktion. Sie ermöglicht Kompositionen,in denen sich Subtilitaet und Rauheit, freifließendes Spiel und verschachtelte Rhythmen abwechseln. Basierend auf Skalen aus Obertonstrukturen,Oktavteilungen und Parallelismen und inspiriert durch so gegensätzliche Welten wie den Naturhörnern der Alpenregion und orientalischer Taqsim, afrikanischer Polyrhythmik, zeitgenössischer Minimalismen und Clicks and Cuts, hinterlassen Hasler Paeffgen Dell eine nachklingende Tonspur.

Der Trompeter und Electronica-Spieler Werner Hasler hat sich einen Namen gemacht als Spiritus Rector der Gruppe Manufactur , als DuoPartner der Palästinensischen Saengerin und Oud-Spielerin Kamilya Jubran sowie als Begleiter des Trompeters Jon Hassel.
Gilbert Paeffgen pflegt ein assortiertes Schlagzeug vieler Klänge und vereint engagiertes Spiel mit Groove und Interaktion. Er taucht in immer wieder neuen musikalischen Zusammenhaengen auf, wobei die jahrelange Zusammenarbeit mit dem Sardischen Trompeter Paolo Fresu im Treya Quartet hervorsticht.
Christopher Dell stellt seine hohe Vibraphon-Kunst ebenfalls in den Dienst vielfaeltiger Projekte und Produktionen, die ihn mit John Tchicai, Rudi Mahall, Lars Danielsson, Nils Landgren, Vince Mendoza, Hiram Bullock und v.a.m. zusammenführte.   


Gilbert Paeffgen stand zuletzt im Jahr 2011 auf der Bühne des Schauspielhauses, damals in anderer Besetzung, und begeisterte mit seinen für den Jazz ungewohnten Instrumenten Harmonium und Hackbrett und einer teils harmonischen, teils rhythmisch lauten Musik. Die diesmal angekündigte Besetzung verspricht andere, gleichfalls interessante musikalische Akzente.

Montag, 17. Dezember 2012

Fo[u]r Alto

Fo[u]r Alto spielte in folgender Besetzung:
Frank Gratkowski
Benjamin Weidekamp
Florian Bergmann
Christian Weidner

Die Instrumente brauchen hier nicht einzeln aufgeführt werden – denn bereits dem Namen der Band ist schon zu entnehmen, daß die vier Musiker allesamt auf Altsaxophonen spielen. Eine Besetzung, die – wie Warnfried Altmann in seiner Anmoderation sagte – wohl einmalig sein dürfte.

Fo[u]r Alto: Frank Gratkowski, Christian Weidner,
Benjamin Weidekamp, Florian Bergmann (v.l.n.r.)
Das erste Stück des Konzertes – Tam Tam 4a – sollte mit seinen Klängen an Tamtams erinnern, an Gongs und Klangschalen, an klingendes Blech, das keine exakte Tonhöhe hat. Mit ihren nahezu gleich tönenden Saxophonen immitierten die vier Musiker völlig unterschiedliche Instrumente, unter denen man neben anderen Klängen tatsächlich so etwas wie große, angeschlagene oder angestrichene Blechplatten heraushören mochte. In seinen Stücken nutzte Fo[u]r Alto Efekte aus, die man im Zusammenspiel von Instrumenten normalerweise sorgsam vermeidet. Instrumente werden so gestimmt und gespielt, daß sie exakt zusammen klingen. Hier aber werden kleinste Tonunterschiede bewußt hörbar gemacht. Durch Frequenzunterschiede von wenigen Herz oder auch weniger als ein Herz entstehen Schwebungen der Töne, deutlich vernehmbare Lautstärkeänderungen, mit deutlichen Schwebungsfrequenzen. Durch das koordinierte Spiel ergänzen sich die untereinander gleichen Instrumente zu einem scheinbaren Dauerton, nur unterbrochen durch das plötzliche Aufploppen einzelner Töne. Man mag die Musik auch mit der aus Synthesizern vergleichen, denn auch dort werden Töne durch Überlagerung neu zuammengesetzt. Das zunächst scheinbare Durcheinander entwickelt erst allmählich (das erste Stück hatte immerhin eine Dauer von einer Viertelstunde) sein System. Erst nach und nach wird das Ohr empfindlich für Geräusche, die sich aus dem Grundton herausheben, vermag es Klangassoziationen zu entwickeln. Da ertönt auf einmal ein wildes Geschnatter wie von einer Gänseherde oder wild diskutierender Menschen (was manchmal keinen Unterschied macht). Dann wieder meinte man, Fanfaren vorbeifahrender Lkw oder Sirenentöne herauszuhören.

Wie interpretiert man nun diese Musik? Da wird wohl jeder Hörer des Konzertes seine eigene Variante haben. Für mich war die Musik eher in der sogenannten Neuen Musik einzuordnen, in der Minimal Music, die mit langdauernden Folgen sich nur geringfügig ändernder Melodiemuster arbeitet. Dieses Prinzip treibt Fo[u]r Alto damit auf die Spitze, daß diese Melodien oft aus mikrotonalen Veränderungen bestehen, aus Tonunterschieden von nur einem Viertelton oder weniger. Um diese Variationen sauber zu spielen, mußten die Musiker hochkonzentriert sein. Darin unterstützt wurden sie durch die Zeitanzeige auf einem Laptop-Bildschirm, der als Dirigent des Quartetts fungierte.

Das Saxophon kennt man zumeist als kräftiges Melodieinstrument. Hier aber, beispielsweise im zweiten Stück, tönten die Saxophone überwiegend leise und verhalten, wurden die Instrumente zum Teil auch nur so leicht angeblasen, vielleicht eher angehaucht, daß es geradeso nicht zum entstehen des typischen Saxophon-Klanges reichte und stattdessen nur Windgeräusche zu hören waren, das Saxophon zum Percussion-Instrument wurde. Statt metallischer Saxophontöne gab es Geräusche, die nach dem Pfeifen eines kochenden Wassertopfes, langsamen Atemgeräuschen eines großen Tieres oder Meeresrauschen klangen. Dann wieder kurz gespielte Töne, die ein dadaistisches Durcheinander ähnlich Kurt Schwitters Ursonate ergaben.

Das zweite Set des Abends erforderte einige technische Umbauten. Die Musiker stellten sich an den vier Ecken des Raumes auf, um von dort aus einen noch räumlicheren Schalleindruck zu erzeugen. "Baden im Klang" nannte das Gratkowsky erklärend und forderte die Zuhörer auf, auch einmal den Kopf zu drehen und in unterschiedliche Richtungen zu hören. "Sie werden durch die Verteilung der Instrumente und durch die Reflexionen des Raumes dann jeweils etwas anders hören". Das ganz schlicht mit "Sound 1" überschriebene Stück bestand aus ganzen 24 Takten auf einer einzigen Notenseite, die über eine halbe Stunde gespielt wurden. Um dabei synchron spielen zu können, zeigten an den Notenständern befestigte Handys eine untereinander synchronisierte Zeit in Minuten und Sekunden an. Die jeweiligen Zeiten der Taktwechsel waren auch auf den Notenblättern vermerkt.

Vorbereitung in der Pause: die Noten für das zweite Set

Über 30 Minuten und 40 Sekunden hinweg erfüllten meditative Töne den Raum, konnte man sich geschlossenen Auges den ruhigen betörenden Klängen hingeben, seine Gedanken schweifen lassen, sich Bilder zu den Klangmalereien denken. Die halbe Stunde, die für die Zuhörer scheinbar schnell verging, forderte den Musikern eine große Kraft ab.

Auch wenn das letzte Stück ursprünglich für die Aufführung in einer Kirche komponiert wurde, in der man auf Grund des Halls keinen konkreten Ort des Tones mehr heraushören kann, funktioniert das Klangexperiment auch im Foyer des Schauspielhauses. Das Publikum lauschte der Musik sehr konzentriert, vor allem beim zweiten Set mit seinen halbstündigen meditativen Tönen. Am Ende des Sets blieb es erst einmal lange Zeit ruhig im Saal, so sehr wirkte der ruhige Eindruck der  Musik noch nach. Daß es dann zunächst nur sehr verhaltenen Applaus gab, war deshalb kein Ausdruck von Mißfallen, sondern lag ganz einfach an dem Gefühl, aus der Ruhe noch nicht wieder auftauchen zu wollen.

Warnfried Altmann sagte nach dem Konzert, er wisse, daß das Publikum von Jazz in der Kammer inzwischen auch musikalischen Experimente gewöhnt sei. Allerdings dauere es, bis sich das Vertrauen in die musikalische Vielfalt und die Qualität der Konzerte einstellt, um sich bereitwillig auch auf ungewohnte Klänge einzulassen.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Vorschau Dezember

Am 17. Dezember steht ab 20 Uhr Fo(u)r Alto auf der Bühne des Schauspielhauses. Im Namen der Band ist schon der musikalische Inhalt enthalten – Fo(u)r Alto besteht aus vier Altsaxophonen, gespielt von
Frank Gratkowski
Benjamin Weidekamp
Florian Bergmann
Christian Weidner

Eine Zusammensetzung, bei der man sich erst einmal fragt, "was denn, nur vier gleiche Instrumente, sonst nichts?". Nein, sonst nichts. Aus diesen vier Instrumenten entsteht eine sehr eigenartige Musik, die nur wenig mit dem klassischen Jazz zu tun hat, die eher in der neuen Musik zu verorten ist. Was schon die Hörproben auf der Bandwebseite zeigen: die Musik der vier Saxophonisten lebt vom Spielen, genauer vom Experimentieren mit Ton- und Rhytmusverschiebungen, mit Interferenzen und mikrotonalen Klangunterschieden. Musik, wie sie sonst vielleicht auf Synthesizern der 80er Jahre entstand, wird hier auf realen Instrumenten gespielt. Ganz sicher wird das Dezemberkonzert nicht unter dem Titel "süßer die Saxophone nie klingen" stehen. Freunde der improvisierten Musik dagegen werden auf ihre Kosten kommen. Wer sich auf Klangexperimente einläßt, der wird auf jeden Fall einen interessanten Abend haben. Zumal die Instrumente live gespielt eine ganz andere Wirkung entfachen, die Schwingungen und Schwebungen anders als in den Hörproben auch räumlich wirken.

Montag, 19. November 2012

Kaleidoscope String Quartett

Kaleidoscope String Quartett mit
Simon Heggendorn – Violine
Ronny Spiegel – Violine
David Schnee – Viola
Bruno Fischer – Violoncello
Simon Heggendorn, Ronny Spiegel,
David Schnee, Bruno Fischer (v.l.n.r.)

Das Kaleidoscope String Quartett spielt in einer für den Jazz wohl einmaligen Besetzung, in der eines klassischen Streichquartetts. Zwei Violinen, eine Viola, ein Cello. Eine Jazzband ohne Rhythmusinstrument, Percussion oder Schlagzeug – geht das denn, mag sich manch einer gefragt haben. Doch gleich nach den ersten Stücken war die Antwort klar: ja, das geht, und sogar bestens. Das Magdeburger Jazzpublikum war jedenfalls begeistert von der Mischung, und möglicherweise lag es auch an der Neugier auf diese interessante Besetzung, die das Foyer des Schauspielhauses so voll wie schon lange nicht werden ließ.

Dabei setzte die Band nicht auf pure Harmonie und den Wohlklang der klassischen Instrumente, sondern auf das Ausprobieren klanglicher Vielfalt. Sowohl in der Harmonik als auch der Dynamik der Stücke. So wie bei "Wishes", mit dem das Konzert begann. Ganz zart kristallisierte sich aus leisen, aber anfangs noch disharmonischen Tönen eine Melodie heraus, wurden Rhythmen eingeführt. Faszinierend zu erleben, wie konzentriert und doch scheinbar leicht die Musiker mit den Herausforderungen umgingen, die ihnen Bandleader Simon Heggendorn mit seinen Stücken gestellt hat. Diese sind ursprünglich durchkomponierte Sätze – durch den Verzicht auf Noten bekommt das Konzert aber eine angenehme Lebendigkeit, klingt die Musik vielfach wie improvisiert. Spielerisch leicht und fast wie von selbst fügen sich die Melodien zusammen. Die Musik einer Gattung zuzuordnen fällt schwer. Bei einigen Stücken hörte ich Ansätze osteuropäischer Musik heraus, sah bei anderen die Berglandschaften der Schweiz beschrieben oder vernahm Anleihen bei Sibelius. Wenn dann aber das Cello wie in "Groovy" einen gezupften Baßrhytmus zugrundelegte, in den die anderen Instrumente einfielen, hatte die Musik beinahe etwas rockiges. Ebenso wenn die Rhythmen in einer nach Beat-Boxing klingenden Art durch das Schlagen der Bögen auf die Seiten erzeugt wurden. Viele der Stücke hatten aber im Grunde etwas zutiefst meditatives, was den Wunsch weckte, die Augen zumachen und  einfach nur noch lauschen zu wollen.

Als Zugabe erklang das letzte Stück der aktuellen CD, "One Life", das nochmals ganz leise begann. Die Bögen der Streicher strichen die Korpusse der Instrumente, was wie ein langsames, tiefes Ein- und Ausatmen klang, mit man seinen eigenen Atem unwillkürlich synchronisierte. Erst ganz leise stimmten erst die Violine und dann die anderen Instrumente ein, um dann aus leisen Tönen allmählich ein kräftiges Finale zu entwickeln.

Was so scheinbar leicht dahingespielt herkam, beruht aber auf echtem musikalischem Können. Anders wären die komplizierten, teils vierstimmigen Melodien gar nicht so perfekt zu spielen. Den Musikern kommt dabei ihre Ausbildung an klassischen Instrumenten zu Gute.

Auch aus einer anderen Sicht war der Abend bemerkenswert: das Konzert kam ohne elektronische Hilfmittel, ohne Mikrofon und Verstärkung aus. Die Instrumente reichten aus, das Foyer der Kammerspiel zu erfüllen. So war es eine schöne Gelegenheit, die eigenen Ohren mal wieder auf unverfälschten Klang zu eichen, neu zu kalibrieren. Das funktioniert vor allem in der zweiten Konzerthälfte, als der Barkeeper die sonst deutlich vernehmbar rauschenden Kühlschränke abgeschaltet hatte. Das Magdeburger Publikum war (wie immer) sehr diszipliniert und aufmerksam und ließ die leisen Töne bis zum Ende ausklingen. Das war Hifi pur.


Sonntag, 11. November 2012

Vorschau November

Am Novembertermin von Jazz in der Kammer am 19. November spielt das Kaleidoscope String Quartett aus der Schweiz, mit
Simon Heggendorn – Violine
Ronny Spiegel – Violine
David Schnee – Viola
Bruno Fischer – Violoncello

Eine nicht nur für die Magdeburger Jazzreihe sehr ungewöhnliche Band: Vier Streichinstrumente, und sonst nichts, kein Schlagzeug, kein Blasinstrument, nicht einmal ein Baß. Aber gerade deshalb verspricht der Abend mit dieser exotisch scheinenden Besetzung ein sehr interessanter zu werden. Die Zusammensetzung der Instrumente entspricht der eines klassischen Streichquartetts, die Musiker allerdings kommen aus beiden Welten, teils aus der Klassik, teils aus dem Jazz, und so bewegt sich die Musik dann auch zwischen diesen sehr gegensätzlichen Welten. Daß dies gut funktioniert, zeigen bereits die Hörproben auf der Webseite des Kaleidoscope String Quartett mit ihrer großen Bandbreite zwischen ruhigen melodischen und wilden Klängen. Mich machen die Beispiele neugierig, die Musik live zu hören.

Bitte beachtet die geänderte Anfangszeit: Ab dem Novembertermin beginnt Jazz in der Kammer bereits eine Stunde früher, um 20 Uhr.